Nach Volkmarsen Warum wir Angst haben

Von Katrin Maier-Sohn 

Hanau, Volkmarsen: Die zwei Gewaltexzesse innerhalb von kurzer Zeit verunsichern viele Deutschen. Doch wie viel Angst ist berechtigt? Wir haben zwei Experten gefragt.

Zusammenrücken beruhigt: Menschen in Volkmarsen am Dienstagabend beim  Gottesdienst vor der Kirche St. Marien. Foto: dpa/Swen Pförtner
Zusammenrücken beruhigt: Menschen in Volkmarsen am Dienstagabend beim Gottesdienst vor der Kirche St. Marien. Foto: dpa/Swen Pförtner

Deutschland - Ein 29-jähriger Mann steuert am Rosenmontag sein Auto in einen Faschingsumzug in Volkmarsen. Rund 60 Menschen werden verletzt. ­Wenige Tage zuvor erschießt ein rechtsextremer Täter in Hanau neun Menschen. Nach Angriffen wie dem auf die Synagoge in Halle, der Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz in Berlin und dem Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum handelt es sich bei Volkmarsen und Hanau um zwei Gewalttaten in einer Reihe von Anschlägen. Die Bedrohung durch solche Anschläge ist in Deutschland allgegenwärtig. Eine Studie der R+V-Versicherung untersucht seit Jahren die Ängste der Deutschen. Nach wie vor auf den vorderen Plätzen sind die Furcht vor politischem Extremismus und vor terroristischen Anschlägen. Doch steigt die Anzahl der Anschläge wirklich und ist die Angst berechtigt?

Der Direktor des Instituts für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart, Ortwin Renn, beschäftigt sich seit Jahren mit Risikoforschung und dem Umgang mit Gefahren. „Wir können tatsächlich in letzter Zeit eine Zunahme an Anschlägen in Deutschland wahrnehmen, allerdings besteht immer noch ein sehr geringes Risiko für jeden Einzelnen von uns“, sagt er. „Es sterben jährlich rund 3500 Menschen im Straßenverkehr. Das ist eine andere Größe.“ Demnach sei die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Anschlag zu sterben, wesentlich geringer als der Tod durch einen Autounfall. Vergleichbar sei dies mit der aktuellen Gefahr durch Corona und der Grippe in Deutschland, sagt der Risikoforscher. Die Angst vor Corona sei größer, obwohl aktuell die Gefahr der Grippe höher ist.

Doch woher rührt diese verzerrte Wahrnehmung, und warum fürchten sich die Deutschen so sehr vor dem Terror? Renn nennt drei Gründe: Erstens handele es sich bei solchen Gewalttaten im öffentlichen Raum um ein emotional aufgeladenes Thema. Berichte und Bilder von Tatorten wie dem in Volkmarsen zeigen erschreckende Szenen, die viel Aufsehen erregen und die Betrachter automatisch betroffen machen.

Drei Gründe für unsere Angst

Zweitens vermitteln die Berichte, dass es jeden treffen könne. „Wir fühlen uns machtlos, und das macht uns Angst“, erklärt Renn. Ob beim Spaziergang, auf dem Weihnachtsmarkt oder eben beim Fasching – die Gefahr sei nicht vorhersehbar. „Hinzu kommt, dass wir in einem sehr sicheren Land leben. Doch beim Thema Anschläge kann auch die Polizei nur bedingt Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Das verunsichert uns, weil wir das nicht gewohnt sind“, sagt Renn.

Der dritte Grund für die statistisch übermäßige Angst sei die besondere Grausamkeit der Taten. „Taten wie Terroranschläge und Amokläufe sind hochmoralisiert“, erklärt Renn. „Wir fragen uns: Wie kann jemand so etwas Schreckliches tun?“ Bei Terrorattacken würden zudem auch symbolisch aufgeladene Werte wie Freiheit und Toleranz angegriffen.

Hinzu komme, dass die aktuellen Vorfälle in den Nachrichten, den sozialen Netzwerken, aber auch bei persönlichen Gesprächen übermäßig präsent seien. „Je mehr über ein Thema berichtet wird, desto mehr ist es in der Wahrnehmung der Rezipienten“, erklärt Renn. Der Kommunikationswissenschaftler Tilman Klawier von der Universität Hohenheim ergänzt: „Keine Berichterstattung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die Bürger keine Angst mehr haben. Wenn die journalistischen Medien nicht berichten, holen sich die Menschen die Informationen aus den sozialen Medien, und da florieren besonders nach Krisenereignissen viele Falschmeldungen.“

Krisenhafte Ereignisse lösten Unsicherheit aus, erklärt Klawier. Der Wunsch nach Erklärungen sei dann besonders groß. Journalistische Medien können die Antworten nicht immer sofort liefern. Daher sind die Menschen in dieser Zeit besonders anfällig für opportunistische Meinungen im Netz.