Deutschlands dreistester Klimakleber, wie die „BILD-Zeitung“ ihn betitelte, kommt ziemlich höflich daher. Zum Treffen in einem Stuttgarter Café erscheint Moritz Riedacher sehr pünktlich. Der 27-jährige Stuttgarter, der derzeit wieder bei seinen Eltern in Degerloch wohnt, überlässt einem die Platzwahl. Während er immer wieder an seinem „Mopfel“ nippt, einem Saft aus Karotte, Apfel und Ingwer, antwortet er quasi durchgehend lächelnd auf alle Fragen. Und das ist kein roboterartiges Runterrattern von Klimafakten, wie andere Aktivisten es teils machen. Er spricht über Persönliches, wägt ab, denkt oft kurz nach, bevor er antwortet.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Moritz Riedacher wurde in den vergangenen zwei Jahren zu insgesamt 20 Monaten Haftstrafe ohne Bewährung und Geldstrafen von mehreren Tausend Euro verurteilt. Laut eigener Aussage hat er bei über 200 Aktionen der Letzten Generation mitgemacht und mehr als 60 Straßen blockiert. Ein Richter bescheinigte ihm „keine gute Sozialprognose“.
Er will nun für den Gemeinderat kandidieren
Doch in den vergangenen Monaten hat sich etwas verändert – zumindest ein bisschen. Aus dem unbeugsamen Klima-Aktivisten ist jemand geworden, der schon vor dem offiziellen Strategiewechsel der Letzten Generation sagte: „Ich blockiere keine Straßen mehr.“ Und der sich bei der Stuttgarter Gemeinderatswahl im Juni für die Tierschutzpartei aufstellen lassen möchte – also Teil eines politischen Systems werden will. Sein kleiner Wandel hat auch mit seiner Familie zu tun, sagt Riedacher. Obwohl seine beiden Geschwister auch für Klimaschutz seien, könnten die es nicht mehr ertragen, welche Sorgen ihr Bruder den Eltern bereite.
Bisher ist die Gefängnisstrafe nicht rechtskräftig. „Ich gehe nicht davon aus, dass die 20 Monate eintreffen, aber das wird trotzdem nicht ohne“, sagt Riedacher. Er werde im Knast schon irgendwie klarkommen, glaubt er, „meine Sorge um das Klima ist viel größer“. Aber er mache sich Sorgen, „was das mit meiner Familie machen wird“.
Klimaerwärmung habe ihn schon früh beschäftigt
Als Kind sei er viel mit seinem Vater und den Geschwistern wandern gegangen, erzählt er. Sie hätten in der Natur übernachtet und den immer kleiner werdenden Gletscher bei der Zugspitze besichtigt, „das ging mir schon damals nicht aus dem Kopf“.
Nach seinem Realschulabschluss und der Fachhochschulreife absolvierte Moritz Riedacher ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) mit Menschen mit Behinderung. Danach arbeitete er frei für lokale Stadtbezirksjournale und begann ein Studium. Dann kam die Coronapandemie, Präsenzlehre fiel weg, „und da hat sich emotional viel bei mir umgestellt“, sagt er. Er hängte auch das Studium an den Nagel.
Zunächst war er bei Fridays for Future
Er fing an, sich bei Fridays for Future zu engagieren und investierte dafür immer mehr Zeit. Als er gefragt wurde, ob er als Fluthelfer mit ins Ahrtal wolle, sagte er zu. „Die Erfahrung hat mich emotional erschüttert“, sagt er. „Mir wurde klar: Ich muss meine Zeit in den Kampf fürs Klima stecken.“
Als er von dem Hungerstreik mitbekam, den einige Gründungsmitglieder der Letzten Generation in Berlin durchzogen, war er fasziniert. Er besuchte in Stuttgart Vorträge von Aktivisten, die bei dem Hungerstreik dabei waren. Und nahm kurz darauf an der ersten Protestform teil, die „in Solidarität zur Letzten Generation“ organisiert wurde: Er holte Essen aus den Mülltonnen von Supermärkten und zeigte sich danach selbst bei der Polizei an, um auf den Überschuss von Lebensmitteln aufmerksam zu machen.
Eine Geldstrafe steht noch aus
Damals verfolgte die Polizei das nicht weiter. Das änderte sich, als er Anfang 2022 erstmals mit anderen eine Straße nahe der Wilhelma in Stuttgart blockierte. „Bei mir hat sich das schnell nach oben katapultiert.“
Moritz Riedacher hat nicht nur in ganz Deutschland Straßen blockiert, sondern war zum Beispiel auch am Hamburger Flughafen dabei, als Aktivisten auf die Startbahn rannten. Er filmte damals, machte Fotos und befüllte einen Liveblog. Die betroffenen Airlines fordern 50 000 Euro Schadenersatz von den Aktivisten. Bis heute hat Moritz Riedacher seinen Anteil nicht bezahlt, die Anwälte verhandeln noch miteinander.
„Neue Strategie wirkt sehr zielgerichtet“
Den neuen Plan der Letzten Generation, künftig keine Straßen mehr zu blockieren, stattdessen „ungehorsame Versammlungen“ durchzuführen sowie den Fokus auf Entscheider zu richten, findet er richtig: „Das wirkt sehr zielgerichtet und ist anschlussfähiger.“ Die Aktivisten wollen etwa öffentliche Auftritte von Politikern besuchen, zwischendrin aufstehen, dem Politiker eine Frage stellen und dann nicht lockerlassen. Das Ziel sei es, die Politiker „argumentativ zu entlarven“, sagt Moritz Riedacher.
Die Abkehr von den Straßenblockaden habe auch damit zu tun, dass weniger Menschen nachkamen, die noch eine „weiße Weste“ hatten und bereit waren, sich auf Straßen zu kleben und damit Geld- und Haftstrafen zu riskieren, räumt Moritz Riedacher ein. Zudem sei es in der Vergangenheit zu gefährlichen Situationen gekommen. Bei einer Blockade, bei der er auch dabei war, sei ein Autofahrer ausgestiegen und habe sie mit Pfefferspray besprüht.
Was würde er in einer utopischen Welt tun?
Nach gut zwei Jahren bei der Letzten Generation und einer Verurteilung zu einer fast genauso langen Haftstrafe hat Moritz Riedacher eines erkannt: „Ich kann in Freiheit mehr bewirken, als wenn ich im Gefängnis sitze.“ Deshalb werde er künftig eher im Hintergrund organisatorisch tätig sein. Hat die Justiz es also gewissermaßen geschafft, ihn zu brechen? „Nein, nicht was mein Anliegen betrifft“, sagt er.
Zum Abschluss eine letzte Frage: In einer utopischen Welt, ohne Klimaerwärmung, ohne Rechtsextremismus, ohne Tierleiden: Was würde Moritz Riedacher da machen? Er überlegt eine Weile. Dann sagt er: „Ich würde irgendwie Menschen helfen und mich für Gerechtigkeit einsetzen.“ Nur wie das genau aussehen könnte, das weiß er auch nicht.