Nachfolge von Rainer Haas Die Landratswahl in Ludwigsburg wird spannend

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Am 15. November wird in Ludwigsburg ein neuer Landrat gewählt. Keiner der vier Bewerber ist Favorit, alle buhlen um SPD, FDP und Linke, die keinen Bewerber aufgestellt haben. Nur mit der AfD spricht niemand.

Es wird ein Nachfolger von Landrat Rainer Haas gesucht. Foto: Werner Kuhnle 5 Bilder
Es wird ein Nachfolger von Landrat Rainer Haas gesucht. Foto: Werner Kuhnle

Ludwigsburg - Manfred Hollenbach hat schon viele Landratswahlen erlebt. Auch die im Jahr 1995, als er selbst antrat – und Rainer Haas mit einer Stimme am Ende die Nase vorne hatte. Wie die Wahl in vier Wochen im Ludwigsburger Kreistag ausgeht, will aber auch der 73-Jährige CDU-Fraktionschef nicht schätzen. „Jeder Kandidat wird es erleben, dass er viel Zustimmung erhält“, sagt Hollenbach und schmunzelt, „aber wenn es nach der Zahl der Schulterklopfer geht, hat jeder 110 Stimmen.“

Die Pointe erschließt sich, wenn man sich die Zahl der Kreisräte vor Augen hält: es sind nur 105. Die absolute Mehrheit liegt also bei 53 Stimmen. Schaut man auf die politischen Kräfteverhältnisse im neu gewählten Kreisparlament, ist diese für niemanden der vier Bewerber in Sicht. Die Freien Wähler sind mit 27 Mandaten die stärkste Fraktion. Sie haben den Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch ins Rennen geschickt, der auch ihr Vizefraktionschef ist. „Das ist kein Selbstläufer, man muss um jede Stimme kämpfen“, sagt Maisch daher. Er hat lange überlegt, nach 25 Jahren als Bürgermeister seinen Hut in den Ring zu werfen. „Es ist der Reiz des Neuen und die Idee, für ein großes Gemeinwesen die Verantwortung zu übernehmen“, sagt er.

Zwei bürgerliche Kandidaten in Konkurrenz

Es wäre für Maisch sicher einfacher, wenn die CDU keinen eigenen Kandidaten hätte. Da sich die Union aber auf den Kornwestheimer Ersten Bürgermeister Dietmar Allgaier verständigt hat, gibt es starke Konkurrenz. Der CDU-Mann gilt als über die Parteigrenzen hinaus beliebt und hat ebenso wie Maisch ein verbindliches Auftreten. Die CDU ist mit 26 Sitzen knapp zweitstärkste Kraft im Kreistag. Auch Allgaier setzt auf seine Kompetenz als Kommunalpolitiker: „Ich bin jemand, der kommunal tickt.“ Beide bürgerlichen Kandidaten sind seit Wochen auf Werbetour bei den Kreisräten.

Die Grünen sind ebenfalls mit einem eigenen Bewerber am Start: Christoph Erdmenger, der im Verkehrsministerium die Abteilung Nachhaltige Mobilität leitet. Er war schon einmal Grünen-Landeschef in Sachsen-Anhalt und bringt viel Expertise und Kontakte aus der Landesverwaltung mit. Nun will er auf die kommunale Ebene wechseln: „Man ist näher bei den Bürgern und kann die Ergebnisse der Arbeit direkt erkennen.“ Die Grünen-Fraktionschefin Brigitte Muras ist überzeugt von dem Kandidaten: „Wir hoffen, dass er sich gut platzieren kann.“ Die Ökopartei hat nach großen Zuwächsen 21 Sitze und ist drittstärkste Kraft.

Der vierte Kandidat ist Heiner Pfrommer, Dezernent im Landratsamt. Er hat keine Hausmacht hinter sich, weil er parteilos ist und keiner Fraktion angehört. Dies sieht er als Vorteil – und präsentiert sich als unabhängiger Kandidat, der dennoch die kommunalen Interessen stets im Blick hat. Bei den Vorstellungsrunden in den Fraktionen soll er hervorragende Auftritte hingelegt haben. „Ich habe große Lust und Freude daran, im Landkreis mitzugestalten“, sagt Pfrommer.

Keiner hat eine Mehrheit hinter sich

Selbst wenn alle Fraktionen weitgehend geschlossen für den von ihnen unterstützten Bewerber stimmen, hat noch keiner die absolute Mehrheit. In diesem Fall gibt es einen zweiten Wahlgang, in dem ebenfalls 53 Stimmen notwendig sind. Erst im dritten Urnengang reicht eine relative Mehrheit. Bei Stimmengleichheit wird gelost. Das war 1996 etwa im Ostalbkreis der Fall, als der CDU-Mann Klaus Pavel und sein Gegenkandidat, der Ellwanger Bürgermeister Klaus Bux, jeweils dreimal 40 Stimmen hatten. Pavel wurde per Losglück Landrat.

Zunächst aber buhlen die vier Kandidaten um die neutralen Kreisräte. Im Blickfeld stehen dabei vor allem die 16-köpfige SPD-Fraktion um deren Chef Jürgen Kessing – der selbst kein Interesse an dem Amt hat und nicht antritt. Eine formelle Absprache, etwa zwischen Grünen und SPD, wird es dennoch geben. „Wir werden uns nach der Vorstellung der Kandidaten nächste Woche für einen der Bewerber aussprechen. Wir sollten verhindern, dass es wie 1995 eine Überraschung gibt.“ „Wir sind mit einzelnen Kreisräten im Gespräch“, sagt die Grünen-Sprecherin Brigitte Muras. Ein Bündnis von Freien Wählern und SPD gegen die CDU, wie es im Kreis Böblingen einmal versucht wurde, ist nicht in Sicht. Daher werden die SPD-Kreisräte nun fleißig umworben.

Auch die Linken werden umworben

Ebenso wie die der FDP mit acht Mandatsträgern. „Bei uns gibt es kein einheitliches Bild“, sagt der Fraktionschef Volker Godel, scheidender Bürgermeister von Ingersheim. Er selbst präferiert „Kandidaten von der kommunalen Seite“. Die Bürgermeisterkollegen Maisch und Allgaier kennt er aus Sprengelsitzungen. Die Liberalen werden nicht geschlossen abstimmen. „Nach dem zweiten Wahlgang beginnt das Antichambrieren“, meint Godel.

Sogar die vier Kreisräte der Linken, die politisch von den meisten anderen Fraktionen recht weit entfernt sind, werden umworben. „Es gibt eine Mehrheit, die einen Kandidaten unterstützt, und eine Minderheit, die einen anderen präferiert“, sagt der Fraktionschef Peter Schimke. Wer die beiden sind, will er nicht verraten.

Zur dreiköpfigen AfD-Gruppe im Kreistag haben die anderen Fraktionen keinen Kontakt. Der Sprecher Walter Müller war auf Anfrage nicht zu erreichen. Die Spannung steigt.