Museum Würth: Baselitz zum 85. Geburtstag Einer der Weltbesten

Das Museum Würth 2 in Künzelsau gratuliert Georg Baselitz zum 85. Geburtstag Foto: Würth/Robert Schittko

Georg Baselitz ist einer der erfolgreichsten Künstler der Welt. Nun wird er 85 Jahre alt. Aber warum stellt er seinen Figuren immer auf den Kopf?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Der Mensch überschätzt sich gern. Deshalb findet man in Museen nach wie vor Besucher, die kess behaupten: Das könnte ich auch. Denn ist es nicht simpel, ein paar Quadrate auf einer Fläche zu arrangieren oder ein Bild komplett schwarz anzupinseln?

 

Würde man aber vor einer weißen Leinwand stehen, bekäme man eine Ahnung, dass die Dinge so einfach nicht sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es doppelt schwer für Künstler, etwas auf die Leinwand zu bringen – denn der Nationalsozialismus hatte gezeigt, dass Kunst keineswegs unschuldig ist, sondern nationalistisch aufgeladen werden kann. Aus Furcht, selbst heikle Botschaften zu formulieren, vermied man fortan allzu realistische Motive.

Baselitz: „Es ist gut, ein Motiv zu haben“

Bloß: Was sollte man überhaupt malen? „Es ist gut, ein Motiv zu haben“, hat Georg Baselitz einmal gesagt. Er wollte nicht wie andere in die Abstraktion flüchten, misstraute gegenständlichen Motiven aber trotzdem, weil er ihre geschwätzige Botschaft und billige Bedeutung fürchtete.

So fand er eine radikale Lösung für das Problem, die ihn weltberühmt macht: Baselitz stellt die Motive auf seinen Bildern häufig auf den Kopf. So kann er etwas darstellen – und vermeidet doch eine plakative Wirkung.

Nun wird Baselitz am 23. Januar 85 Jahre alt. Ein Alter, in dem man in vielen Sparten längst von Jüngeren verdrängt worden wäre. Baselitz dagegen ist nach wie vor einer der erfolgreichsten Künstler der Welt. Im internationalen Ranking „Kunstkompass“ stand er auch im vergangenen Jahr wieder auf Platz drei – direkt nach Gerhard Richter und Bruce Naumann. Bei der Hitliste werden Ausstellungen, Auszeichnungen und Ankäufe in großen Museen wie auch Rezensionen in Fachmagazinen ausgewertet. Die Preise für die Werke selbst spielen beim „Kunstkompass“ keine Rolle, sind bei Baselitz aber stattlich: So wurde etwa eine gelb gestrichene Frauenfigur im vergangenen Jahr für 11,2 Millionen Dollar versteigert.

Dem Sammler zeichnet er einen Geburtstagsgruß

Georg Baselitz hat deutsche Kunstgeschichte mitgeschrieben, weshalb selbstverständlich auch Reinhold Würth immer wieder Werke angekauft hat, die er nun in einer Ausstellung im neuen Museum Würth 2 in Künzelsau präsentiert. Das Verhältnis zwischen Würth und dem Künstler scheint gut zu sein, zumindest hat Baselitz dem Unternehmer zu dessen 85. Geburtstag gratuliert und „herzliche Geburtstagsgrüße“ geschickt auf einer Kugelschreiber-Zeichnung mit dem Hinweis, „im Alter soll man Mützen tragen“. Die etwas zittrige Schrift verrät das Alter des Malers, der doch immer so souverän Stift und Pinsel führte.

In der Ausstellung sind Frauenfiguren zu sehen, die Baselitz 2005 mit Wasserfarbe malte – und dabei die freien, schwungvollen Pinselstriche doch so sicher setzte, dass sich wie aus dem Nichts heraus Sommerkleid und Cowboystiefel samt Sporen erkennen lassen. Baselitz bezieht das Weiß des Blattes direkt mit ein, was für eine herrlich luftige Wirkung sorgt – grad so, als wolle er Platz für Gedanken frei lassen.

Weißraum für eigene Gedanken

Nicht alle Figuren stehen kopf

Die jungen Frauen stehen übrigens nicht kopf, denn das macht die Qualität des Werkes aus, dass Baselitz sein Rezept nicht wie eine Masche konsequent durchzog, sondern immer neu das Motiv der Figur abklopfte und hinterfragte. In Künzelsau stößt man auch auf fragmentierte Körper. Hier ein Beinfragment aus glänzender Bronze, dort die Skulptur „Römischer Gruß“ (2004), ein überdimensionierter Stiefel. Baselitz zerstückelte seine Figuren auch – wie den „Geteilten Held“ von 2006, bei dem Ober- und Unterkörper nicht zusammenpassen.

Zerstörung wurde sein Hauptthema

All diese formalen Kniffe waren letztlich Versuche, einen künstlerischen Neubeginn im Nachkriegsdeutschland zu ermöglichen. Er sei „in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden“, sagte Georg Baselitz immer wieder, aber anders als die konkreten Künstler wollte er keine neue Ordnung behaupten. So wurde die Zerstörung zu einem zentralen Motiv seiner Arbeit. Sein Künstlername spiegelt zugleich, wie stark er sich in den Fängen dieses Landes verstrickt sah. Er wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern geboren in Deutschbaselitz, einer Stadt in Sachsen. Von 1961 an nennt er sich Georg Baselitz.

Von der Hochschule ist er geflogen

1956 begann er als junger Mann, Malerei zu studieren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wurde aber wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ rausgeworfen, weshalb er an die Hochschule in Westberlin wechselte. Der junge Baselitz war wie viele seiner Künstlerkollegen ein rebellischer Geist, sein Bild „Die große Nacht im Eimer“ machte ihn bekannt, provozierte aber, weil er einen Jungen beim Masturbieren zeigte.

Im Museum Würth in Künzelsau fehlt diese rebellische Seite gänzlich, die Ausstellung im Atrium lenkt den Blick auf das spätere Werk, macht dabei aber durchaus die Strategien des Künstlers sichtbar. Baselitz ist es gelungen, nicht die Motive sprechen zu lassen, sondern über die formale Gestaltung seiner Bilder Zustände zu kommentieren. Ganz nebenbei haben viele dieser späteren Werke eine starke sinnliche Wirkung, die den Betrachter auf faszinierende Weise in den Bann zieht.

Neues Ausflugsziel

Neubau
2020 wurde in Künzelsau ein stattliches Museum eröffnet: das Museum Würth 2, das von David Chipperfield Architekten gebaut wurde. Das großzügige Gebäude ist von einem Skulpturengarten umgeben mit Werken von Tony Cragg, Niki de Saint Phalle und Georg Baselitz.

Ausstellung
bis 16. Juli, geöffnet täglich 11 bis 18 Uhr, ab April täglich 10 bis 18 Uhr.

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