Museum in Bad Cannstatt Von der Straßenbahnwelt zum Museum

Von Janey Schumacher 

Im neuen Straßenbahnmuseum im Veielbrunnenweg wurde jetzt eine neue Schau eröffnet.

Dieser Wagen war in den 1960er-Jahren im Einsatz. Da er  20 Jahre im Freien stand, ist er in schlechtem Zustand, dafür ist das hölzerne Kastengerippe gut sichtbar. Foto: Janey Schumacher
Dieser Wagen war in den 1960er-Jahren im Einsatz. Da er 20 Jahre im Freien stand, ist er in schlechtem Zustand, dafür ist das hölzerne Kastengerippe gut sichtbar. Foto: Janey Schumacher

Bad Cannstatt - Jede freie Minute haben die Ehrenamtlichen des Vereins Stuttgarter Historische Straßenbahnen investiert, um beim Aufbau der neuen Ausstellung im Straßenbahnmuseum im Veielbrunnenweg mitzuhelfen. Ende Juli war es dann soweit: Aus Anlass des 150-jährigen Jubiläums der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) war Vernissage – verbunden mit einer Namensänderung: Aus der Straßenbahnwelt wurde das Straßenbahnmuseum Stuttgart.

Im Straßenbahndepot in Bad Cannstatt stehen seit knapp zehn Jahren historische Schienenfahrzeuge aus mehr als 100 Jahren. Im Eingangsbereich der Ausstellung erwartet die Besucher eine Neuerung: Hier ist ein Pferdebahnwagen zu sehen, der bisher bei historischen Umzügen eingesetzt wurde und nun ausgestellt wird. Gleich daneben, aber längst außer Betrieb, steht ein Vorgänger: Das Gestell eines Pferdewagens Baujahr 1868. Diese Fahrzeuge hatten ein offenes Oberdeck, Imperial genannt, und mussten von zwei Pferden gezogen werden. Aus solchen Wagen baute die SSB 1937 kleine, offenen Güterwagen, die zuletzt die END – die ehemalige Überlandstraßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf – für Schienentransporte einsetzte. Beschafft wurden die Fahrzeuge für die erste Strecke von Stuttgart nach Berg.

Tierärzte für SSB im Einsatz

Der Einsatz der Pferdebahnwagen hatte auch außergewöhnliche Mitarbeiter zufolge. „Tierärzte waren notwendig, um für die Gesundheit der Pferde zu sorgen“, sagt Gerhard Voss, Mitglied des Vereins Stuttgarter Historische Straßenbahnen. Voss ist seit fast 30 Jahren dabei, gibt Führungen und hat sogar eine Fahrerlaubnis für die historischen Bahnen. Bei der Gestaltung der neuen Schau war es den Machern wichtig, „jeden anzusprechen und nicht nur technisch Interessierte“, sagt er.

Dies geschieht zum Beispiel durch Exponate, die sich mit den Menschen, den Straßenbahnern, beschäftigen. Da ist zum Beispiel Gottlieb Etzel, der 1889 einen Anstellungsvertrag als Schaffner unterzeichnete. Wie es zu dieser Zeit üblich war, musste er eine Kaution in Höhe von 100 Mark bezahlen, wie auf dem gerahmten Schriftstück zu lesen ist. „Unter anderem für die Arbeitskleidung“, sagt Voss. Da dies Ende des 19. Jahrhunderts eine hohe Summe war, wurde vertraglich vereinbart, dass der Schaffner die 100 Mark in monatlichen Raten abzahlen könne.

Viel Technik

In einer Vitrine ist die Rückseite eines Weckers zu sehen. Beim genaueren Betrachten ist eine Gravur zu erkennen, die auf die SSB schließen lässt. „Da viele Leute nach dem Zweiten Weltkrieg alles Hab und Gut verloren hatten, die Schaffner jedoch pünktlich zum Dienst erscheinen mussten, wurden firmeneigene Wecker ausgeliehen“, sagt Voss. Künftig soll in diesem Bereich der Ausstellung stärker auf das Thema Wohnen eingegangen werden. Schließlich haben die SSB vor allem in der Nachkriegszeit zahlreiche Wohnungen an Mitarbeiter vermietet. Technikliebhaber kommen im Rahmen der Ausstellung aber weiterhin auf ihre Kosten. Etwa, wenn es um die Triebwerke der Straßenbahnen geht. Die Exponate wurden für die neue Schau umgestaltet. Wenn man zum Beispiel das Bodentriebwerk anschaue n möchte, drückt man einen entsprechenden Knopf und schon wird das Bauteil sowie eine Infotafel angeleuchtet.

Das Museum zieht vor allem Besucher aus Stuttgart und der Region an. Zum Beispiel Jörg Steinwand aus Möhringen mit Enkel Eric. „Interessant, die alten Straßenbahnen zu sehen, das erinnert einen an früher“, sagt Steinwand. Damals wurden Signale zum Beispiel noch vom Schaffner oder dem Fahrer per Glocke gegeben. „Wir haben aber auch viele Besucher aus aller Welt, wie Asien oder Amerika“, sagt Voss. Mit der Ausstellung soll den Besuchern „ein Stück Kulturgeschichte vermittelt werden“. Denn es stecke so viel mehr hinter den gelb-schwarzen Bahnen als Knopf drücken, einsteigen, Knopf drücken und aussteigen, sagt Voss. Denn der Einsatz der Straßenbahnen habe die Welt und vor allem die Mobilität verändert. Ab dann ging es motorisiert durch die Straßen und Verkehrsprobleme konnten nicht mehr per Zuruf, wie etwa von Kutscher zu Kutscher, gelöst werden, sagt Voss mit Anspielung auf die Redewendung „Schimpfen wie ein Bierkutscher“. Stadtbahnen, die Nachfolger der Straßenbahnen, sind indes heute aus der Landeshauptstadt nicht mehr wegzudenken.

Sonderthemen