Mundartvortrag von Winfried Kretschmann in Böblingen Ein Schwabe aus Überzeugung

Verfechter des schwäbischen Dialekts: Winfried Kretschmann Foto: /Stefanie Schlecht

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält in Böblingen einen glänzenden Vortrag über Eleganz und Integrationskraft der Mundart.

Eine Menschenschlange bildet sich in der Bahnhofstraße, ein Polizeiauto blockiert die Nebenstraße, Security-Männer halten ihre Finger auf den Funkknopf im Ohr und im Foyer werden stichprobenartig Handtaschen durchsucht. Für einen „schwäbischen Abend“ im Sparkassen-Forum ist mächtig was los an diesem Dienstagabend in Böblingen. Der Grund dafür ist der Hauptredner des Abends: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Schwabe aus Überzeugung.

 

Seit Winfried Kretschmann vor fünf Jahren in Baden-Württemberg eine Dialektoffensive gestartet hat, ist er regelmäßig als Kulturbotschafter für das Schwäbische unterwegs. Auf Einladung des Fördervereins Schwäbischer Dialekt sowie des Böblinger Landkreises und der Kreissparkasse Böblingen hält der Landesvater hier einen Vortrag mit dem Titel „Die verschlüsselte Botschaft des Dialekts“. Wie groß das Interesse daran ist, zeigt ein Blick in den mit 400 Gästen komplett gefüllten Veranstaltungsraum.

Weltoffenheit und Heimatverbundenheit schließen sich nicht aus

Kretschmanns Rede ist ein leidenschaftliches, humorvolles und dazu sehr kluges Plädoyer für etwas, das ihm offenbar wirklich am Herzen liegt. Er wuchs in Spaichingen in einem ostpreußischen Elternhaus auf. „Als erstes Kind der Familie habe ich außerhalb Schwäbisch gesprochen“, sagt Kretschmann, der den rauen Älbler-Dialekt als eine wunderbare Möglichkeit sah, dazuzugehören.

Diese Erfahrung hat den Grünen-Politiker geprägt. Bis heute ist der Dialekt deshalb etwas für ihn, das Menschen zusammenbringt und sie nicht voneinander abgrenzt. „Weltoffenheit und Heimatverbundenheit sind einfach nur zwei Seiten derselben Medaille“, ist er überzeugt. Ein Schwabe könne sein Gegenüber rundheraus als Gras-, Allmachts- oder Halbdaggel bezeichnen und sei danach dennoch zu einem halbwegs respektvollen Umgang in der Lage. Das Schwäbische sei deshalb auch nicht empfänglich für Extremismus und hohle Phrasen, meint er.

Während seiner Ansprache muss der 75-Jährige immer wieder gegen einen Hustenreiz ankämpfen. Er schlürft deshalb zwischendurch vernehmlich und in aller Seelenruhe von seinem Kräutertee. Die heiser-gebrochene Stimme verleiht dem Vortrag etwas von einer Wahlkampfrede. Das ist auch durchaus passend, denn seine Thesen klingen wie ein trotziges Manifest gegen allen Spott, der einem als schwäbisch schwätzenden Menschen im Alltag so begegnet.

„Der Dialekt ist keine Schwundsprache einer sakrosankten Hochsprache“, sagt Kretschmann. Schwäbisch sei genau wie das vermeintlich reinste Hochdeutsch, das in Hannover gesprochen wird, nichts anderes als eine von vielen Varianten der Standardsprache. „Sie haben alle dieselbe Berechtigung“, betont der Ministerpräsident. Die Unterdrückung der Mundart empfinde er deshalb als einen Angriff auf die Identität des Menschen. Es ärgere ihn, wenn Dialekte wie ein Gebrechen behandelt würden.

Rhetorische Gegenoffensive mit großen Geschützen

In seiner rhetorischen Gegenoffensive fährt er große Geschütze auf. Hölderlin zum Beispiel, dessen sprachliche Genialität sich erst offenbare, wenn man seine Gedichte auf Schwäbisch rezitiere. Oder Hegel, der seine Vorlesungen in Jena in seinem Heimatdialekt gehalten habe und gerade deshalb so beliebt gewesen sei. In einer pfiffigen Gedankenkette führt Kretschmann aus, warum ohne schwäbischen Dialekt niemals die Hegelsche Dialektik entstanden wäre. Der Grund: Das Schwäbische ist voll vermeintlicher Widersprüche, die hier sprachlich sehr kompakt zusammengefügt werden. „Wart amol gschwend“, nennt der Politiker ein anschauliches Beispiel. In seiner „schnörkellosen Klarsprachlichkeit“ steht das Schwäbische aus seiner Sicht auf einer Ebene mit dem Altgriechischen. Der Satz „Agathe baut im Morgengrauen einen Zaun“ wird im Schwäbischen zu „D’Aget haget, wenn’s taget“.

Für seinen Vortrag erntete Kretschmann großen Beifall. Im Anschluss hielt er sich noch einige Zeit im Foyer auf und sprach mit der lokalen Politprominenz, darunter Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz und Landrat Roland Bernhard. Letzterer hatte zum Auftakt selbst eine witzige Ansprache mit schwäbischen Bonmots gehalten. Auf Bitte des Landrats signierte Kretschmann Exemplare des von Kreisarchivarin Helga Hager verfassten „Mundwerk“-Buch über die Dialektbesonderheiten des Landkreises. „Do woischt, was d’ wert bisch“, scherzte der Ministerpräsident, als der Landrat vorschlug, die Bücher zu einem 15-Euro-Aufpreis zu verkaufen. Dazu kam es jedoch nicht. Die signierten Bücher sollen stattdessen bei Bürgerehrungen vergeben werden.

Wer ein reguläres Exemplar möchte, bekommt dieses für 45 Euro beim Landratsamt Böblingen an der Infotheke sowie bei den Buchhandlungen Vogel in Böblingen und bei Papyrus und Schäufele in Herrenberg.

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