Nachhaltiges Gebäude in Möhringen Modern und klimaneutral: SSB mieten neue Zentrale

Der W 2 Campus von oben: die gelb und rot umrandeten Bürogebäude sind im Bau, die Fläche von Bauteil 4 ist Logistikfläche. Foto: W 2 Development

Das Stuttgarter Nahverkehrsunternehmen zieht in einen Neubau in der Nachbarschaft, den die Stadtverwaltung verschmäht hat. Die alten Büros sollen saniert werden.

Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) AG hat nun bekannt gegeben, was in der Immobilienbranche längst kein Geheimnis mehr war, aber aus rechtlichen Gründen noch keine Bestätigung zuließ: Sie hat den dritten von vier der bereits seit Oktober 2023 im Bau befindlichen Bauteile des „W 2 Campus“ im Gewerbegebiet Vaihingen/Möhringen (Synergiepark Stuttgart) in unmittelbarer Nachbarschaft zum SSB-Werksgelände langfristig angemietet. Der Kontrakt sei am vergangenen Freitag unterschrieben worden, teilte der SSB-Vorstandssprecher Thomas Moser am Montag mit.

 

650 SSB-Beschäftigte ziehen um

Rund 650 Verwaltungsangestellte ziehen nach der für Ende 2025 geplanten Fertigstellung aus ihren sanierungsreifen Gebäuden auf dem SSB-Gelände an der Schockenriedstraße in den benachbarten Neubau mit einer oberirdischen Bruttogeschossfläche von 14 500 Quadratmetern. Unerlässlich für ein Unternehmen der Nahverkehrsbranche: eine Stadtbahn-Haltestelle liegt vor der Haustür. „Am Wallgraben“ halten derzeit schon drei Linien (U 3 , U 8 und U 12) , die U 17 wird in Zukunft die SSB-Zentrale mit der Messe und dem Flughafen verbinden.

Zwei Bauteile des Projekts der W 2 Development GmbH mit insgesamt 60 000 Quadratmetern hat vor geraumer Zeit der Deutsche Sparkassenverlag (DSV) erworben. Und im Gegenzug seinen bisherigen Standort in der Nachbarschaft an den Projektentwickler veräußert. Mit der Vermarktung des vierten Gebäudeteils mit einer Bruttogeschossfläche von 22 100 Quadratmetern ist gerade begonnen worden. Anders als die meisten Wettbewerber verzichte man auf eine Vorvermietungsquote, betonen die Gesellschafter Frank Widmann und Stefan Willwersch. Auch dieses Bürogebäude werde „spekulativ gebaut“ und solle Ende 2026/Anfang 2027 fertiggestellt sein.

Die Stadtverwaltung machte einen Rückzieher

Eigentlich hatte sich die Stadt Stuttgart auf der dringenden Suche nach modernen Büroflächen für 2000 Beschäftigte vor zwei Jahren bereits für den Neubau von W 2 im Gewerbegebiet Möhringen entschieden. Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) war überzeugt, dem Gemeinderat den Erwerb der Bauteile 3 und 4 mit 36 000 Quadratmetern für rund 300 Millionen Euro schmackhaft machen zu können – vor allem mit einem zeitnahen Einzugstermin Ende 2025 als Argument und dem Vorteil, dass die Bauten als einzige die städtische Vorgabe eines klimaneutralen Betriebs erfüllen können. Kritik von Teilen des Personalrats wegen des Standorts an der Peripherie und von Stadträten, die sich von Aussagen diverser Mitbewerber beeindrucken ließen, führte letztlich dazu, dass sich die Verwaltung umorientierte.

Sie hat nun stattdessen für eine Million Euro Monatsmiete (mit Kaufoption) das in die Jahre gekommene Gebäude auf dem Bollwerk-Areal übernommen (geplanter Einzug im Oktober 2025) und plant zudem einen neuen Bürostandort auf dem Areal der ehemaligen Bahndirektion an der Jägerstraße. Wann dort gebaut werden kann, wie teuer die Grundstücke sind und wann Einzug gefeiert werden kann, ist allerdings noch unklar.

Klimaneutrales Gebäude

Des einen Leid, des andern Freud: Nun ziehen eben nicht städtische Mitarbeiter, sondern SSB-Verwaltungsangestellte in den vom Stuttgarter Büro Willwersch Architekten geplanten Campus mit seinen zeitgemäßen Büroquerschnitten, die Antworten auf den Trend zum Homeoffice liefern sollen und zudem eine streng klimaneutrale Ausrichtung haben. Das ist wichtig für die Stadt Stuttgart, will sie doch bis zum Jahr 2035 klimaneutral sein.

Der von den SSB angemietete Teil erfüllt laut Geschäftsführer Frank Widmann „höchste Umweltstandards“. Er werde nach LEED Platin zertifiziert. Dieses und das Nachbargebäude würden nicht nur als klimaneutrale Immobilie errichtet, sondern erreiche auch den Energiestandard als Effizienzhaus 40. Der Endenergiebedarf des SSB-Gebäudes liege um 63 Prozent unter den Vorgaben des Bundes für Neubauten nach dem Gebäudeenergiegesetz.

Wärme und Kühlung aus dem Erdreich

Es wird laut Widmann vollständig auf fossile Energieträger verzichtet. Fotovoltaikmodule auf dem Dach und an der Fassade produzierten über das Jahr betrachtet mehr Strom als für den Betrieb des Gebäudes benötigt wird. Der Projektentwickler setzt auf Wärmepumpen und – eine auf den Fildern zulässige – oberflächennahe Geothermie für eine effiziente Kühlung und Heizung. Die Innenhöfe und Dachflächen sollen begrünt werden. Regenwasser werde in einer Zisterne gesammelt und für die Bewässerung der Außenanlagen genutzt. Der Architekt und Mitgesellschafter Stefan Willwersch schwärmt von einer „hohen Aufenthaltsqualität sowohl im Innen- wie im Außenbereich“. Die Nachbarschaft zum Verlag zahlt sich für die SSB aus, indem ihre Belegschaft dessen Kantine mitbenutzt. Das spart den Verkehrsbetrieb und damit den Steuerzahler viel Geld.

SSB-Altbestand wird saniert

Die drei aus den 1970er Jahren stammenden Bürogebäude im SSB-Zentrum, von denen einzelne Bereiche laut Aufsichtsräten wegen Wasserschäden temporär gesperrt worden sind, werden nach dem Auszug der Belegschaft saniert. Dadurch könne man den Beschäftigten „langfristig genügend nachhaltige Arbeitsplätze in der Qualität bieten, die wir von uns als Top-Arbeitgeber erwarten“, sagt die Personaldirektorin Annette Schwarz. Den Bestand unter laufendem Betrieb mit allen negativen Folgen zu renovieren, wie es etwa die Stadt Stuttgart mit dem Baurechtsamt praktiziert, war demnach keine Option.

Einspruch gegen Entscheidung abgelehnt

Der Entscheidung zugunsten des Angebots des Stuttgarter Unternehmens W 2 Development GmbH mit seinen Partner Competo Capital Partners GmbH aus München war ein Sondierungsverfahren der SSB vorausgegangen. Fünf Objekte seien einer Nutzwertanalyse unterzogen worden. Die Nähe zum Firmensitz, die ÖPNV-Anbindung und wirtschaftliche Kriterien sind laut dem scheidenden kaufmännischen Vorstand, Mario Laube, wichtig gewesen. Man habe sich für die wirtschaftlichste Option entschieden.

Die Unterzeichnung des Mietvertrages hatte sich allerdings durch die Eingabe eines Mitbewerbers bei der Vergabekammer verzögert. Sie wurde, so Laube, im Januar geprüft und als unbegründet abgelehnt. Damit sieht er „unser Vorgehen als vollkommen korrekt bestätigt“. Die Anmietung sei von allen Gremien des Unternehmens abgesegnet worden.

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