Kultmotorrad UT aus Untertürkheim Zwei Esslinger polieren 100 Jahre alte Motorradmarke wieder auf

Alexander und Norbert Schaeberle mit vier UT-Motorrädern, die sie beim Oldtimertreffen in Beuren präsentieren wollen Foto: Roberto Bulgrin

Norbert und Alexander Schaeberle sind Experten für Motorräder der Marke UT. Deren Geschichte begann 1922 in Untertürkheim. Zum Jubiläum findet beim Oldtimertreffen in Beuren eine Sonderschau statt – die Esslinger haben zahlreiche UT-Motorrad-Freunde dafür gewinnen können.

Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick. „Ich war entsetzt, als ich das Ding gesehen habe“, erinnert sich Norbert Schaeberle und lächelt beim Gedanken an die erste Begegnung: „Als 18-Jähriger wollte ich unbedingt ein schickes Motorrad haben – und mein Vater kam mit einer 22 Jahre alten UT an.“ Aber er hat die knallblaue TS 175 F schnell in sein Herz geschlossen, „weil sie sehr zuverlässig war“. Und noch heute, fast fünf Jahrzehnte später, fährt er gern mit dieser Maschine, Baujahr 1954. „Sie läuft und läuft und läuft.“

 

Es blieb nicht bei diesem einen Zweirad aus Stuttgarter Produktion. „Bald schon kamen Motorrad Nummer zwei, drei und vier hinzu“, erzählt der Esslinger, der mittlerweile ein wahrer Experte für die Marke UT ist. Deren Geschichte begann 1922 in Untertürkheim – für den Ort stehen die beiden Großbuchstaben im Firmennamen. Konstrukteur Hermann Scheihing, selbst begeisterter Motorradfahrer, entwickelte in seiner kleinen mechanischen Werkstätte zunächst nebenher flotte Maschinen – ab 1924 standen dann die ersten Modelle der Firma „UT Motoren- und Fahrzeugbau“ zum Verkauf bereit. Das stabile Fahrgestell, der tiefe Schwerpunkt, die sorgfältige Verarbeitung, die technischen Raffinessen: „Die Motorräder waren ziemlich fortschrittlich“, schwärmt Norbert Schaeberle und verweist auf zahlreiche Erfolge der UT-Maschinen bei Bergrennen und Zuverlässigkeitsfahrten in den Jahren 1925 und 1926.

Der Preis des Erfolges: Die Hinterhofwerkstatt reichte bald nicht mehr aus, um alle Kundenwünsche zu erfüllen. Es wären größere Investitionen erforderlich gewesen, die Scheihing in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nicht aufbringen konnte. Er übergab daher seine Motorradfabrikation 1927 an die Maschinenfabrik Bergmüller in Vaihingen auf den Fildern, ab Mitte der 1930er Jahre wurden UT-Motorräder von Schwenk & Schnürle in Möhringen produziert. In den späten 60ern war dann jedoch Schluss. Die Marke UT geriet in Vergessenheit.

Erster Auftritt bei der 800-Jahr-Feier in Untertürkheim

„Egal, wo wir hinkommen, immer fragen uns die Leute, was das für ein Motorrad ist“, berichtet Norbert Schaeberle. „Und wir erzählen sehr gern darüber“, fügt sein Sohn Alexander hinzu. Sie gehören zu den „UT-Motorrad-Freunden“, einem losen Zusammenschluss von Besitzern der Marke. Den gibt es seit dem Jahr 2000, als für die 800-Jahr-Feier Untertürkheims Mitwirkende am Festumzug gesucht wurden. Auch die beiden Esslinger nahmen daran teil – der damals dreijährige Alexander habe auf dem Tank der Maschine sitzen dürfen, erzählt sein Vater schmunzelnd. „Ich fand das Mitfahren cool“, ergänzt der Junior, der mit 15 Jahren schließlich seine erste UT bekam: eine VS 100.

Die sei zwar „in einem elenden Zustand“ gewesen, „aber es war, bis auf die Sitzbank, alles da“. Das war ein echter Glücksfall. Ersatzteile zu finden ist nämlich sehr schwierig, wissen die passionierten Schrauber aus Erfahrung. Vater und Sohn, beide von Beruf Gebäudetechniker, sind längst im Restaurieren von alten UT-Maschinen erfahren, „das ist unser gemeinsames Hobby“. Jetzt, nach zehn Jahren, steht das „Jugendprojekt“ kurz vor dem Abschluss. „Es muss nur noch der Tank lackiert werden“, sagt Alexander Schaeberle sichtlich stolz. Die Zeit drängt: Am 20. und 21. August will er das Motorrad beim traditionellen Oldtimertreffen im Freilichtmuseum Beuren präsentieren.

Sonderschau im Freilichtmuseum Beuren

Unter dem Motto „100 Jahre UT“ ist dort eine Sonderschau geplant, die Norbert und Alexander Schaeberle organisieren. Bislang gebe es 20 feste Zusagen, „aber wir hoffen, dass noch ein paar mehr UT-Fahrer kommen werden“. Immerhin umfasst die Kontaktliste der UT-Freunde rund 250 Motorräder und ihre Besitzer aus Deutschland, aber auch aus Luxemburg, Österreich und der Schweiz. „Sogar aus Australien ist einer dabei“, zählt Alexander Schaeberle auf. Der würde gerade eine alte Maschine herrichten, die ein deutscher Auswanderer einst ins Land brachte. Dafür benötige er den Rat der Experten.

„Können Sie mir helfen?“ So würden die meisten Mails beginnen, die die UT-Motorrad-Freunde erreichen. Dabei geht es vor allem um Tipps bei der Restaurierung, aber auch um technische Daten für die Zulassung der Oldtimer. „Es gibt leider kaum Unterlagen“, weiß Alexander Schaeberle. Deshalb sind sie bestrebt, Informationen rund um die Marke zu sammeln und zu bewahren, „damit dieses Wissen nicht verloren geht“.

Immer wieder erfahren sie auch von kuriosen Funden. „Vor zwei Jahren“, erzählt Norbert Schaeberle, „hat sich jemand gemeldet, der in einer Scheune eine nagelneue, originalverpackte UT entdeckte. Die hatte sein Großvater vor dem Krieg gekauft. Dann wurde er eingezogen und kehrte nicht mehr zurück. Das Motorrad ist vergessen worden.“ Der Sammlerwert ließe sich schwer beziffern, räumt er ein. Aber für gut erhaltene UT-Maschinen könne je nach Art und Zustand ein fünfstelliger Betrag erzielt werden. Produziert wurden übrigens mehr als 30 verschiedene Modelle, darunter auch so wohlklingende wie „Heidi“, „Elfi“ und „Lilli“.

Infos zu den Motorradfreunden sind unter: www.ut-motorrad-freunde.de zu finden. Wer mit einem UT-Motorrad zum großen Oldtimertreffen kommen will, kann sich unter: www.Oldtimertreffen.org sowie telefonisch unter 07 11 / 39 02 - 4 18 90 oder per E-Mail an besucherservice@freilichtmuseum-beuren.de anmelden.

Die Historie des Motorradherstellers UT

1922–26
 Der Rennfahrer Hermann Scheihing machte sich nach seiner Tätigkeit bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft selbstständig und eröffnete im Jahr 1922 in Untertürkheim eine mechanische Werkstätte. Dort baute er schon wenig später die ersten Motorräder. Mit den Modellen bestritten er und seine Freunde Rennen – so machten sie die Marke UT international bekannt. Die Nachfrage wurde jedoch zu groß für die kleine Firma.

1927–30
Bergmüller & Co. in Vaihingen/Filder übernahm die Produktion der UT; Scheihing arbeitete dort noch eine Zeit lang als technischer Berater. Im Zuge der Wirtschaftskrise stieß die Firma den Zweig 1930 ab.

1931–62
Zwei ehemalige Bergmüller-Mitarbeiter, Johann Schnürle und Hugo Schwenk, übernahmen die Motorradproduktion. 1935 zogen sie mit ihrer Firma in eine leer stehende Weberei an der Balinger Straße 15 in Möhringen. In den besten Zeiten schraubten die rund 35 Angestellten dort 3500 Motorräder im Jahr zusammen. 1961 starb Hugo Schwenk, und Johann Schnürle produzierte, zusammen mit zwei Mitarbeitern, noch ein weiteres Jahr Motorräder, allerdings nur auf Bestellung. Dann war Schluss. Bis 1969 konnten aber noch Ersatzteile für die UT-Modelle bezogen werden.

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