Nach dem Aus des Rennens in Melbourne So stritten die Formel-1-Bosse über die Absage

Von Elmar Brümmer 

Nach langen Gesprächen wird der Große Preis von Australien am Freitagmorgen abgesagt – davor stritten sich die Bosse in der Nacht, wer für die Kosten aufkommt und wer die entgangenen Einnahmen ersetzt.

Die mächtigen Bosse begründen die Absage am Freitag: Rennleiter Michael Masi vom Automobil-Weltverband Fia, Andrew Westacott, Chef des Grand Prix von Australien, Paul Little, Vorsitzender der Australian Grand Prix Corporation, und Formel-1-Chef Chase Carey (v. li.). Foto: dpa/Michael Dodge
Die mächtigen Bosse begründen die Absage am Freitag: Rennleiter Michael Masi vom Automobil-Weltverband Fia, Andrew Westacott, Chef des Grand Prix von Australien, Paul Little, Vorsitzender der Australian Grand Prix Corporation, und Formel-1-Chef Chase Carey (v. li.). Foto: dpa/Michael Dodge

Melbourne - Kurz nach sieben am Freitag schallt Motorenlärm aus dem Albert Park. Viele Melbournians spitzen die Ohren, nicken und lächeln: also doch, wenigstens die Formel 1 trotzt dem Corona-Virus. Um 10 Uhr werden sie enttäuscht feststellen: es war ein letztes Aufheulen. Die Formel 1 hat ihr Rennen gegen eine Absage des Großen Preises von Australien verloren, der Fortgang der Saison ist ungewiss. Vielleicht wird erst im Mai wieder gefahren, falls die Lage es zulässt.

Erfahren haben es die Fans erst, als sie vor den abgesperrten Toren der Rennstrecke standen. In der Nacht vor dem Saisonauftakt war ein Mechaniker des McLaren-Rennstalls positiv auf das Coronavirus getestet worden, der Rennstall zog zurück – inzwischen gibt es 14 Fälle im Rennstall und Quarantäne fürs Teamhotel. Diese Diagnose bremste die Königsklasse aus. Veranstalter, Automobil-Weltverband Fia und das Formel-1-Management entschieden sich nach einer nächtlichen Krisensitzung und auf Anraten der australischen Gesundheitsbehörden zwei Stunden vor dem Trainingsbeginn doch noch zur Absage. Zum ersten Mal nach den Unruhen 2011 in Bahrain musste ein Grand Prix gestrichen werden. Jedoch regierte lange Konfusion: Als Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen schon auf dem Weg zum Flughafen waren, gingen die Organisatoren noch davon aus, dass der Rennbetrieb läuft. Ein Wirrwarr.

Lesen Sie hier: Die Saison beginnt womöglich erst im Mai

Am Freitag übernahm Weltmeisterteam Mercedes die Meinungsführerschaft und erklärte ins Schweigen hinein seinen Verzicht: „Wir haben in einem Brief den Weltverband, die Sportbehörde und die Veranstalter gebeten, den Grand Prix abzusagen.“ Die Gesundheit aller Beteiligten gehe vor, man fühle sich angesichts der Umstände nicht mehr im Stande, die Sicherheit der Angestellten zu garantieren. Außerdem empfinde man es als sportlich unfair an einem Rennen teilzunehmen, bei dem in McLaren ein Wettbewerber fehle. Die Anhäufung vieler Fakten, erklärte der Veranstalter, habe schließlich den Ausschlag für die Notbremse gegeben.

Den Druck auf die Veranstalter hatten nach den öffentlichen Mahnungen von Champion Lewis Hamilton („Ich bin überrascht und schockiert, dass wir hier sind“) auch die Teamchefs ausgeübt und sich mehrheitlich gegen den Start ausgesprochen. In der Nacht hatten geteilte Meinungen geherrscht, was den ersten Trainingstag anging – dann aber kippte die Stimmung. Selbst ein Geisterrennen, wie es Politiker angeregt hatten, stand nicht mehr zur Debatte. Lewis Hamilton bedauert und befürwortet die Absage zugleich in seiner Botschaft an die Fans: „Wir müssen realistisch sein und Gesundheit und Sicherheit an die erste Stelle setzen. Ich weiß, dass alle enttäuscht sind, aber: Passt in der Zeit, bis wir wieder Rennen fahren können, gut auf euch auf.“

Formel-1-Chef Chase Carey trifft aus Vietnam ein

Das Krisenmanagement der Formel 1 war keines. Was in der Öffentlichkeit nur den Eindruck verstärkt hat, das um jeden Preis ein Großer Preis ausgetragen werden soll. Die Funktionäre hatten offenbar keine handfesten Szenarien entwickelt, sehenden Auge steuerten sie in das, was die „Herald Sun“ auf der Titelseite eine „Formel für das Chaos“ nannte. Keiner wollte Verantwortung übernehmen. Alle Kommunikation blieb dem Veranstalter, der angesichts der hohen Aufbaukosten, eines Startgeldes in zweistelliger Millionenhöhe und der zu erwartenden Einnahmen von 80 000 Zuschauern immer für eine Austragung plädieren musste. Zumal die Regierung des Bundesstaates Victoria mit 35 Millionen Euro einer der wesentlichen Geldgeber des Rennens ist.

Formel-1-Chef Chase Carey landete erst am Freitag aus Vietnam kommend in Melbourne, wo er nach Lösungen suchte, um die Rennpremiere zu retten. Der US-Manager konnte in einer bizarren Open-Air-Talkrunde nur gebeugt „sorry“ sagen und auf die sich stündlich verändernde Situation verweisen. Den Vorwürfen Hamiltons, der süffisant über „Geld regiert die Welt“ referiert hatte, setzte Carey entgegen: „Dass wir jetzt hier stehen, beweist genau das Gegenteil.“

Müssen die Versicherungen zahlen?

Fraglos geht es ums Geld, und in diesem Fall geht es um das Detail, wer das Rennen absagt – denn diese Partei ist regresspflichtig. Das erklärt die Verzögerungstaktik. Sagt die Formel 1 ab, erfüllt sie den Vertrag nicht, mindestens zwölf Autos am Start zu garantieren. Sagt der Veranstalter ab, muss er die vollen Summen an die Formel 1 bezahlen. Gilt aber höhere Gewalt, etwa durch ein Verbot von staatlicher Stelle, greifen wohl die Versicherungen. Durch die Erklärung, die nur auf Empfehlungen und nicht auf Anordnungen basierte, wird wohl am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlen.

Während Careys Ansprache zur Absage haben im Fahrerlager die Gabelstapler das Rennen aufgenommen. Auf den verwaisten Vergnügungsflächen hat die Werbecrew für den neuen Bond-Film alles verschnürt, es bleibt ein schwarzer Block mit dem besonders makaber wirkenden Slogan „No time to die“ übrig. Die Filmpremiere musste auch verschoben werden. Das Rennen in Bahrain am 22. März ist nun auch abgesagt, Vietnam ebenfalls und China bereits seit Wochen. Wann die Formel 1 in die Saison startet, steht in den Sternen.