Nach dem Pisa-Schock „Herr Gülbahar, was brauchen türkische Schüler, damit es läuft?“

Ali Gülbahar ist Lehrer im Ruhestand – und als Wasserliebhaber heute ehrenamtlicher Markenbotschafter für den Neckar-Käptn. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie gewinnt man schwer erreichbare Eltern? Der Lehrer im Ruhestand, Ali Gülbahar, weiß es. Er war viele Jahre Ansprechpartner für türkische Familien in Stuttgart und Esslingen. Wie ist es dazu gekommen? Eine erstaunliche Geschichte.

Ali Gülbahar war 46 Jahre lang Türkischlehrer und lange im Stuttgarter und im Nürtinger Schulamt Ansprechpartner für türkische Familien. Er hat sich auf vielfältige Weise für die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund eingesetzt – und tut es ehrenamtlich bis heute.

 

Herr Gülbahar, Sie waren fast ein halbes Jahrhundert im Schuldienst. Wie hat ihr eigener Bildungsweg begonnen?

Meine Eltern waren Analphabeten. Ich bin in großer Armut aufgewachsen. Eine Anekdote macht das deutlich: Als mein kleiner Bruder gestorben ist, hat meine Mutter geweint, als unsere Kuh starb aber noch mehr. Ich habe gefragt: ,Mama, warum weinst Du um die Kuh mehr als um meinen kleinen Bruder?‘ Sie sagte: ‚Woher sollen wir eine neue Kuh nehmen?‘ Ich wollte von dieser Armut weg, deshalb habe ich mich angestrengt.

Haben Ihre Eltern Sie unterstützt?

Ich musste mir alles erkämpfen. Zuerst gab es bei mir im Dorf nur eine Koranschule. Von dort bin ich nach drei Jahren auf die neue Grundschule gewechselt. Ich hatte immer gute Noten und deshalb meinten meine Lehrer, dass ich weiter in die Schule gehen kann. Aber meine Eltern waren dagegen. ,Wir haben kein Geld‘, haben sie gesagt. Ein Onkel hat mich zunächst bei sich aufgenommen, damit ich in die Mittelschule in der Stadt gehen konnte. Im zweiten Jahr habe ich einem Kind aus einer reichen Familie Nachhilfe gegeben, dafür durfte ich dort wohnen. Im dritten Jahr habe in einem Restaurant gearbeitet, um die Schule zu finanzieren. Danach konnte ich auf einer Internatsschule das Abitur machen. Mir war egal, was ich werde, Hauptsache, ich verdiene Geld, muss nicht zurück ins Dorf und wie meine Eltern dort für die Landbesitzer arbeiten.

Hat’s geklappt mit dem Geldverdienen?

Ich wurde erst mal Grundschullehrer und damit hat man in der Türkei wenig verdient. Als ich mit 22 heiraten wollte, waren meine Schwiegereltern dagegen. ‚Dir geben wir unsere Tochter nicht’, haben sie gesagt. Deshalb habe angefangen, noch Chemie zu studieren, doch es gab politische Unruhen. Mein Bruder, der in Stuttgart war, hat mich überredet, zu kommen. Im August 1977 machte ich mich auf den Weg – ohne ein Wort Deutsch.

Und sind trotzdem Lehrer geworden?

Ich habe ziemlich schnell Deutsch gelernt. Das türkische Konsulat suchte damals fünf muttersprachlichen Lehrer. Es ging um den Schulversuch „Türkisch statt Englisch“. Die Kinder durften damals in der Hauptschule statt Englisch auch Türkisch als Fremdsprache wählen. Das Konsulat hat mich dafür beim Oberschulamt vorgeschlagen.

Wie kam es überhaupt zur Einführung des Türkischunterrichts?

1973 wurde das von der deutschen Regierung beschlossen. Warum? Die Arbeiter wollten ihre Kinder zu sich holen, aber nur auf Zeit. Sie sollten nach ein bis drei Jahren zurückkehren und deshalb ihre Sprache und Kultur behalten. Bis 1991 war der Unterricht nachmittags. Wir wollten davon weg, aber das Ministerium war dagegen. Aber sie haben mir erlaubt, es in einer Schule zu versuchen. Das haben wir in der Raitelsbergschule in Stuttgart Ost gemacht. Wir haben die Religionsstunden für den Türkischunterricht genommen. Heute ist der Vormittagsunterricht der Standard. An 660 Schulen im Land gibt es Türkischunterricht, wir haben 165 Lehrer aus der Türkei, die hier unterrichten.

Sie wurden dann bei den Schulämtern Stuttgart und Nürtingen der Ansprechpartner für türkische Eltern. Mit was für Problemen kamen die zu Ihnen?

Auch die Schulen haben mich kontaktiert, zum Beispiel, weil Eltern ihr Mädchen nicht ins Schullandheim schicken wollten oder nicht in den Schwimmunterricht. Die Türkei hat aber 8000 Kilometer Strände. Schwimmen zu können ist also wichtig für die Kinder. Sehr beschäftigt hat mich, dass die Eltern nicht zum Elternabend kommen. Das ist bis heute ein Problem. Ich habe immer Einladungen auf Türkisch und Deutsch geschrieben und am Tag vorher noch mal angerufen und erinnert. Auf meinen Einladungen stand: ‚Liebe Eltern, wer eine wichtigere Arbeit hat als die Erziehung seine Kinder, der soll uns bitte anrufen und Bescheid geben.’

Woran liegt es, dass die Eltern so wenig Interesse zeigen?

Das liegt an der türkischen Mentalität. In der Türkei ist die Schule nicht nur für Bildung, sondern auch für die Erziehung zuständig. In Deutschland ist die Erziehung Aufgabe der Eltern. Das heißt auch, dass in der Türkei dem Lehrer Respekt entgegengebracht wird: Wenn ein Schüler mich sieht, dann muss er mich grüßen. Türkische Eltern haben sich mir gegenüber beschwert, wegen der Kleidung von Lehrern – weil sie kurze Hosen trugen. Sie sagten: ‚Das ist kein Vorbild für mein Kind.’ Dann habe ich erklärt: Das ist Deutschland, das ist normal hier. Man beurteilt einen Lehrer nicht nach seiner Kleidung oder nach seinen Ohrringen.

Was erwarten türkische Eltern von einem Lehrer?

Ein Lehrer sollte streng sein, darf die Kinder aber nicht schlagen.

Kinder mit Migrationshintergrund haben bei der PISA-Studie im Schnitt im Vergleich deutlich schlechter abgeschnitten. Was meinen Sie, was brauchen die Kinder, damit es besser läuft?

Es hängt ganz viel an den Eltern. Die Schulen müssen sich mehr Mühe geben, dass die Eltern in die Schule kommen, sie müssen diese für die Bildung gewinnen. Das macht einen großen Unterschied.

Sie haben regelmäßig türkischsprachige Elternabende organisiert.

Ich mache immer noch Elternabende – gerade habe ich in Sindelfingen und Böblingen Familien aus Afghanistan und aus der Ukraine das deutsche Schulsystem erklärt. Elternarbeit macht viel Arbeit. Aber es lohnt sich dranzubleiben. Eines unserer Projekte hieß zum Beispiel ‚Eltern gehören zur Schule’. Wir haben damals 73 Eltern eingeladen. Beim ersten Treffen kamen acht Leute, beim dritten Mal waren es 60. Mit denen haben wir in Seminaren über Probleme gesprochen.

Über welche?

„Meine Tochter findet keinen Ausbildungsplatz“, war eine Veranstaltung, da kam jemand vom Arbeitsamt dazu. Wir haben immer Fachleute eingeladen. Und der Einsatz hat Wirkung gezeigt: Wir konnten in Esslingen den Übergang türkischer Kinder aufs Gymnasium und auf die Realschule stark erhöhen. Von zwölf Kindern in der vierten Klasse gingen sechs aufs Gymnasium, drei auf die Realschule. Das zeigt: Man kann über die Elternbildung viel bewirken.

Was wünschen Sie sich von den Lehrkräften, damit Kinder mit Migrationshintergrund besser abschneiden?

Zuallererst sollten die Lehrer den Eltern das deutsche Schulsystem näherbringen. Zudem könnten sie mehr über die Kultur ihrer ausländischen Schüler wissen, dafür Verständnis und Interesse mitbringen. Wenn ich als Lehrer 80 Prozent Ausländer in der Klasse hätte, würde ich lernen, was die Leute essen, wie sie sich verhalten. Was darf man sagen, was nicht? Dann kommt es vielleicht auch nicht so schnell zu Missverständnissen.

Was ist besser geworden?

Meine früheren Schüler gehen zumindest schon mal zu den Elternabenden. Aber es wurde auch sonst viel erreicht. Als ich anfing, gab es noch viel Schweinefleisch in den Schulkantinen. Auch die Übergangszahlen aufs Gymnasium haben sich verbessert. Ich erinnere mich an einen Bericht in den 1980er Jahren in einer türkischen Zeitung, weil fünf türkische Kinder aus Stuttgart aufs Gymnasium kamen. Fünf! Die Eltern kamen aus Mittelanatolien – und ihr Kind geht aufs Gymnasium. Das war eine Nachricht. Inzwischen gehen mehr als ein Fünftel der türkischen Kinder aufs Gymnasium. Das ist natürlich nicht ausreichend. Der Stuttgarter Durchschnitt liegt bei gut 60 Prozent.

Was haben Sie aus ihrer Biografie gelernt, was sie weitergeben wollen?

Zu meinem Sohn habe ich gesagt: ‚Du musst immer mehr arbeiten als ein Felix. Wenn Felix eine 1,2 bekommt, musst Du eine glatte Eins bekommen. Wenn Felix eine Zwei bekommt, musst Du eine Zwei plus haben. Denn wenn Du Dich nachher bewirbst und Du hast die gleiche Note wie Felix, dann nehmen sie Felix. Das habe ich auch meinen Schülern gesagt. Wir sind in Deutschland, es sind nicht alle ausländerfreundlich. Deutsche Schulen, aber auch die Firmen mögen die fleißigen Leute. Dass man richtig arbeitet und sich nicht so oft krank meldet. Ich habe in 46 Jahren nicht einen Tag krank gefehlt.

Ausgezeichnet mit dem Manfred-Rommel-Preis

Herkunft
Ali Gülbahar wurde in einem Dorf bei Antakya, dem früheren Antiochia, in der Südtürkei geboren. Offiziell ist er 70 Jahre alt, aber wann er tatsächlich geboren ist, weiß niemand – seine Mutter konnte sich nicht erinnern. Laut seinem Arzt müsse er 1957 geboren und vier Jahre jünger sein. Von den insgesamt 13 Geschwistern seien vier jung verstorben, zwei leben wie Gülbahar in Deutschland.

Werdegang
Ali Gülbahar war 46 Jahre Türkischlehrer in Deutschland und lange Jahre im Stuttgarter und im Nürtinger Schulamt Ansprechpartner für türkische Familien. Seit drei Jahren ist er Rentner, engagiert sich aber weiterhin für Migrantenfamilien. Er hat zwei leibliche Kinder und zwei Stiefkinder aus zweiter Ehe, alle sind Akademiker. Ali Gülbahar wurde im November vergangenen Jahres mit dem Manfred-Rommel-Preis ausgezeichnet – für seinen Einsatz für Erdbebenopfer in der Türkei. Er ist ehrenamtlicher Markenbotschafter beim Neckar-Käptn, wo er unter anderem internationale Gäste betreut. Deshalb fand das Gespräch mit ihm auf einem der Boote statt.

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