Musikmesse Popkomm Physische Tonträger sterben aus

Von  

Romantische Reminiszenzen verbieten sich bei Managern wie Renner natürlich beim Gedanken an ein traditionelles Kulturgut, wenn man selbst beim eigenen Nachwuchs in Businesskategorien denkt. Warum sonst sollte er Sätze wie diesen sagen? "Wenn ich meine Kinder als Kernzielgruppe sehe, wird der Verzicht auf jegliche physischen Träger sehr naheliegend sein."

Werden sich künftig also nur noch ein paar Ewiggestrige am haptischen Erlebnis weiden, eine Schallplatte aus der Hülle zu ziehen und die Nadel in die Rille sinken zu lassen, ein schön gestaltetes CD-Booklet während des Musikgenusses durchzuschmökern und vielleicht sogar den abgedruckten Texten darin Aufmerksamkeit zu schenken?

Oder sollen die Menschen diese künstlerische Welt lieber als Bits und Bytes auf einem iPod durch die Gegend tragen? Einem iPod, das in minderer Klangqualität omnipräsent und ohne jegliche Kontemplation Töne aus zwei Kopfhörerchen ins Ohr zischt, in einer heruntergeladenen Hitabfolge, die ihnen Online-Streamingdienste wie Spotify, Simfy, iCloud oder Musicmonster maschinell generiert - "Kunden, denen dieses Lied gefallen hat, interessierten sich auch für..." - und oktroyiert haben? Ein schauderhafter Gedanke. Aber wenn es nach der Musikindustrie geht, soll es wohl genau so sein.

Vertrauen in die Plattenfirmen sinkt

Die nackten Zahlen zeigen jedenfalls, wohin die Reise in der Branche geht. Der erzielte Umsatz mit Tonträgern ist in Deutschland in den vergangenen neun Jahren von 2,3 Milliarden auf unter 1,5 Milliarden Euro gefallen, Tendenz sinkend. Der Absatz von Tonträgern ist von knapp über zweihundert Millionen auf knapp über einhundert Millionen Exemplare geschrumpft - um alarmierende fünfzig Prozent in weniger als einer Dekade, Tendenz auch hier: sinkend. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, darf man sicher sein, dass die CD, die gerade erst ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hat, ihren fünfzigsten nicht erleben wird. Die Musikkassette wird dann längst tot sein, ihre einstigen Käufer sind jedoch mitnichten, auch das zeigt die Tabelle, ins Lager der CD-Käufer übergewechselt. Und die Musik-DVD, vor Jahren noch als großer Heilsbringer gefeiert, dümpelt derzeit bei gleichbleibenden Absatzzahlen trostlos vor sich hin.

Zweifelsohne tragen die Internetpiraterie und das massenhafte Schwarzbrennen von CDs ihren Teil zur Krise der Musikindustrie bei. Aber der dramatische Bedeutungsverlust des - ob nun als CD oder LP gepressten - Albums drückt auch etwas Viel-tiefer-Reichendes aus: dass bei vielen Käufern der Respekt vor der künstlerischen Leistung der Musiker schwindet, weil die Menschen allzu oft das Gefühl haben müssen, zu hektisch, zu achtlos und zu gehaltlos produzierte und auf den Markt geworfene Alben in den Händen zu halten.

Infolgedessen schwindet wiederum das Vertrauen in die Plattenfirmen, bei denen einst von ihrer Profession beseelte Menschen darüber wachten, dass wirklich nur gute Künstler gute Alben veröffentlichen. In den Chefetagen dieser Firmen aber schwingen heutzutage Juristen und Marketingwirte das Szepter mit der Maxime, billigen Trends und oberflächlicher Unterhaltung, fantasielosen Reprisen und plumper Gewinnmaximierung hinterherzuhecheln. Falls zwischen den ganzen Businesstalks noch Zeit bleibt, könnte man auf der Berliner Popkomm auch darüber mal nachdenken.