Muhterem Aras auf Gedenkstättenreise Zu Besuch in der Menschenvernichtungsanstalt

Schwere Erinnerung. Muhterem Aras (rechts) mit Thomas Stöckle, dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck (links) und dem Münsinger Bürgermeister Mike Münzing. Foto: Ingmar Volkmann

Lehren aus der Geschichte: Landtagspräsidentin Muhterem Aras ist auf Gedenkstättenreise entlang der Schwäbischen Alb. Nach einer ähnlichen Veranstaltung war sie von der AfD heftig attackiert worden.

Gomadingen - Immer wieder ist ein leises Seufzen zu vernehmen, als Muhterem Aras dem Vortrag von Thomas Stöckle in Gomadingen-Grafeneck lauscht. Die dortige Gedenkstätte bildet die erste Station einer Reise zur Erinnerungskultur in Baden-Württemberg, die Aras als Landtagspräsidentin am Montag und Dienstag an fünf historische Orte entlang der Schwäbischen Alb führt.

 

Stöckle ist der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck. Was er über das systematische Töten von behinderten und psychisch kranken Menschen berichtet, ist schwer zu ertragen. 1939, vor genau 80 Jahren also, wird das Schloss Grafeneck „für Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt. Die Nationalsozialisten vergasen hier 10 654 Menschen, die zuvor in grauen Bussen in Psychiatrien und anderen Einrichtungen abgeholt worden waren. Die Menschenvernichtungsanstalt funktionierte als eine Art Testlauf für noch unvorstellbarere Verbrechen, die da folgen sollten: Der Weg nach Auschwitz ging über Grafeneck. „Grafeneck ist ein Zivilisationsbruch und ein Zeichen dafür, was völkisches Denken anrichten kann“, sagt Stöckle. Die systematische Tötung des sogenannten unwerten Lebens habe nach der perfiden Frage funktioniert, „wie viel wert der Mensch ist, wenn er keinen Wert zur Gesellschaft beitragen kann“. Muhterem Aras hört zu und nickt zustimmend, als Stöckle feststellt, „dass wir nach 1945 dem Wert des Menschen die Würde gegenübergestellt haben“.

Scharfe Polemik der AfD

Vor einem Jahr hatte Aras als Landtagspräsidentin schon einmal eine Erinnerungsreise unternommen. Dabei hatte sie festgestellt, das man einen so brutalen Einschnitt wie den Holocaust nicht als Vogelschiss abtun könne, wie es der AfD-Bundesvorsitzende Gauland getan hatte. Anschließend wurde sie von der AfD im Landtag scharf attackiert. Der Ideenwelt dieser Partei nach dürfe sich Aras nicht zum Gedenken in Deutschland äußern, da sie nicht hier geboren worden sei.

Entsprechend groß ist das Interesse an der neuerlichen Gedenkstättenreise der Landtagspräsidentin. Fernsehen, Radio und Zeitungen verfolgen die Stationen. Dass man im Jahr 2019, in dem man eigentlich 100 Jahre Demokratie in Deutschland feiern sollte, stattdessen über den systematischen Tabubruch einer Partei reden muss, macht Aras fassungslos. „Ich lasse mich aber nicht einschüchtern, sondern werde weiter klare Kante zeigen gegen jede Form von Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus“, sagt sie und kritisiert die Umgangsformen und Sprache, die AfD-Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg an den Tag legen: „Wenn so in einem Parlament geredet wird, müssen wir uns nicht wundern, dass andere die Worte in Taten umsetzen“, sagt Aras mit Blick auf den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Bei der Gedenkstättenreise wolle sie nicht nur zurückzublicken, sondern zeigen, „dass Widerstand möglich ist, dass es kleine Heldengeschichten gibt, aus denen man lernt, wie Demokratie zu verteidigen ist“, sagt Aras, ehe sie zur zweiten Station ihrer Reise aufbricht, der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen. „Wir alle müssen wachsam bleiben“, sagt sie und lässt ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte zurück.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Muhterem Aras AfD