Individueller und mit einem positiven Ausblick – so beschreibt die Rektorin Christine Nagel die sogenannte Lernförderliche Leistungsrückmeldung, die es aktuell statt Noten an ihrer Grundschule, der Backnanger Plaisirschule, gibt. „Bei der Art der Rückmeldung schauen wir mit den Schülern nach vorne, betonen was schon gut läuft und zeigen auf, wo Potenzial fürs Üben ist“, sagt die Schulleiterin.
Der landesweite Versuch läuft seit diesem Schuljahr
An 35 baden-württembergischen Versuchsgrundschulen – darunter neben der Backnanger Plaisirschule auch die Murrhardter Walterichschule sowie die Gemeinschaftsschule in der Taus in Backnang – läuft seit diesem Schuljahr ein landesweiter Versuch, bei dem die Kinder nicht in Form von Noten bewertet werden, sondern lernförderliche Rückmeldungen zu ihren Leistungen erhalten. Kurz vor Ferienbeginn zieht Christine Nagel eine positive Bilanz: „Wir sind dadurch viel mehr im Gespräch mit den Kindern und mit den Eltern. Und der Modellversuch gibt uns die Möglichkeit, konkrete Tipps zu Entwicklungsfeldern und Verbesserungsmöglichkeiten zu geben.“
Sie betont, dass dadurch keineswegs weniger Leistung eingefordert werde, im Gegenteil: „Wir können das Lernen jedes einzelnen Kindes viel besser in den Blick nehmen, und die Kinder können was anfangen mit der Rückmeldung und wissen, wo sie stehen“, sagt die Rektorin der Plaisirschule. Ganz ähnlich sieht es ihre Amtskollegin, die Rektorin der Walterichschule Murrhardt. „Wir waren beim ersten Versuch vor einigen Jahren schon dabei und zufrieden. Das war damals schon der richtige Weg, obwohl er leider abgebrochen wurde. Umso besser ist die Wiederaufnahme“, sagt Martina Mayer und fügt an, dass es durch Corona noch wichtiger sei, Schülern eine angstfreie Umgebung zu bieten. „Die Kinder haben keine Sorge vor schlechten Noten und werden dadurch mutiger und besser. Es geht nicht darum, keine Leistung einzufordern. Doch mit dem neuen Modell können Schüler an ihren jeweiligen Stärken und Schwächen abgeholt werden.“
Ist es möglich, an der Grundschule erfolgreich ohne Noten zu unterrichten?
Also keine Angst mehr vor dem gefürchteten Vierer im Diktat oder noch schlimmer dem Fünfer im Mathetest? Ist es möglich, Grundschüler bis zur vierten Klasse ohne Noten zu unterrichten? Die teilnehmenden Schulen im Kreis sagen Ja. Drei Jahre lang werden die Leistungen der Grundschüler nicht mit Noten von Eins bis Sechs bewertet, sondern mit differenzierten, möglichst die Lernbereitschaft fördernden Rückmeldungen. Doch was genau bedeuten denn diese lernförderlichen Rückmeldungen? Die Lehrer arbeiten mit Leistungsbewertungen in Form von Bildern, Grafiken und Gesprächen.
In der Backnanger Gemeinschaftsschule in der Taus haben sich Miriam Walz und Laura Prokop dafür als Symbol eine Blume ausgedacht. Die beiden Lehrerinnen freuen sich, den Schulversuch als Projektleiterinnen begleiten zu dürfen. „So was Ähnliches gab es schon mal. Deshalb war ziemlich schnell klar, dass wir uns wieder bewerben wollen“, sagt Laura Prokop und berichtet, dass das gesamte Kollegium dahintergestanden habe. Dadurch, dass es in der Gemeinschaftsschule sowieso erst ab Klasse 8 auf Wunsch Noten gebe, und weil sie mit den Schülern im regen Austausch sind und für die Kommunikation mit einem Logbuch arbeiten, das im Ranzen verbleibt, fühlte man sich an der Gemeinschaftsschule in der Taus gut vorbereitet auf so einen Versuch in den Grundschulklassen. „Da waren wir bei vielem routiniert, weil Abläufe, die durch den Versuch dazukommen, bei uns etabliert sind“, sagt Laura Prokop.
Blume als Symbol für Leistungsbewertung
Eben weil vieles längst nichts Neues mehr war, fiel es den Lehrerinnen nicht schwer, für den Versuch eine Blume als Symbol festzulegen. „Wir wollten keine emotionale Wertung in Form eines glücklichen oder traurigen Smileys. Vielmehr sollte es ein Symbol sein, bei dem Entwicklungsstufen darstellbar sind“, erklärt Laura Prokop. Wie die Blume Sonne und Wasser und Zeit brauche zum Wachsen, benötigten die Kinder Zeit, Übung und Aufmerksamkeit zum Lernen.“
In der Walterichschule wird dafür mit einem Apfelkern gearbeitet. Solche Symbole seien für die Kinder schnell eingängig. Je nach Leistung verdeutlichen sie in verschiedenen Stadien die Lernentwicklung. Bei Tests und in Entwicklungsgesprächen, bei denen die Lehrerinnen mit den Eltern und dem Kind dessen Lernprozess erörtern, kommen die Symbole zum Einsatz – gepaart mit Aussagen zur Kompetenz des Kindes in verschiedenen Bereichen. Die Zeugnisse ähneln den Protokollen der Entwicklungsgespräche: Sie sind in tabellarischer Form gehalten, es gibt keinen Fließtext. Aber an einer Sache stört sich Laura Prokop und sieht Verbesserungsbedarf: „Es hieß, wir wären frei darin, uns ein Symbol auszudenken. Dann kam die Info, dass die schulinterne Symbolik doch nicht in den Zeugnissen verwendet werden darf, sondern da einheitlich mit Sternen gearbeitet wird. Das ist ärgerlich, weil die Blumen den Kindern schon vertraut sind.“
Modellversuch: Lernförderliche Leistungsrückmeldung
Schulversuch
Der Versuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldung in der Grundschule“, bei dem die Kinder bis einschließlich Klasse vier keine Noten bekommen, hat in diesem Schuljahr in den Klassen eins und zwei der teilnehmenden Grundschulen begonnen. Er ist auf vier Jahre ausgelegt. In den folgenden Schuljahren bis 2025/2026 wird der Versuch in den bereits teilnehmenden Klassen fortgeführt und jeweils um die neuen ersten Klassen erweitert.
Auswertung
Über drei Jahre wird der Versuch vom Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg evaluiert; im vierten Jahr wird der Bericht erstellt. Lehrkräfte, Eltern und Schüler haben bereits erste Fragebögen ausgefüllt. Es gibt Vergleichsgruppen, die nicht am Versuch teilnehmen, sondern im herkömmlichen Sinne mit Noten arbeiten. Ziel ist es, Erkenntnisse für die Ausgestaltung des Versuchs zu gewinnen – zum Beispiel wie die beteiligten Personengruppen die Umsetzbarkeit und Akzeptanz des modellhaften Schulversuchs einschätzen.