Modischer Doppelpass Zwischen Fashion und Fußball
Die Fußball-Europameisterschaft beginnt in wenigen Wochen. Was trägt man als Fan? Der passende Modetrend ist längst gefunden. Spoiler: Trikots spielen dabei eine Rolle.
Die Fußball-Europameisterschaft beginnt in wenigen Wochen. Was trägt man als Fan? Der passende Modetrend ist längst gefunden. Spoiler: Trikots spielen dabei eine Rolle.
Auf leisen Sohlen schlich sich der Fußball einst in die Mode ein: Schuhe wie das Modell „Samba“ oder die „Gazelle“ von Adidas dribbelten vom Strafraum des (Hallen-)Fußballs in die Clubs der Stadt. „Die Wurzeln des nostalgischen Schuhwerks reichen bis in die 60er Jahre zurück. Seitdem haben die ,Gazelle‘ die unterschiedlichsten Trends mitgemacht – vom Fußballplatz fanden sie ihren Weg in die Hip-Hop-Kultur und nun in den Streetstyle“, hieß es kürzlich in der deutschen Ausgabe der Zeitschrift „Vogue“.
Mit der modischen Einflussnahme auf leisen Sohlen ist es längst vorbei. Der Fußball nimmt einen immer größer werdenden Einfluss auf die Mode. Das zeigt sich einerseits daran, dass das halbe Land über ein farblich fragwürdiges Trikot der Nationalmannschaft diskutiert. Andererseits ist die Einflussnahme sichtbar an Orten, an denen modische Trends entstehen: auf der Straße, in den sozialen Medien oder auf Festivals.
„Als ich neulich auf dem Münchner Hip-Hop-Festival ,Rolling Loud‘ war, war mein Eindruck, dass Trikots gerade ein absolutes Mode-Item der Generation Z sind. Da habe ich Trikots aus der ganzen Welt gesehen. Und ich weiß von vielen, die vor allem nach Retro-Trikots suchen. Je mehr retro, desto cooler“, sagte Mirko Borsche, renommierter deutscher Designer, kürzlich im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Der Münchner durfte vor wenigen Jahren nicht nur Look und Logo von Inter Mailand verändern, sondern gestaltete zuletzt die Trikots des FC Venedig um in Leibchen, bei denen halb Instagram einen emotionalen Bänderriss bekam.
Die neuen Jerseys des FC Venedig werden weniger in der Kurve getragen als auf Fashion-Events, wo Models von verschiedenen Marken zuletzt in Trikot und Fußball-Fanschal gesteckt wurden. Wie konnte es so weit kommen? „Mode und Fußball sind seit den 1960er Jahren eng miteinander verflochten“, sagt Naomi Accardi vom New Yorker Label Systema Rosa. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Sam Herzog nutzt sie Trikotstoffe für Kleider, ohne dass es nach der Abschlussklasse der Textilhochschule Buxtehude aussieht. „Bridging Football & Fashion“ – etwas frei übersetzt: modischer Doppelpass zwischen Fußball und Fashion – lautet das Motto der beiden Gestalterinnen.
Laut Accardi hat sich der größte Sprung innerhalb der Verbindung von Fußball und Mode in den 1990er Jahren ereignet, als nach dem Ende des Kalten Krieges ein unbeschwerter Hedonismus vorherrschte und der Fußball mit Turnieren wie „Italia 90“ Teil der Popkultur wurde. In den 2000er Jahren hätten dann Gestalter wie Dirk Bikkembergs oder Marken wie Dolce & Gabbana Fußball als Quelle der Inspiration entdeckt, erklärt die New Yorker Mode- und Fußball-Anhängerin weiter.
Aktuell scheint der Doppelpass zwischen Fußball und Fashion einen Höhepunkt erreicht zu haben: Vintage-Fantasie-Trikots zu Fantasie-Preisen von Balenciaga, irritierend geschmackloses Label der Neureichen, riesige Schals mit Aufdrucken, die an Fußball-Mannschaften erinnern, aber Markenmarketing erzählen: Nicht nur auf den Pariser Laufstegen sah es Anfang des Jahres so aus, als hätten Ultras die Prêt-à-porter-Schauen gestürmt wie Bayer Leverkusen die Bundesliga.
Blokecore nennt sich dieser Stil, bei dem der Auswärtslook der Arbeiterklasse zum modischen Maßstab verklärt wird. Bloke meint im Englischen einen ganzen Kerl, es geht also um eine eher maskuline Modesprache, weit weg vom metrosexuellen David-Beckham-Look der Sommermärchen-Nullerjahre.
„Was wir jetzt sehen, ist das Ergebnis der Digitalisierung, von sozialen Medien und der Verwischung der Grenzen zwischen Kulturkategorien“, sagt Naomi Accardi. Während Männer, die älter sind als 30, in der Öffentlichkeit keine Fußball-Trikots tragen sollten, weil sie darin aussehen wie der große brasilianische Stürmer Ailton nach seiner aktiven Zeit, gibt Systema Rosa eine andere Taktik vor: „Moderne Trikots sind auf Leistung und nicht so sehr auf den Alltagsgebrauch ausgelegt. Deshalb sind wir so besessen von Vintage-Jerseys aus Wolle und Baumwolle mit Silhouetten, die sich eher gebrauchsfertig anfühlen.“ Außerdem gebe es modische Highlights wie Turnschuhe, die von ikonischen Fußballschuhen beeinflusst sind, oder das Styling einer dicken, hohen Socke mit Ballerinas.
Dass der Fußball so großen Einfluss nehmen würde auf die Mode, hätte man in Zeiten der berüchtigten Sakkos von Ex-Trainer Uli Stielike oder des modisch fragwürdigen Tigers im Haar des Ex-Kickers Stefan Effenberg wohl nicht für möglich gehalten.
Mit den Frisuren und Tätowierungen der Generation, die mit Cristiano Ronaldo aufgewachsen ist, wurde es nicht besser: Ein rasiertes CR7 im Undercut bildungsferner Schichten gehörte zeitweise zum Anblick in deutschen Fußgängerzonen wie die obligatorischen Filialen von Fielmann bis Nordsee.
Deutlich ansehnlicher ist aktuell der Trainer des Deutschen Fußball-Meisters, Xabi Alonso, der mit lässiger Nachlässigkeit weiße Shirts unter perfekt sitzenden schwarzen Jumpern trägt. Bei der Analyse des wunderschönen Fußballs, den der spanische Ex-Fußball-Weltmeister spielen lässt, kam bisher eindeutig zu kurz, dass sein Faible für textile Ästhetik anscheinend anders auf seine Mannschaft abfärbt als etwa der hemdsärmelige Sportklamottenlook des Malochers Frank Schmidt, der in Heidenheim Malocher-Fußball spielen lässt.
Und was wird die Europameisterschaft modisch bringen? Schon jetzt zittern Modeinteressierte angesichts der Outfits, die Bundestrainer Julian Nagelsmann als Statement wählen könnte. Bei seinem Debüt als Nationalmannschaftstrainer trug er ein Holzfällerhemd, das Beobachter als Reminiszenz an seinen ersten Gegner, die USA, verstanden wissen wollten. Wir erwarten also nichts weniger als Nagelsmann im Schottenrock in politisch korrekten Regenbogenfarben beim deutschen Auftaktspiel gegen Schottland.
Wenn sich der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck allerdings noch ein paarmal aus Gründen nationaler Solidarität mit Adidas im rosa Trikot der Nationalmannschaft zeigt, wird es mit den Auswärtserfolgen des Fußballs in der Mode bald wieder vorbei sein. Der britische Premier Rishi Sunak, der sonst gerne 500-Euro-Schlupfhalbschuhe von Prada trägt, versuchte nämlich kürzlich in einem Video Street Credibility und Steuerpolitik unter einen Hut zu bringen, indem er volksnah weiße Adidas „Samba“ zum Anzug trug. Die Reaktionen waren verheerend: „Der Fehltritt könnte das Todesurteil für die ,Samba‘ sein“, unkte Elizabeth Semmelhack, Direktorin des Bata Shoe Museum im kanadischen Toronto. In der Mode landet man eben noch schneller im Abseits als auf dem Fußballplatz.