Modehersteller mit neuen Vorstand Finanzchef soll Hugo Boss auf Kurs bringen

Von  

Auf der Suche nach einem neuen Vorstandschef sind die Metzinger in den eigenen Reihen fündig geworden. Mark Langer, das letzte verbliebene Vorstandsmitglied aus den Erfolgsjahren 2010 bis 2015, übernimmt die operative Leitung. Er hat eine schwere Aufgabe vor sich.

Steht die Damenmode auf der Kippe? Aktionärsvertreter fordern, Boss solle zu seinen Wurzeln – der Herrenmode – bekennen. Foto: dpa
Steht die Damenmode auf der Kippe? Aktionärsvertreter fordern, Boss solle zu seinen Wurzeln – der Herrenmode – bekennen. Foto: dpa

Stuttgart - Das Jahr 2016 wird entscheidend für Hugo Boss.“ Mark Langer hat diesen Satz am 10. März bei der Bilanzvorlage des Modeherstellers gesagt. Ob er damals schon wusste oder zumindest vermutete, dass er in diesem entscheidenden Jahr die operative Konzernleitung innehaben wird, bleibt sein Geheimnis. Langer führte das Wort bei der Pressekonferenz nur stellvertretend für den zwei Wochen zuvor geschassten Vorstandschefs Claus-Dietrich Lahrs. Doch seit Montagabend ist klar, dass aus dieser Interims- eine Dauerlösung wird: Der 47-jährige gebürtige Pforzheimer wechselt vom Posten des Finanzchefs auf den des Vorstandsvorsitzenden. „Ich sehe meine größte Aufgabe darin, einen langfristig profitablen und nachhaltigen Wachstumskurs für das Unternehmen zu verfolgen“, sagte Langer am Dienstag.

Der Aufsichtsrat unter Vorsitz des früheren langjährigen Adidas-Vorstands Michel Perraudin (69) hat sich bei der Besetzung für eine interne Lösung entschieden. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen kamen eine Handvoll Kandidaten in die engere Auswahl, darunter waren auch externe Alternativen. Dass ein Finanzchef den Posten des Vorstandschefs übernimmt, ist durchaus keine Seltenheit. Es gibt aktuell prominente Vorbilder wie Siemens-Chef Joe Kaeser, Metro-Chef Olaf Koch oder Telekom-Chef Tim Höttges.

Langer ist verheiratet und hat drei Kinder. Der Finanzfachmann, der sowohl Betriebswirtschaft als auch Maschinenbau studiert hat, ist 2003 zu Boss nach Metzingen gekommen. Dort ist er seit 2010 als Mitglied des Vorstandes für die Finanzen des Konzerns zuständig, der im vergangenen Geschäftsjahr mit weltweit 13 700 Beschäftigten einen Umsatz von 2,8 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Doch der Gewinn ging zuletzt um fünf Prozent auf 319 Millionen Euro zurück. Die Zeiten, in denen der Konzern zweistellige Umsatzzuwächse verzeichnete, seinen Gewinn in die Höhe schraubte und den Börsenwert seiner Aktien vervielfachte, scheinen vorbei zu sein. Bereits vor der jüngsten Bilanzvorlage musste Boss mehrfach seine Gewinnziele revidieren, was Langers Vorgänger Claus-Dietrich Lahrs schließlich das Amt kostete.

Die Vernachlässigung der Herrenmode ist aus Sicht von Aktionärsvertreter Filippo Siciliano von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) das schwerwiegendste Versäumnis bei den Metzingern: „Hugo Boss hat den Bezug zu den Wurzeln verloren“, sagt Siciliano. Lahrs hatte in den Damenmodebereich investiert und dafür den Stardesigner Jason Wu engagiert. Auch die Hinwendung zu mehr Luxus sei nicht geglückt. Statt „Champions-League-Niveau“ biete Boss hier noch „zu viel Kreisliga“, sagte der DSW-Vertreter der dpa.

Der Konzern hat bereits Veränderungen angekündigt: Marketingausgaben werden gekürzt und Mietverträge nachverhandelt. Vor allem in Asien sollen unprofitable Geschäfte geschlossen und die Verkaufspreise auf das europäische Niveau abgesenkt werden. Der Onlinevertrieb wird zurück in die schwäbische Konzernzentrale geholt. In den USA, wo Boss massiven Rabattschlachten ausgesetzt ist, will man sich von Großhandelspartnern trennen. Diese Strategie wird nun Mark Langer in der operativen Verantwortung weiterführen.

Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, äußerte im Gespräch mit dieser Zeitung Kritik an der Besetzung des Chefpostens: „Die Personalie ist nicht optimal für das Unternehmen.“ Sie stehe für den bequemeren Weg, verglichen mit der Alternative: einen externen Manager mit operativer Handelserfahrung an der Spitze des Vorstands zu installieren. Nach dieser externen Lösung sei zum einen „offensichtlich nicht ernsthaft genug gesucht worden“, außerdem habe man auch keinen Vorstandsposten geschaffen, der allein für das Geschäft mit den weltweit mehr als 1000 Shops zuständig wäre. Man hätte länger suchen sollen: „Mit dem nötigen Geld und der nötigen Zeit ist es immer möglich, die richtige Person am Markt zu finden“, sagt der Handelsexperte.

Heinemann spricht nicht nur dem ehemaligen Finanzchef und künftigen Vorstandschef Langer, sondern dem kompletten Boss-Vorstand die Expertise im Einzelhandelsgeschäft ab, das für den Konzern in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Geschäftsfeld geworden ist. Zuständig für den Bereich Vertrieb und Retail ist das neue Vorstandsmitglied Bernd Hake. Auch zu dieser Personalie hat Heinemann seine eigene Meinung: „Er ist ein Boss-Eigengewächs und Marketingfachmann.“ Doch Hake mangele es ebenfalls an operativer Einzelhandelserfahrung. Der künftige Vorstandsvorsitzende Mark Langer widerspricht dieser Darstellung: „Hugo Boss ist kein vertikaler Anbieter, auch wenn von diesen teilweise gute Ansätze kommen.“

Einen Hinweis darauf, wieso die Wahl des neuen Vorstandschefs auf Langer gefallen ist, könnten die Lebensläufe der beiden künftig wichtigsten Männer bei Hugo Boss liefern, so der Handelsexperte: Perraudin und Langer verbinde eine gemeinsame Vergangenheit als Berater beim US-Unternehmensberater McKinsey. Der Aufsichtsratschef wolle sich offenbar stärker ins operative Geschäft einmischen als bisher, vermutet Heinemann. Die aus seiner Sicht fehlende Einzelhandelskompetenz im Boss-Vorstand interpretiert der Wirtschaftsprofessor wie folgt: „Vieles deutet darauf hin, dass es nicht besser wird.“