Nach Erfolg in Esslingen und Gerlingen Wie ein Stuttgarter Start-up Straßen in den USA besser machen will

Die Vialytics-Gründer Achim Hoth, Danilo Jovicic und Patrick Glaser (von links) haben zehn Millionen US-Dollar an frischem Risikokapital eingesammelt und verfolgen große Pläne. Foto:  

Das Start-up Vialytics hilft Städten, Straßen in Schuss zu halten. Winkt den Gründern jetzt ein Millionen-Deal in Amerika? Und: Kommen sie auch mit Stuttgart ins Geschäft?

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Ein großzügiges Treppenhaus, Zimmer mit hohen Decken – und dazu ein feiner Blick vom Balkon in der Innenstadt an der Stuttgarter Silberburgstraße hinüber in Richtung Marienkirche: Die Zentrale der Firma Vialytics ist schon rein baulich ein Wohlfühlort. Gleichzeitig zeigt sich hier, dass der Kurs der Gründer stimmt. Start-ups wollen schnell wachsen – und Vialytics wächst in vielerlei Hinsicht. Gerade nimmt die Firma ein zweites Stockwerk des gepflegten Altbaus in Beschlag.

 

Vor gut einem Jahr hat Vialytics den ersten Stuttgarter Innovationspreis gewonnen, dotiert mit 50 000 Euro. Seither hat sich die Zahl der Beschäftigten auf 60 verdoppelt, bis Ende des Jahres sollen es sogar 90 oder 100 werden. Sie arbeiten daran, eine zentrale Aufgabe der kommunalen Verwaltung zu digitalisieren: die Kontrolle und Instandhaltung des Straßennetzes. „Es geht schneller, einfacher und vor allem systematisch datenbasiert“, sagt Danilo Jovicic. Und das sei angesichts des Fachkräftemangels in der Verwaltung dringend nötig. „Bis zum Jahr 2030 scheidet jeder dritte Angestellte aus“, so der Mitgründer und Geschäftsführer von Vialytics. In vielen Kommunen müssten heute Generalisten, also klassische Sacharbeiter, Arbeiten übernehmen, für die bisher Tiefbau-Ingenieure da waren.

Die Datensammlung ersetzt Ordner und Excel-Listen

300 Kommunen nutzen das Vialytics-System bereits, in Deutschland, Frankreich, Slowenien, Tschechien, in der Schweiz und in Österreich. Auch der Umsatz hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt und liegt nun im siebenstelligen Bereich. Jetzt soll der nächste große Sprung kommen, das Ziel heißt USA. „Wir wollen Marktführer in der EU werden und den Eintritt in die USA schaffen“, sagt Danilo Jovicic.

Das Geld für die Expansion ist vorhanden. Im Januar hat Vialytics zehn Millionen US-Dollar an Risikokapital eingesammelt. Der Löwenanteil kommt von Scania Growth Capital, einer Tochter des schwedischen Nutzfahrzeugherstellers. Auch die bisherigen Unterstützer EnBW New Ventures und Statkraft Ventures ziehen mit. Der Zeitpunkt scheint günstig: Die USA wollen nach Präsident Joe Bidens Maxime „Build back better“ Milliarden in die Sanierung von Straßen stecken.

Das Smartphone macht Bilder, die Künstliche Intelligenz wertet sie aus

Die Idee hinter Vialytics ist relativ einfach. Ein Smartphone an der Windschutzscheibe beispielsweise eines städtischen Müllfahrzeugs macht während der Fahrt alle vier Meter ein Foto der Straßenoberfläche. Die Bilder werden von einer Künstlichen Intelligenz automatisch ausgewertet. So werden Risse, Schlaglöcher oder lose Pflastersteine dokumentiert. In Gerlingen (Kreis Ludwigsburg) habe es – mit nur einem Smartphone an einer Kehrmaschine – gerade einmal vier Wochen gedauert, so Jovicic. Auch in Esslingen ist mittlerweile buchstäblich jeder Gully erfasst.

Es geht aber um mehr. Ähnlich wie bei Google Street View liefert Vialytics eine interaktive Karte mit allen Daten. Die Software priorisiert die Schäden, schlägt Sanierungsmaßnahmen vor, hilft bei der Terminierung. „Es ist ein komplettes Straßenmanagementsystem, das proaktive Instandhaltung ermöglicht“, sagt Jovicic. Werden Risse rechtzeitig erkannt und ausgebessert, koste das weniger, als später größere Schäden zu reparieren. Der Preis der Software, rund 100 Euro pro Kilometer, amortisiere sich rasch.

In Stuttgart soll es dieses Jahr losgehen

Dieses Jahr soll es wohl auch in Stuttgart losgehen, der Stadt, die Vialytics den Innovationspreis verliehen hat. Man sei momentan in guten Gesprächen mit der Verwaltung, sagt Jovicic. Zuerst sollen dabei die Radwege unter die digitale Lupe kommen.

Der Stuttgarter Innovationspreis

Bewerbungsfrist
Der Wirtschafts- und Innovationspreis Stuttgart wird alle zwei Jahre vergeben. Die aktuelle Bewerbungsfrist endet am 28. Februar.

Bewerbungsadresse
Alle Infos unter www.stuttgarter-innovationspreis.de.

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