Nach dem Tod ihres Sohnes Eine Mutter erzählt vom Leben mit der Sucht

Heike Mohrmann und ihr Mann Rajco bei den Dreharbeiten zur Doku-Serie „Einsicht durch Zweisicht“. Foto: Stigma/Heike Mohrmann

Heike Mohrmann hat das Schlimmste erlebt, was eine Mutter erleben kann: Ihr Sohn ist mit 22 Jahren an den Folgen seiner Drogensucht gestorben. In einem Video redet die Schwaikheimerin offen darüber. Das Projekt soll das Thema aus der Tabuzone holen.

Wenn Heike Mohrmann von ihrem Sohn Tim spricht, schwingt viel Liebe in ihrer Stimme mit. Über manche einst verzweifelte Situationen kann sie mittlerweile lachen, und sie spricht sehr offen und direkt über die Beziehung zu ihrem Sohn. Das ist nicht selbstverständlich, denn Tim kämpfte mit einer Drogensucht, an dessen Folgen er mit nur 22 Jahren starb.

 

Ein umfangreiches Ehrenamt

Heute, mehr als acht Jahre später, engagiert sich die Schwaikheimerin ehrenamtlich dort, wo sie damals Hilfe fand – bei der Elternselbsthilfe für Suchterkrankte und Suchtgefährdete. Inzwischen ist sie nicht nur Leiterin der Rems-Murr-Gruppe, sondern auch Vorsitzende des Baden-Württemberg-Zweigs. „Man kann es meinen ehrenamtlichen Vollzeitjob nennen“, scherzt sie über das Ausmaß ihres Engagements. Und betont, dass das nur möglich sei, weil ihr Ehemann Rajco ihr den Rücken freihalte.

Gemeinsam mit ihm ist Heike Mohrmann seit Kurzem in der Doku-Serie „Einsicht durch Zweisicht“ zu sehen. Wie auch acht weitere Betroffene und Angehörige erzählen sie von ihren Erfahrungen mit einem Alltag, in dem die Drogensucht alles dominiert hat. Das Projekt entstand durch Mohrmanns Ansinnen, mehr Verständnis zwischen Suchterkrankten und deren Eltern zu erreichen. Sie kontaktierte Paul Lücke vom Verein Stigma, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, über gesellschaftliche Ächtung aufzuklären.

Mehr Verständnis zwischen Betroffenen und Angehörigen

„Wir waren uns einig, dass wir etwas tun müssen“, sagt Heike Mohrmann. Das Besondere an dem Konzept sei, dass beide Seiten zu Wort kommen, die suchterkrankten Menschen und die Angehörigen. Anhand vieler Gespräche sei so ein Film entstanden, der die Auswirkungen von Sucht auf Familien hautnah aufzeige.

Für Mohrmann stand von Beginn an fest, selbst Teil des Projekts sein zu wollen: „Ich halte mit dem Thema nicht hinterm Berg, ich gehe mit dem Konsum und dem Tod meines Sohnes offen um.“ Der Fokus ihres Engagements liege eigentlich auf der Betreuung betroffener Eltern. „Die Eltern müssen aushalten, dass das eigene Kind, das oft noch im Familienhaushalt wohnt, Drogen nimmt“, sagt sie über die Schwierigkeiten, mit denen sich viele der Eltern konfrontiert sähen.

Die Hoffnung der Beteiligten ist nicht nur, durch das Projekt mehr Verständnis zwischen Betroffenen und deren Angehörigen zu schaffen. Die Doku-Reihe soll auch zur Aufklärung in Schulen genutzt werden können. Besonders dort versprechen sich die Macher der Serie Erfolg durch die Mitwirkung von suchterkrankten Menschen. „Wenn Eltern sagen, Drogen sind scheiße, kommt von den Jugendlichen nur ein Gähnen“, erklärt die Schwaikheimerin. Die Botschaft von Menschen zu hören, welche dieselbe Sprache wie die Heranwachsenden sprechen, führe oft dazu, dass diese auch wirklich zuhörten.

Heike Mohrmann selbst räumt ein, am Ende nicht mehr zu ihrem Sohn durchgedrungen zu sein. Und das, obwohl vieles in seinem Leben gut gelaufen sei. Die Schule hatte er abgeschlossen, die Ausbildung ebenso. Tim hatte eine Freundin, die Zukunft sah zumindest auf dem Papier doch ganz rosig aus.

Drogenkonsum als schleichender Prozess

Doch gleichzeitig nahm der Sohn auch Drogen. Es war ein schleichender Prozess, den Heike Mohrmann lange nicht mitbekam und den sie rückblickend nur anhand von Vermutungen rekonstruieren kann. „Es begann mit Zigaretten, als er etwa 15 war.“ Dann sei relativ schnell der Konsum von Gras hinzugekommen, mit etwa 17 Jahren Heroin. Nach einer missglückten Entgiftung habe er auch die Medikamentendroge Benzodiazepine, genannt Benzo, genommen.

„Tim war sehr gut darin, seinen Drogenkonsum zu verstecken“, erklärt Heike Mohrmann. Er habe sich gut verstellen können. Außerdem habe sie lange Zeit vieles auf die Pubertät geschoben. Schließlich sei das ja durchaus auch eine Zeit, in der ein Ablösungsprozess von den Eltern stattfinde. Letztlich habe Tim ihr aber von seiner Suchterkrankung erzählt. Daraufhin habe er einige Zeit im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden verbracht, sich aber gegen eine Langzeittherapie entschieden. Im folgenden Jahr starb er.

Das Aufbrechen von Stereotypen

Heike Mohrmann ist es wichtig, ihren Sohn nicht auf seine Krankheit zu reduzieren. „Er ist mein Kind, trotz allem.“ Sie habe mit ihm viel durchgemacht, ihn wegen wiederholtem Vertrauensmissbrauch letztlich sogar aus dem Haus schmeißen müssen. Trotzdem wehrt sie sich gegen die übliche Darstellung von suchterkrankten Menschen. „Nicht jeder Heroinsüchtige ist wie Christiane F.“, betont sie.

Mit dem nun gestarteten Videoprojekt „Einsicht durch Zweisicht“, das in mehreren Folgen auf der Internetplattform Youtube zu sehen ist, möchte Heike Mohrmann das Bild von suchterkrankten Menschen in Deutschland ändern. Diese Aufgabe, räumt sie ein, verbinde sie letztlich weiter mit ihrem Sohn.

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