Mothers*, Warriors and Poets in der Container City Über die Vielfalt und Dynamik von Eltern im Kunstbetrieb

Die Initiatorinnen von Mothers*, Warriors and Posts: Anna Gohmert, Renate Liebel und Marie Lienhard.  Foto: privat
Die Initiatorinnen von Mothers*, Warriors and Posts: Anna Gohmert, Renate Liebel und Marie Lienhard. Foto: privat

Was bedeutet es, in einem Kunstbetrieb zu arbeiten, der davon ausgeht, dass Künstler:innen keine Kinder haben? Am 10. September startet das Ausstellungs-und Diskursprogramm Mothers*, Warriors and Poets in der Container City. Wir haben mit den Initiatorinnen gesprochen.

Stadtkind: Laura Müller-Sixer (six)
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Stuttgart - Wie in nahezu allen Berufsgruppen ist Fürsorgearbeit auch im Kunstbetrieb in den meisten Fällen Frauensache. Oft verlangsamen Künstler:innen zugunsten von Familie und Kindern ihre Karriere und verlieren dadurch an Präsenz und Sichtbarkeit auf dem noch immer männlich dominierten Kunstmarkt. 

Ab dem 10. September präsentieren 14 internationale Künstler:innen und Aktivist:innen, die sowohl Künstler:innen als auch Eltern sind, im Rahmen des Ausstellungs-und Diskursprogramms Mothers*, Warriors and Poets ihre vielfältigen Werke.

Was es bedeutet, Mutter und Künstler:in zu sein

Der Name verrät es bereits: Mutter und Künstler:in zu sein, bedeutet heutzutage mehr als Care-Arbeit und Karriere-Aus. „Eine Mutter/Eltern-Künstlerin zu sein, bedeutet gleichzeitig eine Kriegerin zu sein und radikal und metaphorisch zu denken wie eine Dichterin", so die Kuratorin und Autorin Didem YaziciI.

Inspiriert von den Kämpfen und der Arbeit des schwarzen Feminismus und Audre Lordes Idee, sich selbst zu bemuttern, ist die Ausstellung nach ihrer Selbstbeschreibung “schwarz, lesbisch, Mutter, Kriegerin, Dichterin” benannt. Für Lorde war es entscheidend, mehrere Adjektive zu wählen, da sie die Komplexität von sich selbst und ihrer Vision würdigt. 

Auf Instagram schreiben die Initiatorinnen Anna Gohmert, Renate Liebel und Marie Lienhard: „Wir als Künstlerinnen mit Kindern können aus eigener Erfahrung berichten, wie klassische Rollenverteilungen, über die wir alle schon längst hinweg zu sein hofften, sich wieder einstellen."

Wir haben mit den drei Künstlerinnen vorab gesprochen. 

Ihr schreibt Mothers* und Frauen* – damit schließt ihr all die Personen ein, die Eltern sind. Warum ist das wichtig?

Marie Lienhard: „Wir definieren jede:n, der: die Verantwortung, Liebe und Sorge für sich oder andere trägt und das einen wichtigen Teil seines: ihres Lebens sein lässt. 'Mutter' lässt sich nach Audre Lorde im metaphorischen Sinn lesen und beinhaltet so viel mehr als die biologische Funktion.“

Worauf habt ihr bei der Zusammenstellung des Programms geachtet?

Anna Gohmert: „Durch das Diskursprogramm verweisen wir auf das politische Anliegen, Künstler:innen, die Eltern sind, Sichtbarkeit zu geben in einer Kunstwelt, die davon ausgeht, dass Künstler:innen keine Kinder haben. Wir arbeiten im Kultursektor, aber dieses Thema betrifft unsere ganze Gesellschaft. Es ist ein gewachsenes strukturelles Unverhältnis, das uns alle betrifft. In der Ausstellung vereinen wir unterschiedliche Perspektiven auf die Dynamik des (Künstler:innen-) Seins, die durch die vielfältigen Aufgaben des Eltern-Seins zu Tage treten. Wir zeigen zehn Blicke auf die Kräfte und Zustände, die frei werden, wenn sich differente Lebensbereiche überlagern.“

Was muss sich auf dem kommerziellen Kunstmarkt ändern, damit für alle Künstler:innen Chancengleichheit besteht?

Renate Liebel: „Bevor wir über den kommerziellen Kunstmarkt reden, sollten wir die Institutionen anschauen: Die Präsenz von Frauen und davon Müttern im prozentualen Anteil in großen Ausstellungen, auf Lehrstühlen und den Direktor:innenposten sollte durch eine 50-Prozent-Quote geregelt werden. Auch bei der Vergabe von Stipendien. Und dort sollte die Altersgrenze aufgehoben werden für Menschen, die Eltern werden. Ich denke, wenn von öffentlicher Seite paritätische Regelungen festgelegt werden, wirkt sich das langfristig auch auf den kommerziellen Kunstmarkt aus.“

Anna Gohmert: „Die Währung für uns Künstler:innen ist nicht nur die Anerkennung und der Austausch, der sich ausgehend von dem Kunstwerk ergibt, sondern ganz klar auch Geld. Wir sind auch Teil der Gesellschaft, in der gilt, dass Miete mit Euro beglichen wird, Nahrungsmittel an der Kasse für mich genauso viel kosten wie für alle und Kinder, die wachsen eben neue Kleidung brauchen. Anzunehmen, dass Künstler:innen da genügsamer sind als andere Gesellschaftsschichten, da sie schon eine kreative Lösung finden werden, ist nicht richtig. Idealismus macht nicht satt.“

Mothers*, Warriors and Poets, 10.-19. September, Container City/Kunstverein Wagenhalle e.V. Stuttgart, weitere Infos >>>




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