Die Berichte folgen immer einer vorhersehbaren Dramaturgie, wodurch sich stark einschläfernde Wirkung erzielen lässt. Das liegt mitunter an den wiederkehrenden, langweiligen Themenmotiven. Wie Legosteine können sie beliebig zusammengesetzt werden, sind aber für die Erzählenden scheinbar alternativlos. Es fängt zum Beispiel so an: „ Also dieses kleine Agriturismo, nur 15 Minuten südlich vom Gardasee, war ganz arg niedlich. Die haben einen tollen Babypool, mit Wasserspielen. Von der Liegewiese aus hast du alles im Blick, da kann gar nichts passieren. Und so liebevoll gemacht alles.“
Angaben zu Kosten und Mengen des Essens und Trinkens sind ein beliebtes Motiv
Detailbeschreibungen der Unterkunft, in die sehr wahrscheinlich nie jemand aus der Runde der Zuhörer reisen wird, interessieren leider nicht. Dennoch wird nicht verschwiegen, wie groß der Kinderpool war oder dass die Kissen in den großzügigen Betten ausgewiesene Antiallergikerkissen waren.
Weiter: „Das Abendessen, fantastisch, immer vier Gänge, die Italiener halt, und alles frisch und bio. Etwas außerhalb haben wir ein süßes kleines Lokal entdeckt, das ist ein Geheimtipp, der Lorenzo hat den Laden da seit 1995. Ganz tolles Essen, das ist wie früher, das kriegst du nur da. Und so günstig, der Aperol Spritz vier Euro.“ Essens- und Getränkebeschreibungen mit Angaben zu Kosten und Mengen sind ein beliebtes Motiv und fehlen – vor allem, was die Kosten angeht – in keiner schwäbischen Urlaubserzählung.
„Auch Tiere halten sie, Esel und Ziegen. Und die Olivenbäume! Warte da muss ich euch mal ein Foto zeigen, das war der Sonnenuntergang, wenn man abends auf der Terrasse gesessen ist, einmalig oder? Und die Charlotte, die ist die ganze Wanderung mit gelaufen. Das war echt stark, zehn Kilometer, und es ging immer wieder bergauf. Die Charlotte hat einen Wahnsinns-Sprung gemacht im Sommer.“ Bei Familienerzählungen sind die Berichte über Entwicklungsschritte des Kindes zentral – obwohl Umstände wie etwa der, dass die Fabienne jetzt schon so gut schwimmt, dass sie direkt das Seepferdchen machen könnte, meist nur die Eltern selbst elektrifizieren. Außerdem möchte niemand die Fotos vom Sonnenuntergang der anderen sehen.
Die Erzählungen sind Ausdruck lähmender Spießbürgerlichkeit
„Und der Blick von dem Monte Dings aus, wart ihr da schon oben? Also da müsst ihr unbedingt hin, aber früh morgens! Die stehen an für die Seilbahn, die ganze Straße runter. Der Ausblick oben ist einmalig, muss man gesehen haben. Warte, da hab ich auch schöne Bilder gemacht. Guck, ach ja, da hat die Leni ihre neuen Stiefel an. In Salò waren wir einkaufen, da kann ich euch einen super Laden empfehlen.“
Wanderwege, Strände, Berge, Aussichtsplätze, Schluchten finden immer Erwähnung, ebenso wie Geheimtipps, was Lokale oder Ausflugsziele angeht. Vor Ort ist meist schnell festzustellen, dass auch alle anderen Familien aus Baden-Württemberg und Bayern bemerkt haben, was es hier zu sehen gibt.
Urlaub zu haben ist schön. Allerdings am meisten für die Urlaubenden selbst. Die Kollegen sind nach Rückkehr der Reiselustigen erschöpft, sie haben in der Zwischenzeit die Arbeit der anderen mitgemacht und würden gerne selbst endlich verreisen. Oder sie interessieren sich nicht für Familienkram oder die Küche der Lombardei.
Solchen als Familie oder Paar unternommenen Urlaubsreisen haftet kein mitreißender Zauber des Fernwehs an. Vielmehr sind sie Ausdruck lähmender Spießbürgerlichkeit. Die Selbstversicherung in schönmalerischen Berichten hinterher dient, seien wir ehrlich, nichts anderem als der Stabilisierung einer kapitalistischen Logik: Der Mensch hat sich im Urlaub zu erholen, um danach wieder gestärkt arbeiten zu können. Selbst die ausschweifendste Erzählung wird diesen Umstand nicht origineller machen. Obwohl es oft scheint, als wolle sich mancher private Reiseberichterstatter mit seiner Schwärmerei noch einen Hauch Weltenbummler-Image aus Studentenzeiten erhalten. Aber vom Gardasee führt leider kein direkter Weg ins wilde Abenteurertum à la Jack Kerouac. Es ist auch unwahrscheinlich, dass dieser Reisefreund als nächstes sein Haus verkaufen, mit dem Rucksack durch Tasmanien trampen oder als Entwicklungshelfer in Burkina Faso den Aufbau einer Landwirtschaftsschule vorantreiben wird.
Die Berichte erinnern eher an damals, als der Karl-Heinz im Foyer der Kreissparkasse einen Diavortrag übers Eseltrekking mit Selbstversorgung auf dem Peloponnes gehalten hat. Oder als die Tante im Wohnzimmer die schweren Samtvorhänge zuzog, damit sich die Sonntagsgesellschaft 200 bestens kuratierte Dias der kalifornischen Pflanzenwelt anschauen konnte. Der Diaprojektor war mal das Pendant der heutigen Fotobücher, die jetzt ostentativ vor die Gäste auf den Tisch gelegt werden. Dabei will man den Klaus gar nicht in Badehose und Sandalen beim Verzehr eines Krabbenbrötchens sehen.
Die Erzählung wird schon während des Urlaubs begonnen, via Instagram oder Whatsapp
Heute wird die Reiseerzählung leider meist sogar schon während des Urlaubs begonnen, via Instagram oder Whatsapp sollen alle teilhaben. Und vom Strand aus ruft die bayrische Familie mit Kleinkind die Oma an: „Ja, des Meer is voll warm, mit seini Schwimmflügel is der Maximilian a scho aine gangn.“ Akustisch für die Oma schwer zu verstehen, daher hören alle zur Sicherheit noch mehrmals laut: „Der Maximilian is a schon h-i-n-e-i-n gegangen.“
Erlebnisse verarbeiten kann man am besten alleine
Thomas Bernhard schreibt: „Ich würde immer gerne woanders sein, wo ich nicht bin.“ Die in Teilen schon pathologische Sehnsucht nach dem Woanderssein drückt sich aus in der Dauervernetzung und Berichterstattung über das Erleben, oft sogar noch während es gerade geschieht. Wo willst du sein, wenn nicht hier, könnte man fragen. Ließe man ab vom Simultanberichten, vielleicht gäbe es dann mal wirklich etwas zu erleben, das es wert ist, hinterher erzählt zu werden, wer weiß? Sich erinnern, Erlebnisse verarbeiten oder die Momente des Nachdenkens noch nachwirken lassen, das kann man ohnehin am besten alleine. Bis dahin reicht es, sich in der Urlaubserzählung auf Kurioses, Unerwartetes oder besondere Erlebnisse zu beschränken.
Auf die weit verbreitete, oft nur höflich gemeinte Frage „Wie war’s?“ kann man antworten: „Es war schön.“ Wenn es denn stimmt.