Moskau - Der hochgewachsene, schneidige Mann mit Glatze, in heller Stoffhose und einem ledernen Köfferchen sei ihm bereits beim Einsteigen in Athen aufgefallen. Er habe seltsame Fragen auf Russisch gestellt, habe seinen Pass abzufotografieren versucht. „Was für eine verdächtige Scheiße“, soll Roman Protassewitsch seinen Kollegen in seinem Telegram-Kanal geschrieben haben. Da war der 26-Jährige von seinem Urlaub in Griechenland auf dem Weg zurück in seine Wahlheimat Litauen. Mit einem Ryanair-Linienflug nach Vilnius. Die Kollegen publizierten den Chatverlauf als letztes Lebenszeichen des belarussischen Fotografen, Bloggers, Aktivisten.
Am Montagabend dann haben die belarussischen Behörden die Festnahme des Bloggers Roman Protassewitsch bestätigt. Er sei in Untersuchungshaft genommen worden, teilte das Innenministerium über den Nachrichtenkanal Telegram mit.
„Wir sind sehr besorgt um unseren Sohn“, sagte Dmitri Protassewitsch, der Vater des Gekidnappten, in einem Interview mit dem belarussischen Radiosender Radio Swoboda.
Der Befehl soll offenbar persönlich von Lukaschenko gekommen sein
Die Festnahme Protassewitschs sprengt jeglichen Rahmen internationaler Abkommen. Als sich das Flugzeug der irischen Fluggesellschaft Ryanair am Sonntagnachmittag im belarussischen Luftraum befand, war ein Militärkampfjet vom Typ MiG-29 kurz vor der litauischen Grenze hochgestiegen und hatte den Flug FR4978 zum Abdrehen und zur Notlandung in der Hauptstadt Minsk gezwungen. Der Befehl dafür soll offenbar persönlich vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko gekommen sein.
Das Regime in Minsk stellt die Aktion als Heldentat dar: Es habe sich eine Bombe an Bord befunden, hieß es von offizieller Seite. Das allerdings stellte sich schnell als billiger wie gefährlicher Vorwand heraus. Vielmehr scheint es sich um eine Spezialoperation des belarussischen Geheimdienstes KGB, der eine zivile Maschine gekapert hat, um einen Regierungskritiker in seine Gewalt zu bekommen. Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum sagte unterdessen, die Hamas habe mit der Sache „nichts zu tun“ und weder Kenntnisse darüber noch Verbindungen dazu.
Protassewitsch lebt seit 2019 im Exil, weil er weiß, wie gefährlich ihm die Regierung in seinem Heimatland werden kann. Der 26-Jährige ist seit Jahren in der belarussischen Oppositionsszene aktiv. Erst war er einfacher Teilnehmer an Anti-Regierungsprotesten, später fing er als Fotoreporter für das „Europäische Radio in Belarus“ an, ein in Warschau gegründetes Radio-Online-Projekt, das auf Belarussisch publiziert und auch ein Büro in Minsk hat. Dort beschreiben ihn seine ehemaligen Kollegen als „ruhigen, nicht besonders gut organisierten Fotoreporter“. Nach der Stellenkürzung beim Radio ging er ins benachbarte Polen – und gründete 2015, zusammen mit dem damals 17-jährigen Stepan Putilo, den Telegram- und Youtube-Kanal Nexta (auf Belarussisch „Jemand“). Er wurde Nextas Chefredakteur.
Die Plattform Nexta machte sich im Protestsommer 2020 einen Namen
Da belarussische Medien fest in staatlicher Hand sind und damit ein Propagandawerkzeug der Regierung, sind es vor allem Online-Projekte – im In- wie im Ausland –, die sich um unabhängige Informationsbeschaffung bemühen. Journalisten wie Aktivisten schreiben dabei über die Willkürherrschaft Lukaschenkos, über Festnahmen und Folter, über rechtsstaatliche Defizite im Land – und sind einem großen Druck bis hin zu Gefängnisstrafen unterworfen.
Nexta machte sich vor allem während des Protestsommers nach der offensichtlich gefälschten Präsidentenwahl 2020 einen Namen. Da das Internet damals teilweise blockiert war und der Mobilfunk gedrosselt, gelang es den Nexta-Machern mittels Telegram, über die Proteste zu informieren. Sie sammelten und publizierten Aufnahmen aus den Städten, veröffentlichten Szenen, wie belarussische Spezialpolizeieinheiten auf friedliche Demonstranten eindroschen, publizierten Interviews mit Geschädigten und zeigten so die Diktaturfratze von Lukaschenkos Regime.
Der Kanal wurde eine der wichtigsten Informationsquellen für Lukaschenkos Gegner und zum zentralen Koordinierungsinstrument der belarussischen Opposition. Bereits im Oktober stufte ein Gericht in Minsk Nexta als extremistisch ein. Im November warf das belarussische Ermittlungskomitee Protassewitsch und Putilo vor, für Massenunruhen verantwortlich zu sein, die öffentliche Ordnung massiv gestört und zur sozialen Feindschaft angestiftet zu haben. Das Regime in Minsk wendet solche Anschuldigungen gern gegen Oppositionelle an. Darauf stehen bis zu 15 Jahre Freiheitsentzug.
Der Leiter des belarussischen KGB will „Verräter und Abtrünnige“ verfolgen
Der Leiter des belarussischen Geheimdienstes KGB, Iwan Tertel, erklärte noch vor einigen Monaten, „Verräter und Abtrünnige zu verfolgen, egal, wo sie sich aufhalten“. Der Vizeinnenminister Nikolai Karpenkow will Belarus „von allen Andersdenkenden säubern“. Das Verschleppen von Roman Protassewitsch ist ein Alarmzeichen an alle belarussischen Regimekritiker. „Lukaschenko ist kein Politiker mehr, er agiert als Chef einer militanten Organisation“, erklärte der belarussische Journalist Igor Iljasch.
Roman Protassewitsch war sich stets der Gefahr wegen seiner Arbeit bewusst. Im November ging er von Nexta weg und arbeitete zuletzt als Fotograf im Team von Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja. In einem am Montagabend vom belarussischen Staatsfernsehen veröffentlichten Video hat er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe gestanden: „Ich werde weiter mit den Ermittlern zusammenarbeiten und gestehe, Massenproteste in der Stadt Minsk organisiert zu haben“, sagte er an einem Tisch sitzend. Und fügte hinzu: „Das Personal geht mit mir völlig angemessen um und respektiert die Gesetze.“
Auch Protassewitschs Freundin Sofja Sapega, eine 23-jährige russische Staatsbürgerin, die in Vilnius studiert, kam nicht aus Athen in Vilnius an. Sie ist inzwischen im Minsker Isolationsgefängnis Okrestino – dort, wo während der Proteste so viele Menschen misshandelt wurden.
Am Montagabend wurde in einem regierungsnahen Nachrichtenkanal von Telegram ein Video veröffentlicht, in dem Protassewitsch sagte, er sei gesetzeskonform behandelt worden, er arbeite mit den Ermittlern zusammen und wolle Geständnisse ablegen. Nach Einschätzung der Opposition ist das Video unter Druck zustande gekommen. „Roman hat nie freiwillig gesagt, was er jetzt in die Kamera gesagt hat“, hieß es bei Telegram. Er sehe zudem „ziemlich gefoltert“ aus. „Sein Gesicht ist geschminkt, Spuren von Schlägen sind sichtbar, seine Nase ist gebrochen.“