Nachhaltig reisen So bleibt der ökologische Fußabdruck im Urlaub klein

Ein nachhaltiger Urlaub führt am besten in die nähere Umgebung – zum Beispiel in den Schwarzwaldort Baiersbronn, wo man nicht nur gut essen sondern auch auf Genießerpfaden wandern kann. Foto: TMBW/Christoph Düpper

Alle werben mit Nachhaltigkeit: Reiseveranstalter, Urlaubsorte, Gastronomie und Hotellerie. Mit einer Vielzahl von Zertifikaten, Labels und Auszeichnungen versucht man, die Bemühungen zu belegen. Doch was ergibt Sinn?

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Knackpunkt einer jeden Urlaubsreise ist die Anreise. Wer mit dem Flugzeug um die halbe Welt reist, rettet seine Klimabilanz nicht dadurch, dass er im Hotel Duschgel aus dem Spender statt aus Plastikfläschchen nutzt oder regionale Spezialitäten verspeist. Das andere Extrem – zu Fuß, per Boot oder Fahrrad ab Haustür zu verreisen – ist aber auch nicht für jeden etwas. Irgendwo dazwischen liegen Zug, Bus oder Auto. Hier gilt pauschal: Je kürzer die An- und Abreise und je umweltfreundlicher das Transportmittel, umso besser.

 

Innerhalb Europas sollte man Bahn fahren

„Es sind vor allem die Flugreisen, die zur Klimakrise beitragen. Daher liegt es in den Händen der Reisenden, einen klimafreundlicheren Urlaub vor Ort und eine Anreise per Bus oder Bahn zu buchen“, sagt Harald Zeiss, Tourismusforscher an der Hochschule Harz. Zwar wollten laut Analysen immer mehr Deutsche im Urlaub auf Nachhaltigkeit achten. „Aber bei der Buchung wird der gute Gedanke häufig wieder vergessen. Daher ist der Anteil der bewussten Reisenden immer noch gering. Aber er wächst und wird in den nächsten Jahren noch deutlich höher werden“, so Zeiss.

Stefan Gössling, Professor für nachhaltigen Tourismus an der Linnaeus Universität im schwedischen Kalmar, will Urlaub nicht generell infrage stellen. Doch man müsse sich immer überlegen, ob eine Reise wirklich sein muss: „Innerhalb Europas sollte man prinzipiell Bahn fahren. Weite Strecken muss man eben gut planen und etwa eine Zwischenübernachtung vorsehen“, so Gössling. Fernreisen dagegen hält er für Klimakiller. „Leider sind Flüge oft billiger als ein Zugticket“, bedauert Antje Monshausen, Leiterin Tourism Watch bei der Hilfsorganisation Brot für die Welt in Berlin, und fordert: „Das klimagünstigste Verkehrsmittel muss auch das preiswerteste sein. Flugsubventionen gehören abgeschafft und es muss in den kaputtgesparten Zugverkehr investiert werden.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ist gebrauchte Mode wirklich gut fürs Klima?

Nachhaltigkeitscheck in Baden-Württemberg

Abgesehen von der Anreise lässt sich der Aufenthalt am Urlaubsort nachhaltig gestalten. Baden-Württemberg hat für Reiseziele einen Nachhaltigkeitscheck entwickelt, der inzwischen bundesweit angewandt wird. Zu den Kriterien zählen regionale und saisonale Küche, Energieverbrauch und -erzeugung, umweltschonende Aktivitäten, Sensibilisierung fürs Thema und Mobilität vor Ort.

Sechs zertifizierte Reiseziele gibt es derzeit in Baden-Württemberg, alle bemühen sich um Nachhaltigkeit in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziokultur. Was das konkret bedeutet, erklärt Felix Rhein, Nachhaltigkeitsmanager der Tourismusmarketinggesellschaft, am Beispiel von Bad Dürrheim: „Bei der Ökologie geht es darum, dass die Therme mit regenerativen Energien beheizt oder für öffentliche Bauten heimisches Holz verwendet wird. Ökonomisch wird das, wenn die hohe Anfangsinvestition langfristig Energie und damit Kosten einspart. Soziokulturell spielen die Qualifizierung von Mitarbeitern und die Einbindung der Bevölkerung in Tourismusmaßnahmen eine Rolle.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Fleisch mit gutem Gewissen – geht das?

Diese Nachhaltigkeitsprinzipien gelten verstärkt in Zeiten von Fachkräftemangel und von Overtourism, der längst auch hierzulande Städte und Landschaften überrennt. Besucherlenkung steht deshalb weit oben auf der To-do-Liste für nachhaltigen Tourismus. Auch bei der Mobilität sieht der baden-württembergische Tourismus-Sprecher Martin Knauer noch viel Luft nach oben: „60 Prozent unserer Gäste reisen mit dem Auto an – obwohl die Zugverbindungen gar nicht so schlecht sind und Gästekarten im Schwarzwald, am Bodensee oder auf der Alb den öffentlichen Nahverkehr gratis beinhalten.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie sinnvoll sind Klimarechner?

E-Bikes und Solarfähren

Der Hochschwarzwald, ebenfalls zertifizierte nachhaltige Urlaubsdestination, hat die Gäste-Mobilität um E-Bikes und E-Autos zum Leihen erweitert und bietet Pauschalen für nachhaltigen Urlaub an. Dazu gehört neben der Unterkunft in Naturparkhotels oder sogenannten Kuckucksnestern – das sind liebevoll renovierte und nachhaltig gestaltete Ferienwohnungen – auch das 1700 Kilometer lange Wegenetz mit kindgerechten, lehrreichen, gesunden, genüsslichen oder barrierefreien Wanderungen.

Nicht als Pauschale, sondern in einem Portal bündelt die Ostseeinsel Usedom seit 2021 ihre nachhaltigen Angebote – auf dass der Gast sich die passenden heraussucht. Neben Mobilitätsangeboten wie Solarfähre oder Fahrradverleih und zertifizierten Übernachtungsbetrieben finden sich hier auch Einkaufs- und Einkehrtipps wie Hofläden, die Manufaktur in der alten Inselmühle oder die Terrasse im Naturhafen Krummin sowie Freizeittipps wie Baumwipfelpfad und Heilwald, Zeesbootfahrt und Bernsteinsuche.

Orientierung im Labeldschungel

Nachhaltig Interessierte würden sich gern anhand von Zertifikate orientieren. Hier hat Tourismusforscher Zeiss einen Tipp: „Bei mehr als 400 Labels für nachhaltigen Tourismus weltweit kann man schon den Überblick verlieren. Wichtig ist, dass das Label von der internationalen Organisation GSTC anerkannt wurde. Denn diese beurteilt ob die Labels halten, was sie versprechen.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Traumwohnung mit guter Klimabilanz

Wie man nachhaltig reisen kann

Baden-Württemberg
 Das Zertifikat „Nachhaltiges Reiseziel Baden-Württemberg“ signalisiert Gästen, dass sich ihr Reiseziel in Sachen Nachhaltigkeit überprüfen lässt und sich zu einer konsequent nachhaltigen Ausrichtung verpflichtet hat – ökologisch, ökonomisch und soziokulturell. Zu den zertifizierten Destinationen gehören die Kurorte Bad Herrenalb, Bad Mergentheim und Bad Dürrheim, die Tourismusgemeinschaften Hochschwarzwald und Nördlicher Schwarzwald sowie die Gemeinde Baiersbronn. Infos: www.tourismus-bw.de.

Klimarechner
 Jeder Mensch hinterlässt einen CO2 -Fußabdruck, in Deutschland sind das nach Angaben des Umweltbundesamtes im Durchschnitt gut elf Tonnen CO2 pro Jahr. Durch klimabewusstes Handeln, beispielsweise indem man weniger fliegt, lassen sich Emissionen vermeiden oder reduzieren. Das Umweltbundesamt bietet im Internet einen CO2-Rechner an. Dort kann man seine persönliche Bilanz bestimmen: uba.co2-rechner.de

Kompensation Für die verbleibenden Emissionen kommt als letzter Schritt deren Ausgleich in Betracht, auch Kompensation genannt. Hierfür gibt es eine Vielzahl von Anbietern, zum Beispiel Atmosfair (www.atmosfair.de), Klima Kollekte (klima-kollekte.de) oder My Climate (www.myclimate.org) .  

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Klimaschutz Urlaub Reise