Museen auf Rekordjagd Muss es immer das große Event sein?
Über den Boom der Ausstellungen und versteckte Juwelen in kleinen Städten – Superlative sind nicht alles, meint unsere Kolumnistin.
Über den Boom der Ausstellungen und versteckte Juwelen in kleinen Städten – Superlative sind nicht alles, meint unsere Kolumnistin.
Während viele Kulturbereiche noch immer unter den Nachwehen von Corona leiden, scheinen sich Museen und Ausstellungshäuser rasch erholt zu haben. Im Kunstmuseum Stuttgart lagen die Besucherzahlen schon 2022 auf einem Niveau wie vor Corona. Woran mag das liegen? Daran, dass man den Besuch spontan planen kann und nicht abends aus dem Haus muss? Oder daran, dass man Kunst einfach betrachten und genießen kann, unabhängig von Bildung und Vorwissen?
Vor allem Ausstellungen boomen. In der (absolut empfehlenswerten!) Turner-Ausstellung in München wurde diese Woche der 150 000. Besucher begrüßt. Die Staatsgalerie in Stuttgart freut sich nach der Hälfte der Laufzeit über 35 000 Gäste in der Modigliani-Ausstellung, und das Kunstmuseum kann nach einem guten Monat mehr als 13 000 Besucherinnen und Besucher in der Schau „Sieh dir die Menschen an!“ verbuchen. Das sind beeindruckende Zahlen, doch es geht noch bombastischer. Es dauerte letztes Jahr drei Tage, dann war die Vermeer-Ausstellung im Rijksmuseum in Amsterdam ausverkauft. Erst waren es 450 000 Tickets, durch verlängerte Öffnungszeiten konnten 650 000 Besucherinnen und Besucher die 28 Kunstwerke sehen.
Gleich mehrere Museen präsentieren dieses Jahr Schauen anlässlich des 250. Geburtstages von Caspar David Friedrich. Hamburg läuft schon, die Alte Nationalgalerie in Berlin hat wegen des erwarteten Andrangs den Vorverkauf vorgezogen. Auch wenn der Maler als bedeutendster Vertreter der Romantik gilt, ist so ein Hype um einen Künstler, dessen „Kreidefelsen auf Rügen“ früher in jedem Schulbuch abgedruckt waren, berechtigt? Für große Häuser scheint es ein Erfolgsgarant zu sein, einen runden Geburtstag mit einem griffigen Ausstellungstitel zu kombinieren und als Event zu vermarkten, das man nicht verpassen sollte, wenn man sich für intellektuell hält und mitreden will. Schon beginnt der Run auf Tickets, die Ausstellung wird zum Selbstläufer, der umso mehr Besucher anzieht, je knapper die Tickets werden. Darauf reagiert das Museum mit längeren Öffnungszeiten, die noch mehr Hype produzieren. Am besten bucht man gleich eine mehrtägige Reise mit schickem Hotel und mehrgängigem Abendessen.
Natürlich gibt es weitaus schlimmere gesellschaftliche Entwicklungen, als wenn Menschen in Ausstellungen stürzen. Aber muss es immer das große Event sein? Versteckte Juwelen in kleineren Städten und Gemeinden warten darauf, entdeckt zu werden – ohne Vorausbuchung und Geknubbel vor den Kunstwerken. Die Stihl-Galerie in Waiblingen zeigt Luigi Colani, das Schauwerk in Sindelfingen Doug Aitken. Große Namen in kleinen Orten. Schade bloß, dass Künstlerinnen flächendeckend unterrepräsentiert sind.