Stuttgart - In Wimbledon war unlängst der mittlerweile 62 Jahre alte Schwede Björn Borg zu sehen, der das Tennis in den 1970er Jahren revolutioniert hat – mit seinen extremen Griffhaltungen und seiner Coolness. Borg sieht immer noch gut aus, und er spielt auf der Senior Tour. Das ist, siehe Boris Becker und seine kaputten Hüften und Knie, nicht selbstverständlich. Borg hatte, ebenfalls siehe Boris Becker, zwischendurch mal sein vieles Geld komplett durchgebracht. Verheiratet war er auch häufig, drogenabhängig obendrein. Aber er ist wieder da. Er lebt, gut und gerne wohl.
So genannter Spitzensport, da macht das Tennis trotzdem keine echte Ausnahme, ist oft nicht besonders gnädig zu denen, die sich seinen Mechanismen ausgesetzt haben, denn Spitze zu sein heißt meistens, dass der Mensch etwas Übermenschliches von sich verlangen muss.
Sterblichkeitsrate stark erhöht
Was die Tour de France betrifft, die der gedopte Jan Ullrich 1997 gewann, um bis heute als Drogensüchtiger an diesem Gewinn (auch) zu leiden, gibt es über die besonders hohe Sterblichkeit und anhaltende Abhängigkeiten unter den Fahrern nach einer Dopingkarriere eigentlich keine Zweifel mehr, seit der „Nouvel Observateur“ 1999 eine Studie veröffentlicht hat, die weit über 2000 Teilnehmer der Tour berücksichtigte. Bei den Radprofis zwischen 25 und 34 Jahren waren dabei die Sterblichkeitsrate und die Krebserkrankungsquote fünfmal so hoch wie bei der Normalbevölkerung. Von Strychnin über Amphetamine, Anabolika und Epo haben viele Sportler dabei auch oft Substanzen zu sich genommen, die noch nicht ansatzweise erforscht waren. Radfahren auf angeblich hochprofessioneller Ebene war mithin immer etwas wie Russisch Roulette – frühes Leiden oder früher Tod nicht ausgeschlossen.
Von Anfang an hat namentlich die Tour, erfunden 1903, die Ausweitung der Extreme betrieben. Gab es zu Beginn der Unternehmung noch vergleichsweise viele Ruhetage, setzten die Veranstalter schon Zeichen, als sie sieben Jahre später – noch war die Gangschaltung nicht erfunden – Pyrenäenetappen etablierten. Beim ersten Tour-Toten (Adolpho Hilieri, 1910) wurde noch ein Badeunfall konstatiert, dann kamen die ersten folgenreichen Stürze. Vor mehr als einem halben Jahrhundert jedoch musste die Tour sich zum ersten Drogentoten bekennen: Tom Simpson, den Helfer auf dem Anstieg zum Mont Ventoux wiederholt auf ein Rad setzten, das er nicht mehr fahren konnte. Was Menetekel hätte sein müssen, wurde unterschwellig (und auch von der einschlägigen Presse manipulativ) als Motivation eingesetzt. Den Fall Simpson dürfe es nie mehr geben, hieß es, aber Simson zu überwinden hieß für die meisten nun: schlauer zu dopen.
Nicht umsonst die „Tour der Leiden“
Zeitgleich ergab sich eine historische Sonderkonstellation. Mit dem Belgier Eddy Merckx tauchte ein bald als „Kannibale“ apostrophierter Sportler auf, der dem sich ausweitenden tatsächlich längst etablierten Kannibalismus innerhalb des Radsports ein ehrliches Gesicht zu geben schien. Schnell an kompromissloses Siegen gewöhnt, ging Merckx rasch dazu über, seine Gegner auch psychisch zu demoralisieren. Auf dem Weg zu seinem ersten Sieg bei der Tour de France ließ er, obwohl bereits acht Minuten im Gesamtklassement in Front, beim Aufstieg zum Tourmalet Konkurrenten wie Felice Gismondi und Roger Pingeon noch einmal so viel Zeit hinter sich, was ihm nicht nur in der Stuttgarter Zeitung (Ulfert Schröder jubelte: „Merckx lässt selbst Fausto Coppi vergessen!“) kritiklose Begeisterung einbrachte. In Belgien hat sich daran so viel bis heute nicht geändert. Der 21. Juli 1969 gilt dort nicht der Tag, an dem Neil Armstrong den Mond betrat, sondern der Tag nach dem Tag, an dem Eddy Merckx die Tour gewann. Gedopt oder nicht, man weiß es nicht ganz genau.
Seit dieser Zeit jedenfalls war der Kannibalismus im Radrennsport Kernbestandteil jedes großen Auftritts bei der „Tour der Leiden“, wie sie bezeichnenderweise auch heißt. Von den außerordentlichen physischen Strapazen abgesehen: Bei keiner anderen Sportart ist der Zuschauer näher dran an Menschen, die sich ganz offensichtlich oft in einem extremen Schmerzbereich bewegen, und wie in der Kunst, wo dieser Schmerz simuliert wird, schlagen die Minuten des Schreckens, obwohl nicht gespielt, für viele im Publikum oft um in einen zumindest fragwürdigen ästhetischen Moment. Auf welcher prosaischen Grundlage der Sieg über den inneren Feind (und den äußeren Gegner) gründet, offenbarte hingegen die Aufforderung, die Ullrichs Teamkollege Udo Bölts, seinerzeit als Helfer mit auf Gewinnkurs bei der Tour 1997, dem angegriffenen Kapitän während einer Etappe zurief: „Quäl dich, du Sau!“
Pantani am Ende auf Kokain
Der gedopte Ullrich hat, wie der gedopte Marco Pantani, der ihm als Toursieger 1998 folgte, wohl niemals herausgefunden aus einer Position, die dem Sportler zu seiner aktiven Zeit ein unmenschlich hohes Maß an Masochismus abverlangte. Entsprechende Versuche, nach dieser Zeit noch dauernde mentale Höhenflüge ohne Medikamente zu erlangen, sind offenbar schwierig – und führen nur, letzte Stufe des Kannibalismus, in die Selbstvernichtung. Pantani nahm über längere Zeit hinweg Kokain, am Ende eine Überdosis; Ullrich scheint fürs Erste davongekommen zu sein. Von allen Helden, die sich die sportbegeisterte (seinerzeit nahezu ungeteilt begeisterte) deutsche Öffentlichkeit jemals gezimmert hat, war er von der Konstitution womöglich am wenigsten zu einem gemacht.