MTV Ludwigsburg 21-facher Deutscher Meister im Karate: „Ich sollte von der Straße weg“

Köksal Cakir ist 21-facher Deutscher Meister im Karate. Heute ist er Trainer. Foto: Simon Granville

Köksal Cakir gehörte zu den erfolgreichsten Karatekas in Deutschland. Dem MTV Ludwigsburg blieb er immer treu. Bei einem Besuch in seiner „zweiten Heimat“ erzählt er, was seine türkischen Wurzeln mit dem Weg zum Karate zu tun hat.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Als Köksal Cakir auf der Straße eine ältere Frau überholt, zieht die ihre Handtasche enger an ihren Körper. Als er im Getränkeladen, in dem er jobbt, einer Kundin die Sprudelkästen zum Auto trägt, sagt die, dass er der netteste Türke sei, den sie kennengelernt habe. Jede Situation ist ein Schlag in die Magengrube für den damals 16-Jährigen, an die sich Köksal Cakir heute noch erinnert.

 

,,Die Türken waren damals ein verlorenes Volk“, sagt er. Er ist in der Türkei geboren, in Deutschland aufgewachsen. Sein Vater war Maurer, seine Mutter Hausfrau. Eine Freundin seines Vaters sagt irgendwann: „Schick deinen Sohn in einen Verein, dann treibt er sich nicht auf der Straße herum.“ Köksal Cakir entscheidet sich für Karate, einen Kampfsport aus Japan.

Köksal Cakir trainiert in der Kinderkampfsportschule Acht- bis Zehnjährige. Foto: Simon Granville

Doch als er seinem Trainer in der vierten Stunde aus Versehen die Lippe blutig schlägt, glaubt er in den Gesichtern der anderen Jugendlichen zu sehen, wie sich ihre Klischees bestätigen – der aggressive Türke, der seine Fäuste sprechen lässt. „Ich schämte mich so“, erzählt Cakir. Dabei war er als Kind und Jugendlicher zurückhaltend und schüchtern, selbst heute mit 49 Jahren und 21 Titeln als Deutscher Meister im Karate ist der hochgewachsene Mann mit den dunklen Augen und dem kantigen Gesicht bescheiden und ruhig. „Ich mag es, zwei Schritte zurückzugehen, das ist auch die Philosophie der Sportart Karate.“

Überraschender erster Sieg

Für Cakir bleibt es in den 1990er Jahren erst einmal das letzte Training. Ein Jahr wird es dauern, bis er sich das nächste Mal in die Sporthalle des MTV Ludwigsburg traut. Mit seinem neuen Trainer Rudi Eichert lernt er, wie vielseitig und dynamisch Karate sein kann. Eichert wechselt irgendwann den Verein, Köksal trainiert allein weiter. 1995 gewinnt er zu seiner eigenen Überraschung die Deutschen Meisterschaften bei den Junioren. Es dauert keine zwei Jahre, bis sich der Anfang 20-Jährige nach einem Team sehnt. „Da war keiner, der sich für mich gefreut hat, keiner, der mit mir geschimpft hat“, erzählt Cakir. Er beginnt als Trainer und holt selbst weitere Medaillen nach Ludwigsburg.

Jahrelang gehört Köksal Cakir zu den besten Karatekas Deutschlands und dominiert die Gewichtsklasse bis 75 Kilo. Seine Gegner wissen: Auf dem Weg zur Medaille muss man erst an Köksal Cakir vorbei. Zu seinen Erfolgen zählt Gold beim World Cup in Dresden 2002, Bronze bei der Weltmeisterschaft in Madrid im selben Jahr und Gold bei den World Cups 2005. Lang macht er den Zufall für seine Leistungen verantwortlich, doch die Titel verändern ihn. Aus dem schüchternen Jungen wird ein selbstbewusster Mann, der um sein Ausnahmetalent weiß, und sich dennoch kaum etwas daraus macht. Neben seiner Karriere als Karateka studiert er in Ludwigsburg Lehramt und macht seinen Diplomtrainer an der Trainerakademie Köln. Heute unterrichtet er an einer Stuttgarter Grundschule Sport und Mathe.

MTV Ludwigsburg ist der erfolgreichste Karate-Verein Deutschlands

Als Trainer hat er den Landes- und Bundesstützpunkt Karate in Ludwigsburg aufgebaut. Seine Arbeit bleibt nicht unbemerkt. Für seine Arbeit erhielt er 2022 den Barmer-Sonderpreis für soziales Engagement. Im Ranking des Deutschen Karate Verbands lag der MTV auch 2023 zum wiederholten Mal auf Platz eins der erfolgreichsten Vereine in nationalen Titelkämpfen und der Karate-Bundesliga. „Köksal hat das aufgebaut, das ist sein Verdienst“, sagt sein ehemaliger Trainer Rudi Eichert heute.

Einige Jahre sind unter den männlichen Sportlern in der Nationalmannschaft 60 Prozent aus Ludwigsburg, sagt Cakir. „Der damalige Bundestrainer hat damals gesagt, es kann nicht sein, dass alle begabten Karateka in Ludwigsburg zur Welt kommen. Die müssen irgendwas richtig machen“, erzählt Cakir und beschreibt zugleich sein System. Sein Training sei so aufgebaut, dass die Sportler nur besser werden können. In der Kinderkampfsportschule (Kika) des MTV lernen die Kinder beispielsweise Koordination, Beweglichkeit, Schnelligkeit. „Es muss motivierend und anerkennend sein“, sagt Cakir. Heute betreut er in der Kika gemeinsam mit Jugendtrainern 260 Kinder.

Auch Cakirs eigene Kinder trainieren beim MTV

Auch Cakirs eigene Kinder trainieren beim MTV. Während seine Tochter eine „kleine Rakete“ ist, wie Cakir sie beschreibt, erkennt er sich in seinem schüchternen Sohne manchmal selbst wieder. Im November hat der Neunjährige bei den Deutschen Landesmeisterschaften die Chance, in Ludwigsburg zu gewinnen. Köksal Cakir ist in der Woche rund sieben Stunden beim MTV, er nennt die Halle liebevoll „mein zweites Zuhause“. Da hat es keine Überzeugungsarbeit gebraucht, seinen Kindern das Karate schmackhaft zu machen.

Am Freitagnachmittag steht Köksal Cakir also nicht nur 19 Kindern, sondern auch seiner eigenen Tochter gegenüber. Bei der Begrüßung, dem „Sensei ni Rei“, bei der sich Trainer und Schüler voreinander verbeugen, gehe es darum, alle Sorgen, alles, was ein beschäftige, draußen zu lassen, bevor man sich ganz dem Karate widme, sagt Cakir. Der Mann in dem strahlend weißen Karate-Gi, der um die Hüfte einen schwarzen Gürtel trägt, hat in seinem Leben häufiger mit dem Gedanken gespielt, nach Berlin oder Konstanz zu ziehen. „Der Verein und meine Verbundenheit dazu, meine Familie und die Stadt waren Gründe, warum ich hier geblieben bin.“

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