Mühlhausen Veitskapelle profitiert von Lottogeld

Die Renovierung der Veitskirche ist Handarbeit. Foto: Steinert
Die Renovierung der Veitskirche ist Handarbeit. Foto: Steinert

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt die Sanierung der Veitskapelle in Mühlhausen mit Glücksspiel-Mitteln.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)
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Stuttgart-Mühlhausen - Der Pfarrerin Charlotte Sander geht es im Moment nicht gut. Ein Hund hat die Geistliche in die Wade gebissen. Dennoch, den Weg in ihre Kirche in Mühlhausen ist sie auch auf Krücken gegangen. Denn ihr Ziel, an Sylvester 2012 wieder auf der Kanzel der Veitskapelle zu stehen, rückt ein Stückchen näher. Aus den Händen von Gisela Lasartzyk von der Stiftung Denkmalschutz nimmt sie einen Scheck in Höhe von 85 000 Euro entgegen.

Es wird mit Sekt angestoßen im Kapellenraum, der seit vielen Monaten einer Baustelle gleicht. Von außen ist das viele Jahrhunderte alte Mauerwerk der Kapelle im Moment kaum zu sehen. Es wird von einem Gerüst verdeckt. Mit Hilfe des Geldes soll die Fassadenerneuerung nun vollendet werden.

Kapelle wird von innen wie von außen renoviert

Die Kapelle erhält gerade einen neuen Putz. Nicht irgendeinen, betont Pfarrerin Sander. „Der wird in einer Wanne gemischt nach mittelalterlichen Vorgaben und dann von Hand aufgetragen“, sagt sie. „Ganz modern ist seine Wirkung. Wie Funktionskleidung beim Joggen hält er Feuchtigkeit von außen fern und lässt die von innen entweichen.“ Die Fassade ist aber nur eine Baustelle. Auch in der Kapelle selbst wird an allen Ecken und Enden seit 2010 renoviert. Das kostet rund 2,5 Millionen Euro. Doch nur ein Drittel bringt die evangelische Kirche selbst auf. Der Rest stammt aus Fremdmitteln. Ein nicht unbedeutender Teil stammt aus einem Topf, den die Privatlotterie Glücksspirale fleißig füllt.

Wer bei ihr einen Lottoschein erwirbt, spekuliert nicht nur auf einen Gewinn. Er unterstützt auch soziale Zwecke. Denn die Lotterie finanziert unter anderem die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu 60 Prozent. Vertreter der Glücksspirale und der Stiftung haben mit der Summe von 85 000 Euro für die Sanierung der Fassade beigetragen. „Das sind ungefähr ein Drittel der Kosten“, sagt Pfarrerin Charlotte Sander. Auch für das Dach und die Renovierung von Gemälden wurde rund die gleiche Summe beigesteuert. Neben der Stadt und den vielen einzelnen Spendern gehören Glücksspirale und Denkmalschützer zu den großen Förderern der Sanierung.

Pfarrerin: „Ich sehe bei der Glücksspirale den guten Zweck“

Gisela Lasartzyk übergibt im Namen der Stiftung Denkmalschutz gemeinsam mit einer Sprecherin der Toto-Lotto-GmbH den symbolischen Spendenscheck. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass das Geld gut investiert ist. Die Mühlhausener Kapelle blicke auf eine stolze Geschichte zurück, die bis zur Grundsteinlegung im Jahr 1380 reiche. „Sie ist die älteste Kirche Stuttgarts“, sagt sie. Zudem wohl auch eine der wenigen heute protestantischen Kirchen, die als katholische Kirche gegründet wurden und bis heute auch so aussehen. „Bilderstürmerei hat es bei uns nicht gegeben“, sagt Pfarrerin Charlotte Sander. Vielleicht liegt ihr ein „Gott sei Dank“ auf der Zunge. Denn die Frage, wie es sei, inmitten von katholischem Schmuck protestantischen Gottesdienst abzuhalten, beantwortet sie schlicht mit: „Klasse!“ Nein, mit den Heiligenbildern habe sie kein Problem. „Auch für uns sind die Heiligen ja große Vorbilder“, sagt sie.

Als Pfarrerin hat sie kein Problem damit, dass ausgerechnet das Glücksspiel ein Glück für die Veitskapelle ist. „Das ist doch staatlich kontrolliert, und die schlimme Suchtgefahr besteht eher beim Wildwuchs in den Spielhallen“, sagt sie. Aus theologischer Sicht sei das Lottospiel zwar nicht optimal, sagt sie. „Ich sehe bei der Glücksspirale aber den guten Zweck.“ Bilderstürmerei muss die einst katholische Kapelle bei solchem protestantischen Pragmatismus wohl auch in Zukunft nicht fürchten.

Stuttgarts älteste Kirche:

Gründung: Der Grundstein für Stuttgarts älteste Kirche wurde 1380 von Reinhard von Mühlhausen gelegt. Er stand im Dienst des Grafen von Württemberg am Hof Karls IV in Prag. Im damaligen kulturellen Zentrum Mitteleuropas verpflichtete Reinhard Handwerker und Künstler für seine Kirchenstiftung in der schwäbischen Heimat. 1385 wurde die Veitskapelle fertig gestellt.

Architektur: Der Baustil der Kapelle gilt als spätgotisch. Zwölf Wandmalereien stellen zum Beispiel die Legende des heiligen Veit dar. Mit der Reformation wandelte sich die Kapelle zu einer protestantischen Kirche, behielt aber ihre Ausstattung. 1943 brannte bei einem alliierten Luftangriff auf Mühlhausen die Walpurgiskirche vollständig ab. Seitdem ist die Veitskapelle die Hauptkirche des Stadtbezirks.

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