In Stuttgart wird über eine neue Moschee diskutiert, ein neues Minarett soll gebaut werden. Der Umgang mit Muslimen in der Stadt und ihren Wünschen muss zur Normalität werden, fordert die StZ-Redakteurin Nicole Höfle.

Lokales: Nicole Höfle (höf)

Stuttgart - Wer in Stuttgart eine Moschee besucht, lernt Hinterhöfe und Gewerbegebiete kennen. Die Moscheegemeinden haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht in den Zentren angesiedelt, sondern meist in Randlagen. Dort haben sie Gebäude bekommen, die sie mit ihren begrenzten Mitteln finanzieren konnten. Dort waren die Proteste überschaubar, weil die muslimischen Gebetsstätten am wenigsten auffielen. Doch jetzt kommt erneut Bewegung in die Moscheenlandschaft in Stuttgart.

Der Verband der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), der in Feuerbach Stuttgarts größtes muslimisches Gebetshaus unterhält, will dort in den nächsten vier Jahren eine repräsentative Moschee errichten. Und er denkt zudem über eine vorzeigbare Moschee in zentraler Lage nach, ein Gedankenspiel zwar, aber immerhin. Im Wangener Gewerbegebiet baut die Islamische Gemeinschaft der Bosnier in den nächsten Monaten Stuttgarts erstes Minarett. Die Vorhaben und Ideen zeigen: die Moscheegemeinden in Stuttgart sind selbstbewusster geworden, und sie werden in ihrer Vereinsarbeit immer professioneller.

Bisher fehlte es an einem gemeinsamen Willen

Es ist an der Zeit, dass der Islam in Stuttgart sichtbarer wird. In vielen Städten in der Region gibt es längst repräsentative Moscheen. Schorndorf, Sindelfingen und Esslingen sind Beispiele. Ausgerechnet in der Landeshauptstadt, die sich zu Recht gern als Vorbild in Sachen Integration feiert und in der 65 000 Muslime leben, gibt es keine weithin sichtbare Moschee. Es wäre zu kurz gegriffen, dies der Stadt anzulasten. Bisher fehlte es an einer muslimischen Gemeinde, die willens und fähig war, so ein Projekt finanziell und organisatorisch zu stemmen. Bisher fehlte es aber auch an einer breiten politischen und gesellschaftlichen Unterstützung. Noch im Jahr 2009 bekam dies die Ahmadyya-Gemeinde zu spüren, deren Moscheebau-Pläne in Zuffenhausen scheiterten, weil der Bezirksbeirat Wohnungsbau wünschte und der Eigentümer nicht mehr verkaufen wollte.

Sechs Jahre später ist ein gesellschaftlicher Wandel nicht nur in Stuttgart spürbar. Daran ändern auch Bewegungen wie Pegida nichts, die mit platten Parolen gegen eine vermeintliche Islamisierung kämpfen. Sie vertreten eine radikale Minderheit. Dem steht eine breite Mehrheit gegenüber, die zu einer wohltuenden Normalität im Umgang mit dem Islam in Deutschland gefunden hat. Dazu beigetragen haben Islamkonferenzen in Berlin und Runde Tische Islam in Stuttgart, die einen steten Austausch herstellen und auch heikle Themen ansprechen. Weitere Bausteine sind der Islamunterricht an Schulen und der Studiengang Islamische Theologie in Tübingen. Auch wenn bis jetzt nur wenige Kinder vom Islamunterricht profitieren, ist er wichtig. Genauso wie die Islamische Theologie, die es möglich macht, dass künftige Imame nicht mehr nur in der Türkei ausgebildet werden, sondern vor der Tür – und dass sie daher auch auf Deutsch predigen können.

Viele Auseinandersetzungen müssen geführt werden

Der Umgang mit Muslimen ist alltäglicher geworden, ob es nun um Moscheebauten oder Kopftücher geht. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass noch viele gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu führen sein werden. Ganz selbstverständlich zu Stuttgart gehören wird der Islam erst dann, wenn nicht mehr darüber diskutiert werden muss, wie hoch ein Minarett sein darf, wenn Muslime nicht mehr bei jeder Gelegenheit gefragt werden, wie sie zur Gewalt stehen, und wenn Islamunterricht an allen Schulen angeboten wird. Gefordert in dem Prozess sind dabei natürlich auch die Muslime selbst, die für Offenheit in ihren Moscheen sorgen müssen und für eine Auslegung des Islam, die sich mit westlichen Werten verträgt. Vielleicht wird die Annäherung noch eine Generation dauern, auf jeden Fall aber ist sie unumgänglich.

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