München 1972 Diese Spiele, so leicht

Leicht, modern: das Olympiastadion in München Foto: München Touris/Nicanor García

50 Jahre sind die Olympischen Spiele von München her. Aber alle, die sie damals miterlebt haben, vor Ort oder vor dem Fernseher, werden noch Bilder davon im Kopf haben. Und ja: Ein Terroranschlag bereitete der Fröhlichkeit ein jähes Ende. Aber München 1972 bleibt trotzdem ein Lichtblick der deutschen Geschichte: die beste BRD, die es je gab

Kultur: Tim Schleider (schl)

Es beginnt mit einem ruhigen Blick auf die Münchner Frauenkirche. Darüber blauer Himmel. Kein Wort dazu, keine Musik. Dann schwenkt die Kamera nach rechts, über die Dächer der Stadt hinweg, bis irgendwann der Olympiapark in den Blick kommt: grüne Hügel, ein lang gestreckter See, geschwungene Wege. Dieser Schwung geht nahtlos über in ein wundersam bewegtes, tanzendes Dach, das scheinbar federleicht über einem großen Stadion zu schweben scheint, obwohl es natürlich aus zig Tonnen schwerem Stahl besteht.

 

Und dann ertönt doch noch eine Stimme – woher kennt man sie bloß? „Meine Damen und Herren“, sagt sie sehr ruhig und gemessen, „in wenigen Minuten werden über 70 Radio- und Fernsehstationen aus aller Welt mit der Liveübertragung der Eröffnungsfeier der XX. Olympischen Spiele in München beginnen.“ Ja, ist das nicht die Stimme von Joachim Fuchsberger? Sie ist es: Der Schauspieler ist der Chefsprecher im Stadion. Und eines macht Fuchsberger nicht, was deutsche Schauspieler sonst immer gern taten, wenn sie wichtig wirken wollten: Er rollt nicht melodramatisch das „r“.

Denn was hier gerade beginnt, am sonnigen Samstagnachmittag des 26. August 1972, das ist nicht wie 36 Jahre zuvor bei den XI. Olympischen Spielen in Berlin die große Richard-Wagner-Oper mit Fackelschein und Lichterdom als Präludium zu Weltkrieg und Völkervernichtung. Sondern es sind die Spiele von München: leicht, heiter, fröhlich. Es ist die westdeutsche Bundesrepublik, die im 23. Jahr ihres Bestehens einen ganz eigenen Swing gefunden hat.

Seit einiger Zeit ist diese Münchner Eröffnungsfeier auf Youtube als Zeitdokument in voller Länge frei verfügbar. Und natürlich kommt dem Zuschauer aus heutiger Perspektive manches, was da in zweieinhalb Stunden zu sehen ist, inzwischen ein wenig antiquiert vor. Wer aber alt genug ist, um selbst vor Ort oder vor dem Fernseher dabei gewesen zu sein, der wird von allem noch Bilder im Kopf haben. Gute Bilder. Hier war nicht Berlin ’36. Das war etwas ganz Neues.

Günter Behnischs großer Wurf

Man kann nur staunen, wie klar die Verantwortlichen damals erkannten, dass die Spiele von München eine Form, eine Sprache, ein Design brauchten, die vom großen Ganzen bis ins kleinste Detail die Botschaft einer Zeitenwende verkünden mussten. Und wie mutig sie die Umsetzung Kulturschöpfern anvertrauten, die ästhetisch zum Teil mit allem brachen, was bis dahin bei Großveranstaltungen üblich war.

Es fängt an mit diesem Olympiastadion nach dem Entwurf des Stuttgarter Architekten Günter Behnisch; vor allem dieses Dach – eigentlich unbaubar. Doch Behnisch will den größtmöglichen Kontrast zum monumental einschüchternden Berliner Olympiastadion; er will zum Bau gewordene Leichtigkeit und Offenheit – und mithilfe des Stuttgarter Bauingenieurs Fritz Auer gelingt es ihm. Das Stadion von Berlin ist umgeben von einem riesigen, ebenen Platz – letztlich ein Aufmarschfeld für Menschen, die 1936 noch Sportler, eigentlich aber schon Soldaten sind. Behnisch und seine Partner gestalten als Gegenmodell in München einen Park, in dem sich Menschen entspannen und kennenlernen können.

Das Design aus einer Hand

Und noch eine mutige Entscheidung der Olympia-Organisatoren: Das Design der Spiele überlassen sie Otl Aicher, dem Ulmer Hochschulprofessor, verheiratet mit einer Schwester der Widerstandskämpfer Scholl. Die Design-Hauptfarben der Berliner Spiele 1936 waren ein knalliges Schwarz und Rot gewesen, ganz im Stil der überall präsenten Reichsflaggen: schwarzes Hakenkreuz auf rotem Grund. Schwarz und Rot sind deshalb bei Aicher für München tabu. Die Münchner Olympiafarben sind Blau, Grün, Orange, Gelb, alles pastellig-zurückhaltend und sehr elegant. Völlig zeitlos bis heute.

Und so geht es programmatisch weiter bis ins Detail. Welche Musik soll erklingen, wenn zur Eröffnung die 121 teilnehmenden Länder ins Stadion einmarschieren? Die Organisatoren beauftragen Kurt Edelhagen, den Chef des WDR-Tanzorchesters, für jede Mannschaft, wenn irgend möglich, etwas Landestypisches zu finden, dies aber modern zu arrangieren, ohne dass die Sportler aus dem Tritt geraten. Edelhagen arbeitet mit Dieter Reith, Jerry van Rooyen und Peter Herbolzheimer zusammen, allesamt Jazzmusiker. Das Ergebnis ist natürlich keine Jamsession. Aber es ist mit den Mitteln jener Zeit auch hier eine Referenz an Öffnung und Vielfalt. Es passt zu den Politikern, die auf der Ehrentribüne Platz genommen haben: Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel, die Architekten der Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Und Gustav Heinemann, der Bürger-Bundespräsident.

Dackel statt Schäferhund

Sie werden später als Souvenir von diesem Olympia das offizielle Maskottchen mit nach Hause nehmen – den Dackel Waldi, zusammengesetzt aus den offiziellen Design-Farben, gestaltet ebenfalls im Büro Otl Aichers. Wie souverän und selbstironisch selbst dieses Detail: Hitlers deutscher Schäferhund Blondi musste bekanntlich am 30. April 1945 im Führerbunker sein Leben lassen. Zum Symbol der Spiele von 1972 wird darum der eigentliche Lieblingshund der Deutschen: ein freundlich-forscher Dackel.

Ja, es stimmt: Eine arabisch-palästinensische Mörderbande hat am 5. September all diese Leichtigkeit mit einem Terroranschlag gegen israelische Sportler zunichtegemacht. Aber man sollte den Verbrechern nicht noch 50 Jahre später den Triumph gönnen, die Schönheit dieses Spätsommers 1972 darüber in Vergessenheit geraten zu lassen. Unter dem swingenden Dach von München zeigte sich die beste BRD, die es je gab.

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