Monsterologe in Ludwigsburg Der Monsterologe und seine Ungeheuer

Monster unter sich: Das Krümelmonster knabbert am Euro vom bösen Fiskalmarkt. Foto: dpa
Monster unter sich: Das Krümelmonster knabbert am Euro vom bösen Fiskalmarkt. Foto: dpa

Für den Hochschuldozenten Matthias Burchardt spiegeln Dämonen die Ängste einer Gesellschaft wider: Monster als Kulturphänomen.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)
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Ludwigsburg - Das Krümelmonster ist sicherlich nicht das bedrohlichste Ungeheuer, das man sich vorstellen kann. Wenn es mit seinen rollenden Augen gierig „Keeeksee!“ verlangt, dürften die wenigsten vor Angst vergehen. Doch glaubt man Matthias Burchardt, dann hat der unersättliche blaue Zottel eine ebenso prägnante Funktion wie King Kong oder Frankenstein: All diese Wesen stünden für das Fremde, für Gefahr und Kontrollverlust.

Burchardt ist quasi selbst ernannter Monsterologe. Der 46-Jährige ist eigentlich akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie in Köln und vertritt derzeit eine Professur an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Doch gleichzeitig ist er auch als Monsterologe aktiv: Bei der Akademie am Vormittag der Katholischen Erwachsenenbildung präsentierte er am Dienstag sein Wissen. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich der Anthropologe mit Ungeheuern, weil sie für ihn der Schlüssel zu einer Gesellschaft sind. Jede Epoche und jede Kultur habe ihre Monster, sagt Burchardt. Sie seien fremd, bedrohlich und gleichzeitig faszinierend. Sie stünden für Gefahr und Kontrollverlust – und spiegelten so die Ängste einer Gesellschaft wider.

Das Krümelmonster passt in unsere Zeit

Während Frankenstein zeigt, wie der Größenwahn der Menschen ein Horrorwesen hervorbringen kann, versinnbildlicht King Kong in den 30ern die Begrenztheit der Macht des Menschen über die Natur. Doch auch das so harmlos wirkende Krümelmonster zeigt Grenzen auf: Es ist lustbetont, isst die ganze Zeit, krümelt herum und schert sich dabei nicht um Konventionen – für Burchardt ein ideales Beispiel für die Monster unserer Zeit.

Denn ihm geht es nicht nur um die plakativen Figuren, die in früheren Zeiten Hexen und Dämonen und in jüngeren Zombies und Roboter als Ausgeburten des Bösen darstellen. Er will auch die subtilen Ungeheuer entlarven, die aus seiner Sicht von der Gesellschaft geschaffen und durch den medialen Diskurs „monsterifiziert“ wurden, wie Burchardt es nennt. Mit einer ordentlichen Portion Ironie hat er deshalb vier Kategorien medialer Monster erstellt: den Fettleibigen, das Kopftuchmädchen, den islamistischen Terroristen und den Fiskalmarkt. Für alle vier hat Burchardt Typisierungen vorgenommen, die auf sarkastische Weise die Dämonisierung dieser Gruppen in der Gesellschaft zeigen sollen.

Die vier Typen medialer Monster

So sei der Lebensraum des Fettleibigen das Fastfood-Restaurant, er sei ein volkswirtschaftliches Risiko, weil er das Gesundheitssystem belaste, und müsse durch Sport und Diät geheilt werden. Das Kopftuchmädchen hingegen lebe im Ghetto und wolle Deutschland abschaffen. Dem könne man nur mit einem Kopftuchverbot, vielen Talkshows sowie Integration beikommen. Der islamistische Terrorist lebe für gewöhnlich in Berghöhlen oder pakistanischen Palästen, bedrohe die freie Welt und sprenge Hochhäuser. Der Gefahr Herr werden könne man nur durch die Einschränkung von Bürgerrechten und den Krieg gegen Schurkenstaaten. Und die Fiskalmärkte? Der Begriff „die Märkte“ sei eine bewusst anonymisierte Form, um zu verschleiern, dass es sich dabei nur um 15 bis 20 Akteure handele, die auf Kosten anderer profitierten, kritisiert Burchardt. Und weil „die Märkte“ an der Wall Street, in London und Frankfurt ständig nervös seien und die Welt mit Börsencrashs bedrohten, müssten sie mit Rettungsschirmen, Krisengipfeln und Sparrunden besänftigt werden.

Michael Jackson als monströses Beispiel

Und Burchardt geht noch weiter: Wenn man jegliche Abweichung von der gegebenen Ordnung als monströs bezeichne, dann fielen darunter auch alle Versuche der „Selbstoptimierung“ des Menschen beispielsweise durch Implantate, durch Medikamente oder plastische Chirurgie: „Michael Jackson kann man sicher als monströs bezeichnen“, so Burchardt. Wenn das Monster die dunkle Seite des Menschen verkörpere, dann sei auch der Nationalsozialismus ein solches Ungeheuer gewesen – das Monster seiner Zeit gewissermaßen.

Denn dass die Ungeheuer sich verändern, ist nicht zuletzt besonders plastisch am Krümelmonster zu sehen. Damit der verfressene Keksliebhaber den Kindern nicht als schlechtes Vorbild dient, wurde ihm vor einigen Jahren in den USA eine Obst- und Gemüsediät verordnet. Für Burchardt ist das ein „sehr tragisches Schicksal“. Schließlich war das Krümelmonster sein Lieblingsmonster – weil es durch sein unkonventionelles und lustgesteuertes Auftreten alles in Frage stellte.




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