Musikverein mit letztem Auftritt Darmsheimer Bläser feiern Jubiläum und Abschied

Einer der Highlights: der Auftritt bei der Eröffnung des Tunnels in Darmsheim 2018. Foto: Musikverein Darmsheim

Der Musikverein Darmsheim feiert am Samstag sein 100-jähriges Bestehen. Mit diesem Festtag endet aber auch sein Fortbestand als ständiges Orchester. Es mangelt am nötigen Nachwuchs.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Am Samstagnachmittag, wenn im Darmsheimer „Löchle“ schwungvolle Blasmusikklänge ertönen, sind mehr als zwei Jahr Pandemie-Zwangspause wohl für einen Moment vergessen. Die Erleichterung, wieder auftreten und bei öffentlichen Veranstaltungen wie der traditionellen Maihocketse für Feststimmung zu sorgen, wird bei den Orchestermitgliedern des Musikvereins Darmsheim rund um Dirigent Daniel Wolkober zwar durchaus spürbar sein, sie wird aber auch rasch Wehmut weichen. Wehmut, weil der Musikverein ausgerechnet am Tag seines 100-Jahr-Jubiläums gleichzeitig Abschied feiert.

 

Mit dem langjährigen Dirigenten treten auch viele Aktive ab. Damit endet beim Verein die Ära als ständiges Orchester. Charlie Braun, Pressesprecher des Musikvereins, blickt mit gemischten Gefühlen auf den Jubiläums- und Abschiedsauftritt des Blasorchesters am Samstag: „Wir freuen uns einerseits darauf, wieder auf einer Hocketse spielen zu können. Andererseits ist die Stimmung nicht nur freudig-euphorisch, denn viele blicken wehmütig auf den vorerst letzten großen Auftritt.“ Auflösen werde sich der Verein zwar nicht, die großen Bühnen wie früher auf der Mai- oder der Backhaushocketse, dem Sommerfest oder dem Seenachtsfest werde man wohl nicht mehr bespielen können.

Musikverein war stark verankert im Leben der Menschen

„Auf dem Seenachtsfest einst haben wir vor 5000 Besucher gespielt“, erinnert sich Braun. Auch andere Highlights, zum Beispiel als die Bläser 2018 bei der Eröffnung des Darmsheimer Tunnels musizierend durch die Röhre gelaufen sind, bleiben unvergessen. „Das war eine besondere Erfahrung. Alleine wegen der Akustik“, so Braun. 1988 habe man 450 Mitglieder gehabt, davon 90 Jugendliche. „Das war der Höhepunkt“, sagt Braun. Knapp 30 Jahre zuvor, als der Verein sich wiedergegründet hat, hätten sich 40 Jugendliche auf einen Platz im Musikverein beworben. Ein Aufzeichnung von 1959 beweist, welchen Stellenwert das Musizieren in einem Verein bei vielen Menschen eingenommen hat: „106 Mal im Jahr habe ich das Haus verlassen, um den Pflichten der Musik nachzukommen“, zitiert der Pressesprecher ein unbekanntes Vereinsmitglied.

Diese Zeiten sind vorbei – besonders bei einem kleineren Musikverein wie Darmsheim. Charlie Braun datiert den Rückgang der Mitgliederzahlen auf die 1990er Jahre. „Die Gesellschaft stark gewandelt. Sie ist diverser geworden. Genauso ist das Angebot für Kinder und Jugendliche vielfältiger geworden. Diese haben durch die steigenden Anforderungen in der Schule – siehe Ganztagsschulen – weniger Zeit für Freizeitaktivitäten. Und wenn, müssen sie auswählen“, so Braun.

Emilio Diaz, Verbandsvorsitzender der Blasmusiker im Kreis Böblingen, teilt diese Erklärungsansätze und fügt hinzu: „Musik machen bedeutet auch Arbeit. Man lernt ein Instrument, muss dafür regelmäßig üben.“ Vorteilhaft sei immer, wenn Eltern schon im Verein aktiv sind und ihre Kinder heranführen. Zudem sind Kooperationen mit Schulen und Musikschulen geschlossen worden, die sich vielerorts positiv auf den Fortbestand der Blasorchester ausgewirkt haben.

Corona hat den Bläsern schwer zugesetzt

Es liegt aber nicht nur an strukturellen Gründen, die den Mitgliederschwund beschleunigt haben. In den vergangenen zwei Jahren litten die Musikvereine besonders unter den Anti-Corona-Maßnahmen. „Coronabedingte Auftritts- und Probeverbote haben den Vereinen kreisweit das Leben schwer gemacht. Davon müssen sich die Vereine erst erholen“, betont Diaz. Obwohl die Tuba eigentlich nicht zu „emissionsstärksten“ Instrumenten zähle, galt das Blasinstrument gemeinhin als besonders gefährlich, was die Verbreitung des Virus angeht. „Bei einer Tuba strömt die Luft in das Instrument, und damit auch die Aerosole, vor denen man sich so gefürchtet hat. Sie dringen nicht so außen, wie bei anderen Instrumenten“, erläutert Charlie Braun. Inden vergangenen zwei Jahren seien alle Routinetermine weggefallen: keine Auftritte auf Festen, Beerdigungen oder Jubiläen.

Trotz des vorläufigen Rückzugs der Darmsheimer als ständiges Orchester möchten weder Charlie Braun noch Emilio Diaz ein ausschließlich düsteres Bild zeichnen. „Die Gesamtentwicklung kann man beklagen, man muss es aber letztlich auch annehmen. Wir werden uns aber nicht auflösen, sondern vielleicht in kleinerer Besetzung hier und da aufspielen“, kündigt Braun an. Diaz sieht die Bläservereine solide aufgestellt:„Was derzeit leider in Darmsheim Realität ist, ist sonst im Kreis glücklicherweise kein flächendeckendes Phänomen.“ Er verweist auf die noch immer stattliche Anzahl von Aktiven im Kreis: „ Wir haben 3000 aktive Mitglieder, davon 1300 unter 18 Jahren. Es gibt auch bereits funktionierende Kooperationen und Fusionen.“ Was an vielen Stellen schon geklappt hat, ist in Darmsheim dagegen vorerst nicht geglückt. So bleibt den Bläsern dort nur noch eine letzte, große Bühne: die Maihocketse am Samstag ab 17 Uhr.

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