Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums, stellt den Sinn dieser Statistik für die Ausstellungsarbeit grundsätzlich infrage und empfindet sie als „verzerrend“. Natürlich seien Besucherzahlen auch kulturpolitisch wichtig, wenn es um die Legitimation von Zuschüssen und Förderung gehe, nimmt sie Bezug auf die Subvention mit Steuermitteln. Aber die Fixierung auf Besucherzahlen als Erfolgsindikator berge die Gefahr, dass bei der Konzeption von Ausstellungen nur noch auf große Namen gesetzt werde, „weil wir wissen, dass ein Picasso, Edward Hopper oder die Impressionisten immer ein Besuchergarant sind“. Experimente würden unter diesem wirtschaftlichen Druck auf der Strecke bleiben. „Meine Erfahrung ist jedoch, dass sich solche Risiken bezahlt machen“, versichert Groos und führt als Beispiel die Ausstellung mit Ragnar Kjartansson im Sommer 2019 an: „Den kannte kaum einer in Stuttgart, dann begeisterte er derart, dass die Besucher Schlange standen.“ Oder die Ausstellung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920.“ Das sei ein Nischenthema, hätten viele im Vorfeld gewarnt: „Dann war es die erfolgreichste Ausstellung im Kunstmuseum überhaupt.“ Sie plädiert daher dafür, dass überraschende, unkonventionelle und anspruchsvolle Ausstellungen möglich sein müssen. Die „Fragwürdigkeit von Besucherzahlen“ belegt sie mit der aktuellen Bilanz: Es waren knapp 110 000 (im Vorjahr: 180 400), „immer noch ganz passabel dank eines guten Starts ins Jahr 2020 mit der Ausstellung ‚Vertigo‘“. Dazu kommen 6253 Besucher im Dix-Haus in Hemmingen. Rechne man allerdings die Graffitigalerie in der Halle des Hauptbahnhofes mit einer hohen Passantenfrequenz dazu, käme man auf 1,36 oder sogar 2,41 Millionen. Da werde die Absurdität augenscheinlich.
Glimpflich davongekommen ist das Linden-Museum, das nur einen Rückgang von 71 327 auf 61 331 Besucher hinnehmen musste. Zu verdanken sei das, so Pressesprecher Martin Otto-Hörbrand, der Großen Landesausstellung „Azteken“, die bereits im Oktober 2019 begann und dann bis in den August 2020 hinein verlängert werden konnte. Trotz strenger Auflagen mit Besucher-Regulierung und -Reduzierung zogen die Azteken jahresübergreifend 75 788 Menschen an. Die Ausstellung „Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus“, die im November 2020 starten sollte, harrt weiter ihrer Eröffnung.
Naturkunde-Museen
Im Naturkunde-Museum, Museum am Löwentor und Schloss Rosenstein, geht bei 147 097 Besuchern ein Minus von fast genau 100 000 auf das Lockdown-Konto: trotz der stark frequentierten Sonderausstellung „Riesig im Meer“ bis Mitte Juni im Schloss Rosenstein, durch die man virtuell immer noch gehen kann. Der neu gestalteten Dauerausstellung „Tertiär – geboren aus der Katastrophe“ im Museum am Löwentor waren im Oktober nur ein paar Öffnungstage vergönnt. Aber sie bleibt ja.
Staatsgalerie
Mehr als die Hälfte ihrer Besucher büßte die Staatsgalerie ein, die 2019 mit 295 141 Kunstfreunden einen rekordverdächtigen Zuwachs von 47 Prozent verzeichnen konnte. Dank dem Streetart-Künstler Banksy und seinem halb zerstörten Bild vom Mädchen mit dem Ballon, vor dem sich die Leute drängten. Und nun waren es gerade mal 121 251 Besucher. Damit seien Einnahmen in Höhe von einer halben Million weggebrochen, während gleichzeitig die Hygieneauflagen und der Bedarf an mehr Personal zusätzliche Kosten verursacht hätten. Dennoch habe man keine Ausstellung streichen müssen und schaue optimistisch ins Jahr 2021: Eine Ausstellung aus der eigenen Sammlung wie der französische Impressionismus kann mit ins Frühjahr genommen werden. Für März terminiert ist eine Ausstellung über Joseph Beuys zu seinem 100. Geburtstag. Als Beitrag zum Jubiläum „1750 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ wird Fred Uhlmann, jüdischer Mitbürger aus Stuttgart und Autor, gewürdigt. Große Resonanz wird für die Ausstellung der Werke von Peter Paul Rubens im Herbst erwartet.
Landesmuseum
Nur an neun Tagen im Oktober konnte die gerade eröffnete Große Landesausstellung „Fashion?! Was Mode zur Mode macht“ im Landesmuseum Württemberg bewundert werden. Dass die Besucherzahl von 272 659 im Jahr 2019 auf insgesamt 64 207 Personen, davon allein 15 348 im Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch, sank, resultiere auch aus den Baumaßnahmen in der Dürnitz im Alten Schloss. Nun werde die Mode-Ausstellung voraussichtlich bis ins Frühjahr 2022 verlängert. Die begleitende Mode-Mitmachausstellung im Jungen Schloss, „Ran an den Stoff!“, dauert bis zum 31. Juli 2022.
Haus der Geschichte
Als Publikumsmagnet gestartet war im Dezember 2019 im Haus der Geschichte die Ausstellung „Hut ab!“ mit je 4000 Besuchern im Januar und Februar. Nach dem Lockdown sei das Publikum nur zögerlich in die Museen zurückgekehrt, so Sprecher Joachim Rüeck: Kaum je 1000 in den Sommermonaten. So bleiben unterm Strich 25 000 (statt 71 500) Besucher im Haus der Geschichte und 8200 (36 200) im Hotel Silber.
Stadtpalais
Ganz anders als geplant: Dieses Resümee eines Jahres gilt auch für das Stadtpalais, aus dem Direktor Torben Giese 106 445 (2019: 258 956) Besucher meldet.
Automuseen
In der Geburtsstadt des Automobils sind die Schatzkammern für die legendären Nobelkarossen und Boliden Spitzenreiter bei den Besucherzahlen. Ausgebremst wurden auch sie: Im Mercedes-Benz-Museum stand nach einem rekordverdächtigen Jahresauftakt am Ende mit 246 805 Besuchern vor allem aus der Region gegenüber 850 000 Gästen im Vorjahr ein dickes Minus von 71 Prozent. Im Porsche-Museum habe man, heißt es, schon vor dem Lockdown eine spürbare Zurückhaltung aufgrund der Meldungen über die Ausbreitung von Corona registriert. Wo sonst 447 271 Bewunderer aus aller Welt die PS-starken Renner mit dem Rössle bewundern, wurden noch 165 000 Besucher, das sind 35 Prozent, gezählt.
Virtuelle Welten
Ob Kunst, Zeugnisse der Zeitgeschichte, fremde Welten, Flora und Fauna oder die Faszination der Technik: Alles kann online bei virtuellen Rundgängen bestaunt werden. In der Hoffnung auf die baldige Rückkehr analoger Zeiten.