Seit dem Frühjahr 2020 können angehende Musiker und Schauspieler kaum gemeinsam proben, erhalten nur in Ausnahmefällen Live-Unterricht, durften so gut wie gar nicht vor Publikum auftreten. „Würde ich jetzt meinen Abschluss machen, dann wüsste ich nicht, was kommt“, sagt Martin Höhler, Gesangsstudent im vierten Semester. Cora Kneisz, Schauspielstudentin im dritten Jahr, formuliert es noch drastischer: „Ich habe wahnsinnige Zukunftsängste. Ich musste in eineinhalb Jahren zwanzigmal vorsprechen, um überhaupt an einer Schauspielschule aufgenommen zu werden. Der Studienplatz war dann für mich ein riesiges Versprechen. Jetzt wird mir das Versprochene einfach wieder weggenommen.“
Eine große Belastung ist vor allem die Umstellung vom Live- zum Online-Unterricht. Sie ist für Studierende von Musik und Schauspiel besonders gravierend. Musiker werden überwiegend im Einzelunterricht ausgebildet, Auge in Auge mit einer Professorin oder einem Dozenten, die ihre Haltung oder auch Nuancen des Tons korrigieren, die man nur live hören kann. Teilweise werden die Studierenden auch am Klavier von Korrepetitoren begleitet. Digitalisieren lässt sich das nicht. Und gemeinsam musizieren geht wegen der Zeitverzögerungen im Online-Dialog gleich gar nicht. In einer Studie der Musikhochschule Düsseldorf berichteten Professoren schon bei der zwischenzeitlichen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts im letzten Sommer über Defizite von Studierenden wie etwa beim Tonansatz von Bläsern, die man online zuvor nicht bemerken konnte. Für das Schauspielstudium stellt Franziska Kötz, Leiterin der Stuttgarter Schauspielschule, fest: „Für einen Schauspieler, der auf eine Bühne möchte, ist das Spiel vor der Kamera wie das Agieren in einem schalltoten Raum.“ Der Lernwert im Online-Unterricht, ergänzt die Schauspielstudentin Cora Kneisz, liege bei „höchstens einem Drittel des Normalen“.
Das sieht auch der Sänger Valentin Bauer so. „Was nutzt es mir“, fragt er, „eine Coronaprüfung mit 1,0 zu machen, aber nicht gut ausgebildet zu sein?“ Künste, räumt die Stuttgarter Rektorin Regula Rapp ein, erlerne man nur „in der Auseinandersetzung mit dem direkten, realen Gegenüber“. Und im gemeinsamen Agieren. Musiker, so Franziska Kötz von der Schauspielschule, könnten auch solistisch üben; Schauspieler hingegen bräuchten Erfahrung im Raum und das Spiel im Ensemble. „Wir sagen den Studierenden immer: Ihr seid so stark, wie ihr euren Partner machen könnt – aber diesen wesentlichen Aspekt können wir zurzeit nicht vermitteln, weil wir nicht im Ensemble arbeiten dürfen. Das ist den Studierenden anzumerken. Uns fehlt gerade das Herz unserer Ausbildung.“
Schauspieler brauchen Erfahrung im Raum und das Spiel im Ensemble
Zum Herz gehört auch das Publikum. „Nach einem Jahr Coronapause“, sagt der Tenor Valentin Bauer, der vor Corona gute Aussichten auf eine solistische Gesangskarriere hatte, „ist die Bühnenerfahrung weg.“ Die Schauspielerin Cora Kneisz ergänzt: „Im Studium sollen wir eigentlich lernen, einen Raum mit 500 Leuten zu füllen. Jetzt füllen wir nur unsere WG-Zimmer.“
Zurzeit werden Abschlussprüfungen verschoben und Studienzeiten verlängert; die Hochschulen sind sehr kulant. Aber danach? Regula Rapp glaubt, dass künftig „die Schere weit aufgehen wird zwischen Künstlern, die an stabilen Institutionen wie Staatstheatern gut versorgt sind, und denen, die als Freiberufler oft sehr innovativ ihre Karriere starten wollen“.
Diesen Berufsentwurf habe die Hochschule zuletzt sehr gefördert, aber „gerade für diese Studierenden brechen jetzt die Lebensentwürfe zusammen“. In Zukunft, befürchtet sie, würden große Veranstalter womöglich noch stärker die Preise drücken, „dabei leben junge Musiker, Schauspieler und Figurentheaterspieler am Anfang ohnehin von Hungerlöhnen“. Rapp sieht das als Auftrag, eng mit Politik zusammenzuarbeiten, um auf die Situation der Nachwuchskünstler aufmerksam zu machen. Außerdem müsse man „verstärkt in Innovatives investieren“. „Ich werde“, so Rapp, „den Studierenden nicht sagen, entscheidet euch für Fagott oder Bratsche und schaut, dass ihr im Theater unterkommt.“ Franziska Kötz macht vor allem die Einsparungswelle Sorgen, „die sehr wahrscheinlich auf alle Theater zurollen wird, denn sie bedeutet, dass Ensembles womöglich weiter schrumpfen, dass es also weniger freie Stellen geben wird – für unsere Absolventen eine beängstigende Perspektive“.
Das betrifft auch die Probevorspiele bei Orchestern: Die Bratscherin Rebekka Irion erzählt, dass sie auf ihre Bewerbungen oft nicht einmal eine Antwort erhalten hat, und Zeitverträge, die Studierenden erste Erfahrungen im Ensemblespiel ermöglichen, gebe es in Lockdown-Zeiten ohnehin nicht.
Viele Musiker nehmen deshalb jetzt Abstand von rein künstlerischen Karriereplänen. „Meine Perspektive hat sich komplett verändert“, sagt der Sänger Valentin Bauer, der sich künftig „mehr in Richtung Pädagogik und Sicherheit“ orientieren will. Drastischer und verzweifelter formuliert es Cora Kneisz: „Als ich mich für das Studium entschieden habe, war mir bewusst, dass das ein Risiko ist, dass es also sein könnte, dass ich womöglich mal nebenbei als Kellnerin jobben muss. Jetzt befürchte ich, dass ich mein ganzes Leben kellnern werde.“