Hessel Winkelman und Maarten Bastian haben ihre Karriere früh gestartet. Gerade volljährig geworden, gründeten die beiden Freunde 2010 den Reiseveranstalter Flywise und organisierten erfolgreich Städtetrips per Flieger für niederländische Kunden. Inzwischen setzt das Duo auch auf die Schiene: Seit Oktober 2021 werden unter der Marke Green City Trip nachhaltige Zugreisen angeboten, teils mit Partnern wie Europas größtem Tourismuskonzern TUI, für den die Niederländer in dieser Wintersaison erstmals den Ski-Express über Nacht nach Österreich fahren.
Das soll nur der Anfang sein. „Wir haben bewiesen, dass wir Bahnreisen gut organisieren, vermarkten und abwickeln können“, betonen Winkelman und Bastian im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit dem ersten noch gemieteten Zug wurden ab Amsterdam zunächst Städtereisen nach Skandinavien und bis nach Venedig angeboten, die Abteile waren trotz Corona meist ausgebucht. Dann gelang ein großer Wurf. Das Duo sicherte sich die Option auf 250 gebrauchte Waggons von den niederländischen Staatsbahnen NS.
Viele scheitern an den Hürden
Damit hat Green City Trip bereits einige Hürden überwunden, an denen viele andere scheitern. Der liberalisierte Schienenmarkt in Europa steht im Prinzip seit Jahren allen Unternehmen mit Lizenz offen. Doch neue oder gemietete Züge kosten enorm viel Geld, Finanzierungen sind schwierig, Personal und attraktive Fahrzeiten nicht leicht zu bekommen. Zudem erschweren nationale Vorschriften den Markteintritt. Vor allem im oft hoch subventionierten Regionalverkehr gibt es daher neue Wettbewerber. Im Fernverkehr dominieren weiterhin die großen Staatsbahnen mit Hilfe der Politik.
Das soll sich ändern. Mit den modernisierten Zügen wollen die Flywise-Gründer von Amsterdam aus schon bald auch hierzulande fahren. Die ICE-Flotte der bundeseigenen Deutschen Bahn AG wird damit einen neuen Wettbewerber neben dem bisher einzigen größeren Konkurrenten Flixtrain bekommen. „Wir werden im Frühjahr 2025 die tägliche Verbindung zwischen Berlin und Amsterdam starten“, kündigt Maarten Bastian an. Weitere Züge nach München, Basel, Paris und Kopenhagen und in Gegenrichtung sollen folgen.
Das Projekt trägt den Namen Go Volta und soll noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen. Das Unternehmen will internationale Tageszüge fahren und attraktive Tarife bieten. Zunächst drei Mal pro Woche soll der Zug nach Basel fahren, und zwar über die Rheinstrecke mit Halt in Köln, Koblenz, Mannheim, Karlsruhe, beim Europa-Park und in Freiburg.
Erschwerter Preisvergleich, mangelnde Transparenz
„Es ist eine große Herausforderung, solche internationalen Verbindungen zu etablieren“, betont Bastian. Die Fahrzeiten und Streckenführung müsse mit den unterschiedlichen nationalen Infrastrukturbetreibern ausgehandelt werden. Zudem werde Reisenden der Preisvergleich und Ticketkauf erschwert, weil etablierte Bahnunternehmen ihre Verkaufssysteme wie den DB Navigator nicht für neue Anbieter öffnen wollen.
Green City Trip will umweltfreundlichen Bahn-Tourismus fördern. Die Niederländer vermarkten ihre Zugangebote vor allem als attraktive Pauschalpakete inklusive Hotels und Ausflügen. „An der Fahrt allein ist wenig zu verdienen, vor allem Nachtzüge sind als Hotels auf Rädern im Betrieb sehr aufwändig und teuer“, erläutert Winkelman. Die Onlinebuchung soll so einfach und bequem wie bei Airlines werden. Bisher sind besonders Nachtzüge in vielen Vergleichs- und Buchungsportalen überhaupt nicht zu finden.
Die zu geringe Präsenz in großen Verkaufsportalen macht auch Elmer van Buuren und Chris Engelsman zu schaffen, den Gründern von European Sleeper (ES). Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen wird als Genossenschaft von bisher rund 3500 Kleinanlegern finanziert und fährt seit Mai 2023 seinen ersten Nachtzug zwischen Berlin und Brüssel. In den ersten neun Monaten wurden auf 180 Fahrten rund 35 000 Passagiere umweltschonend ans Ziel gebracht.
Ab 25. März wird die Linie nach Dresden und Prag verlängert. „Dazu kooperieren wir mit der tschechischen Staatsbahn České dráhy“, erläutert van Buuren im Gespräch mit dieser Redaktion. Für die Tschechen sei die neue Zugverbindung gen Westen rund 20 Jahre nach dem EU-Beitritt ein wichtiges Signal.
European Sleeper hat große Pläne
ES hat große Pläne für weitere Nachtzuglinien, möglichst jedes Jahr soll eine neue Verbindung folgen. Für 2025 ist ein Nachtexpress zwischen Amsterdam und Barcelona geplant mit Halt in Rotterdam, Antwerpen, Brüssel, Lille, Avignon, Montpellier, Perpignan und Girona. Dafür will ES die ersten beiden neuen Züge anschaffen. „50 bis 60 Millionen Euro Investitionen sind dafür nötig“, sagt Chris Engelsman. Noch werden Geldgeber gesucht. Das Start-up setzt auch auf die Hilfe der EU-Kommission, die den „Good Night Train“ nach Spanien als eines von zehn erwünschten Bahnprojekten in Europa unterstützt, um nachhaltiges Reisen und den Klimaschutz zu fördern.
Die beiden holländischen Start-ups werden ab sofort eng kooperieren, um das Zugangebot in Europa zu verbessern. Über die Webseite von Green City Trip können nun auch vollständig organisierte Pauschalreisen von Belgien und den Niederlanden nach Berlin, Dresden und Prag mit dem ES-Nachtzug gebucht werden.
Es droht Gegenwind von den großen Staatsbahnen
Auch Bastian und Winkelman sind mit potenziellen Investoren in Gesprächen. Das Ziel sei, Bahnreisen in Europa attraktiver und bezahlbar zu machen. Mit verstärktem Gegenwind von den großen Staatsbahnen müssen die Start-ups dabei rechnen. DB und ÖBB wollen den gemeinsam den grenzüberschreitenden Tag- und Nachtverkehr ebenfalls ausbauen – zum Teil sogar mit nagelneuen Zügen.