Nach der Oscar-Nacht Das Kino hat gewonnen

Erkennt man doch sofort: Oscar-Deko im Dolby Theatre in Los Angeles Foto: dpa/Barbara Munker

Kein Oscar für Sandra Hüller, Ilker Catak oder Wim Wenders: Die Deutschen gingen diesmal bei den Academy Awards leer aus. Aber das Kino hat in dieser Nacht gesiegt, meint Tim Schleider.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Sollen wir uns nun grämen? Anders als im vergangenen Jahr, als Edward Berger für die deutsche Kriegsroman-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ gleich vier Academy Awards einheimste, gingen die Unsrigen in der jüngsten Oscarnacht leer aus. Weder die beiden Regisseure Ilker Catak und Wim Wenders noch die Schauspielerin Sandra Hüller konnten sich in ihren Kategorien durchsetzen. Hat uns also keiner mehr lieb?

 

Ilker Catak ist nun auch in den USA bekannt

Wer so etwas Stunden später in den sozialen Netzwerken verbreitet, zeigt damit nur, dass er von Kino und von den Oscars wenig Ahnung hat. Die Nominierungen allein sind schon eine Auszeichnung – seit geschlagenen 86 Jahren hat es Sandra Hüller als erste deutsche Schauspielerin geschafft, in dieser besonders prominenten Kategorie einen Platz zu finden. Ilker Cataks kleines und sehr konzentriertes Schulalltagsdrama „Das Lehrerzimmer“ hat im Konzert der großen Konkurrenz viel Lob in der internationalen Fachpresse gewonnen; ohne Oscar-Nominierung wäre es dort gar nicht aufgefallen. Und Wim Wenders ist ohnehin längst global bekannt als Großmeister des deutschen Films; nicht umsonst hat er sein poetisches Werk „Perfect Days“ in und für Japan gedreht.

Darüber hinaus hat gerade die jüngste Gala gezeigt, wie europäisch an vielen Stellen der Oscar geworden ist. Just die beiden Filme, in denen Sandra Hüller mitspielt, das französische Gerichtsdrama „Anatomie eines Falls“ und die britische Holocaust-Studie „The Zone of Interest“, haben drei Awards gewonnen. Und auch wenn die Schauspielerin Emma Stone längst ein Hollywoodstar ist, ihren Oscar hat sie nun für ihre Rolle in „Poor Things“ gewonnen, einem sehr britischen Film unter der Regie eines ziemlich verrückten Griechen, Yorgos Lanthimos.

Viele hatten das klassische Kino für tot erklärt; der Zuschauerschwund in den Sälen, die Folgen der Corona-Lockdowns und der Aufstieg der Streamingdienste schienen den guten alten Lichtspielhäusern ein Ende zu bereiten.

Die Fernbedienung bleibt daheim

Doch gerade der Kinojahrgang 2023 zeigt ein breites Spektrum erfolgreicher Filme, die eben nicht nur spannende Geschichten erzählen, sondern auch filmisch von höchster Qualität sind – von „Barbie“ bis „Oppenheimer“, von Komödie bis Satiren, von deutschen Lehrerinnen im alltäglichen Überlebenskampf bis zu still ihr Leben genießenden Toiletten-Putzmännern in Tokio. Welche Welten gibt es da überall zu entdecken, die uns berühren, belustigen, faszinieren, verängstigen, ermutigen können – und dies eben nicht daheim auf der Couch immer mal wieder zwischendurch wegdämmernd, sondern im dunklen Kinosaal, ohne Fernbedienung in der Hand, gebannt von der großen Leinwand, vereint in einer Gemeinschaft der Neugierigen?

Natürlich ist so eine Oscar-Nacht auch Show und Glamour, viel Schein und freies Bein. Aber es hat gerade in diesem Jahr auch dokumentiert, wie eng verzahnt die Geschichten des Kinos mit der Wirklichkeit unserer Welt wieder sind. Der britische Regisseur Jonathan Glazer erinnerte in seiner Dankesrede an das aktuelle Elend im Nahen Osten, beklagte die Opfer der Hamas in Israel und forderte eine Waffenruhe für Gaza.

Die berührendste Dankesrede hielt aber Mstyslav Chernov. Der Regisseur des Dokumentarfilms „20 Days in Mariupol“ sagte, er sei natürlich stolz, zum ersten Mal in der Filmgeschichte einen Oscar für die Ukraine gewonnen zu haben. Aber zugleich würde er alles dafür geben, niemals den Anlass für diesen Film gehabt zu haben; das sei fortan seine persönliche Tragödie. Solche Worte lassen alles Gegräme über deutsche Misserfolge höchst nickelig erscheinen. Im Kino und bei den Oscars erleben wir Film und Welt – und wir können ein Teil davon sein.

Weitere Themen