Möbelmesse Mailand Das sind die Wohntrends 2022

Den berühmten Stuhl von Verner Panton gibt es jetzt auch zweifarbig: „Panton Chair Duo“. Im Mailänder Salone del Mobile treffen Streifen auf Tupfen und Sehnsuchtsblau auf Knallpink – Hauptsache opulent. Foto: Vitra/Dejan Jovanovic

Was entwerfen die Designprofis für ein schöneres, nachhaltiges Dasein in Haus und Garten? Trends von der weltgrößten Möbelmesse Salone del Mobile in Mailand.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Könnten Farben Töne von sich geben, ginge es ziemlich laut zu auf der weltgrößten Möbelmesse, die noch bis zum Sonntag in Mailand stattfindet. Nachdem der „Salone del Mobile“ wegen der Pandemie vergangenes Jahr nur in kleinem Rahmen, davor gar nicht stattgefunden hat, ist jetzt wieder alles live und in Farbe zu begutachten. In viel Farbe.

 

Ausstellungsräume wie der von USM Möbel sind in bonbonfarbenem Rosa gehalten und präsentieren eine limitierte Serie „True Pink“ mit Barwagen, Rollcontainer und zwei Heimbüro-Versionen. Designer wie Matteo Nunziati gestalten den Stand für Florim mit Mut zu goldfarbenem Messing und auffällig gemasertem Marmor.

Klassiker wie der „Panton Chair“ von Verner Panton sind in einer limitierten Auflage zweifarbig zu haben. Der ohnehin schon knallige „Reina Cocoon“-Sessel von Ames ist vielfarbig in kleiner Auflage produziert worden. Pulpo aus Weil am Rhein in Baden-Württemberg setzt auf mehrfarbige Leuchten und Sideboards aus gefärbtem Glas, die Leuchte „Oda“ leuchtet sanft blau gestreift.

Leuchten heißen wie Elvis’ größte Hits

Überhaupt mischen Streifen auf Möbeln, Accessoires die beliebte skandinavische Schlichtheit auf. Anspielungen an den Zirkus mit seinem gestreiften Zelt hat Thonet in seiner Standgestaltung inszeniert. Manche Designer beziehen sich wiederum aufs verspielte Memphis-Design der 80er wie Natascha Madeiski mit ihrer Keramikleuchten-Serie „Flaming Stars“ für Pulpo, deren Modelle wie Hits von Elvis Presley heißen.

Nachwuchstalente wie sie sollen auf der Messe besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die rund 2000 Ausstellerinnen und Aussteller präsentieren Arbeiten von über 600 Designerinnen und Designern unter 35 Jahren.

„Bunt ist meine Lieblingsfarbe“, hat auch schon der Architekt und Gründer der Bauhaus-Schule, Walter Gropius, gesagt. So ist es nicht als Stilbruch zu verstehen, wenn ein Holzmöbel bemalt wird, das an der Hochschule für Gestaltung in Ulm entstand, denn die war ja auch der Bauhaus-Tradition verbunden. Der „Ulmer Hocker“ von Max Bill – jetzt in zartem Salbeigrün, das hat was.

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Farbe wagt man auch im holzverliebten Skandinavien mit dem „Wishbone Chair“ von Hans J. Wegner von 1949 für Carl Hansen & Son. Designerin Ilse Crawford hat das Modell in neun umweltfreundlich wasserbasierten Farben aufgefrischt.

Die deutsche Traditionsmanufaktur Thonet, die mit gebogenem Holz und Rohrgeflecht berühmt wurde, bringt den Klassiker „S 661“ aus den 1950ern, der schon museumsreif in der aktuellen Ausstellung „Thonet & Design“ im Design Museum der Pinakothek der Moderne in München zu sehen ist, neu heraus – unter anderem in Buche rostrot oder olivgrün gebeizt.

Und das noch junge Thonet-Modell „118“ ist blutrot lackiert jetzt als Lounge-Sessel mit extra Polster zu haben. Denn bei aller aufgeregten Farbseligkeit, ein bisschen ermattet könnten die Kunden doch noch sein vom Pandemiestress – oder entspannungsorientierter.

Üppig gepolsterte Sessel

Wer ständig daheim ist, möchte nicht abendelang am Esstisch auf dem Stuhl ausharren. Wenn schon, dann soll er bitte gepolstert sein oder Lehnen für arbeitsmüde Arme parat halten. Sessel und Sofas sind kurvig gebaut, wirken besonders dick gepolstert, als könne man darin versinken, behütet vor der Außenwelt. Zwar drängen sich aktuell Menschen allerorten dicht, falls es wieder anders käme, wähnte man sich in solchen marshmallowhaft weich anmutenden Sesseln und Sofas gut geschützt vor Viren und anderen Anwürfen, die das Leben bereithält.

Wie eine üppige, duftige Blüte kommt „Magnolia“ von Kati Meyer-Brühl für Brühl in Pink oder mit schwarzen Tupfen daher. Patricia Urquiola hat für Kartell mit „Linum“ ein elegant rundliches Sofaprogramm entworfen – besonders schön ist es in tiefem Blau. Pierro Lissonis Sofa „Panoramic“ für Knoll in fließenden Linien wird in Meerblau präsentiert. Jean Prouvés Sesselklassiker „Kangourou“ aus dem Jahr 1948 ist in der Wiederauflage mit einem Polster in Bleu Marcoule (in einer sehr kleinen Auflage bei Vitra) zu sehen.

Nachhaltige Möbel

Überhaupt passt Blau mit seiner Symbolik (Ruhe! Transzendenz!) ziemlich gut in die Zeit. Es ist die Farbe der Wahl auch für Outdoormöbel, die in Himmel- und Meerblau oder in Seeblaugrün daherkommen und sowohl auf der Terrasse als auch für den Wohnraum tauglich sind.

Opulenz schützt freilich nicht vor der Dauerforderung nach Nachhaltigkeit. Manche Hersteller werben mit Zeitlosigkeit und hoher Qualität ihrer neu aufgelegten Klassiker, andere verwenden natürliche, nachwachsende Rohstoffe wie Kork. ClassiCon etwa präsentiert in Mailand eine neue von Herzog & de Meuron gestaltete Produktserie namens „Corker“, die sowohl als Hocker wie als Beistelltisch funktioniert.

Die nächsten nehmen Reste aus industrieller Produktion und Plastikabfall und machen daraus Neues. Wie abstrakte Spielfiguren schauen beispielsweise die bunten Recyclingtische „Tin“ von Normann Copenhagen aus; damit könnte man hervorragend Open-Air-Schach spielen, falls sich mal wieder Menschen nur noch auf Distanz begegnen dürfen.

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