Sonntag ist Muttertag Muttertag ist für Blumenhändler ein Lotterietag

Kai Siegle, Inhaber des Blumenladens Blumen Siegle in Ostfildern, bereitet sich auf den großen Ansturm am Wochenende vor. Foto: Ines Rudel

Für Floristen und Blumenhändler sind die Chancen und Risiken am Muttertag besonders groß. Dazu trägt in diesem Jahr auch Corona seinen Teil bei.

Digital Desk: Julia Hawener (jhw)

Kreis Esslingen - Süßes Dankeschön“ und „Ich denke an dich“. Das sind die Namen der Gebäcke, die über das Wochenende die Vitrinen der Backhäuser Zoller im Landkreis Esslingen füllen. Diese schmackhaften Ausdrücke der Dankbarkeit sind allerdings nicht einfach an irgendjemanden gerichtet: Wie jedes Jahr am zweiten Sonntag im Mai ist auch heuer wieder Muttertag.

 

Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber initiiert ersten Muttertag

Mit Kaffee und Kuchen bei Mama vorbeischauen ist bei vielen an diesem Tag Tradition. Genauso wie ein großer Strauß Blumen – der ist schließlich schon seit langer Zeit weltweit das beliebteste Geschenk für die Mütter. Kein Wunder also, dass sich das Vorurteil, der Muttertag sei von Blumenhändler erfunden worden, immer noch hartnäckig hält. Ganz so stimmt das allerdings nicht. Ins Leben gerufen wurde der Tag 1907 von der amerikanischen Frauenrechtlerin Anna Jarvis. Sie wollte mit dem Tag ihre Mutter ehren, die zwei Jahre davor gestorben war, und gleichzeitig auf die Probleme von Frauen aufmerksam machen. Trotzdem ist an den Gerüchten etwas dran. Denn 1923 initiierte der Verband der deutschen Blumengeschäftsinhaber den ersten Muttertag in Deutschland. Und das hat sich laut Kai Siegle, Inhaber des gleichnamigen Blumenladens ist Ostfildern-Nellingen, ausgezahlt. Der Muttertag gehöre klar zu den umsatzstärksten Tagen im Jahr und sei somit ein lukratives Geschäft für Floristen.

„Verrückte Preise“ für rote Rosen

Auch in diesem Jahr rechnet Siegle mit einem großen Ansturm, denn bereits am Donnerstag habe er zahlreiche Vorbestellungen auf seiner Liste gehabt. Am beliebtesten ist „ganz klar die Rose“, sagt Siegle. Ob Pfingstrosen oder rote Rosen, der Blumenklassiker sei noch immer der Bestseller am Muttertag. Das mache sich auch im Preis bemerkbar: „Rote Rosen werden teilweise für bis zu acht Euro pro Kopf gehandelt.“ Das sei ein „verrückter Preis“ und sorge zum Teil dafür, dass Floristen ein großes wirtschaftliches Risiko eingehen. Die Blumen werden von den Läden oft in großen Mengen bestellt, für viel Geld. Fällt der große Ansturm aus, bleiben die Blumenhändler auf der Ware sitzen. Der Muttertag ist sozusagen ein großes Lotteriespiel.“, sagt er. Erschwerend hinzu käme seit vergangenem Jahr der Lieferengpass. Wegen Corona können viele Händler nicht genau sagen, wann sie wie viel Ware bekommen. Das Problem habe es so zuvor nie gegeben.

Muttertagssong des Lichtenwalder Kinderchors

Corona hat auch bei den „Corälchen“ des Kinderchors Lichtenwald einen Strich durch die Muttertagspläne gemacht. „Normalerweise studieren wir zusammen ein Lied ein. Das wird dann aufgenommen und per Whatsapp an die Mamas verschickt“, erklärt Sängerin und Chorleiterin Constanze Seitz. Da weder Proben noch eine gemeinsame Aufnahme in den vergangenen Monaten möglich waren, hat sich Seitz etwas Besonderes für die Mütter ihrer „Chorälchen“ ausgedacht: Sie hat einen eigenen Muttertagssong komponiert und aufgenommen. Zudem hat sie ein Slideshow-Video zusammengeschnitten mit Familienfotos der Eltern. Im Hintergrund läuft ihr Song. Das Video wird auf Youtube für die Mitglieder des Chors zu sehen sein. „So können wir den Muttertag wenigstens ein bisschen in die Köpfe der Kinder rücken“, sagt Seitz.

Kein politischer Aktionstag

Mütter leisten viel. Das ist keine Frage. Doch ist der Muttertag, so wie er ursprünglich zelebriert wurde, in unserer heutigen Zeit überhaupt noch angemessen? „Natürlich huldigt der Muttertag in gewisser Weise den veralteten Geschlechterrollen“, sagt Barbara Straub, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Esslingen. Es wird die kochende, selbstaufopfernd-liebende Mutter gefeiert. Schon in der Nazizeit sei der Tag für Propaganda instrumentalisiert worden, erklärt sie. Wirklich kritisch sehe sie den Muttertag allerdings nicht: „Es hat sich schon viel verändert in den letzten Jahren. Mütter werden nicht mehr nur als Hausfrauen gesehen.“

Ein politischer Aktionstag, so wie ihn sich die Amerikanerin Anna Jarvis vermutlich damals erhofft hatte, ist er jedoch laut Straub schon lange nicht mehr. Müsse er aber auch nicht sein. Einen „kämpferischen Tag“ für Gleichberechtigung gebe es schließlich am 8. März: den Frauentag.

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