Stuttgart - Karlsruhe-Durlach, Paracelsus-Klinik. Im Innern des Krankenhaus-Baus laufen die Dreharbeiten für den neuesten Fall der SWR-„Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal. In „Maleficius“ bekommen es die Ludwigshafener Ermittlerin und ihre Kollegin Johanna Stern mit einem Neurologen zu tun. Ein Trakt des leer stehenden Klinikgebäudes ist zu einem futuristischem Hirnforschungsinstitut umdekoriert worden: Wände, Boden, Türen sind klinisch Weiß gestrichen; LED-Leuchtstäbe tauchen den kahlen Flur in ein kaltes Licht.
Draußen im Hof hat ein Catering-Mobil Position bezogen. In den Drehpausen dient die aufgeklappte Flanke der mobilen Kantine als Cafeteria: Cappuccino, Latte, Espresso – ein Kaffeeautomat spuckt auf Knopfdruck alles aus. Bei herkömmlichen „Drehs“ wird das Koffeingebräu aus Papp- oder Plastik-Einmalbechern konsumiert – der vom SWR engagierte Caterer aus Erfurt hat stattdessen Porzellantassen in einer Plastikwanne bereitgestellt. Statt der sonst üblichen 0,33-Liter-Mineralwasser-Fläschchen liefert eine Wasserzapffilteranlage auf sechs Grad heruntergekühltes, mit Kohlendioxid aufbereitetes Leitungswasser. Jedes Mitglied des „Maleficius“-Teams hat dafür eine eigene wiederverwendbare Glasflasche erhalten – samt kühl haltender Neoprenhülle mit dem „Tatort“-Logo.
Einwegbecherverzicht, Mehrwegflaschen: „Maleficius“ ist kein „Tatort“ wie jeder andere. Bei der SWR-Produktion stehen alle Zeichen auf Grün. Grün wie ressourcenschonend, nachhaltig, ökologisch: Der „Tatort“ goes bio.
Zug statt Flug heißt die Devise für die Schauspieler
Am Set wird der Müll getrennt, für die An- und Abreise der Schauspieler gilt Zug statt Flug, die Beleuchter arbeiten mit energiesparenden LED-Lampen – Licht ist der größte Energiefresser am Set. „Im Studio haben wir schon vor acht Jahren durch die Umstellung auf LED den Verbrauch von 600 000 KW auf 60 000 KW reduziert“, erzählt der Beleuchtungsmeister Thomas Boos. Dass nun bei diesem „Tatort“ auch am Set LED-Akku-Röhren zum Einsatz kämen, begrüße er. Die moderne Licht-Technik habe weitere Vorteile: „Wir müssen keine Kabel mehr verlegen, nicht mehr mit Farbfolien hantieren – die Lichtfarben mischen wir am digitalen Mischpult.“
Zudem speist sich beim grünen „Tatort“-Shooting in Karlsruhe der Strom aus Festanschlüssen statt aus Dieselaggregaten. Essensreste landen nicht im Müll, sondern werden einer Biogasanlage zugeführt; zum Fuhrpark gehören mehrere E-Autos. „Die Darsteller wohnen in Ferienwohnungen, denn Hotels, vor allem solche mit Pools, haben einen höheren CO2 -Ausstoß. Außerdem hat sich das gesamte Team für einen Veggie-Day ausgesprochen“, zählt die Produktionsleiterin Maike Bodanowski weitere Maßnahmen auf. Ziel sei es, die CO2 -Emissionen von „Maleficius“ im Vergleich zu einer herkömmlichen Produktion beträchtlich zu verringern.
„Ein Wunder, dass es solange gedauert hat“, sagt Ulrike Folkerts in einer Drehpause zum Öko-Ruck beim „Tatort“, allerdings habe sie schon vorher ihre Kaffeebecher von zuhause mit ans Set gebracht: „Plastikbecher weglassen, das ist doch das Kleinste, was man leisten kann“. Auch der Hotelverzicht trifft Folkerts nicht, da sie immer schon während „Tatort“-Dreharbeiten in einer Ferienwohnung wohne, „ich brauche nicht jeden Tag jemand, der durch mein Zimmer fegt und die Bettwäsche wechselt“.
Von Berlin, wo sie lebt, mit dem Zug in den Südwesten zu reisen, sei hingegen für sie aus „Zeit- und Bequemlichkeitsgründen“ durchaus „ein hoher Preis“. Auch ihre Kollegin Lisa Bitter findet den Nachhaltigkeits-Gedanken „eine Superidee“, das Projekt habe bei ihr einen „Bewusstwerdungsprozess“ angestoßen: „In Zukunft will ich auch privat genauer hinzugucken.“
Folkerts: „Wir sehen toll aus – auch mit LED-Licht“
„Wir fühlen uns alle unheimlich grün, und alle machen gut mit“, bilanziert Folkerts und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wir sehen total toll aus, auch mit LED-Licht. Das heißt wir haben keine Einbußen, obwohl wir sparen.“ Dann wird sie wieder ernster: Ihre Kommissarin könnte schon noch ein wenig grüner werden. „Ich fände es gut, wenn sie in Zukunft mit dem Fahrrad fährt oder mit dem E-Auto.“
Die Ludwigshafener „Tatort“-Folge ist ein Pilotprojekt, das das Green Shooting beim SWR voranbringen soll. Tatsächlich formiert sich im gesamten deutschen TV- und Filmbusiness eine Green-TV-Bewegung. Mit Schrecken hat die Branche festgestellt, dass sie ein ziemlich dicker Umweltsünder ist. Eine Studie aus Kalifornien hatte schon 2006 zu Tage gefördert, dass die Film- und TV-Industrie als Umweltverschmutzer in der Region Los Angeles direkt nach den Erdölraffinerien rangiert.
Filmproduktionen sind Ressourcen-Schleudern. Menschen und Materialien müssen an die Dreh-Locations und wieder weg gekarrt werden, Technik und Equipment fressen Energie; zudem fallen bei den Einmal-Projekten wie es Spielfilme, Serienfolgen oder Fernsehkrimis sind, Unmengen an Müll an.
Das grüne Produzieren sei „aus Hollywood rübergeschwappt“ und hierzulande noch „ein zartes Pflänzchen“, erzählt Michael Becker. Der Leiter der Herstellungsabteilung beim Südwestrundfunk, der als Landesanstalt innerhalb die ARD die Federführung bei dem Thema übernommen hat, ist beim SWR für Nachhaltigkeit zuständig. Die Filmförderungsgesellschaften begleiteten und unterstützten das „Green Shooting“; in der ARD gebe es einen Arbeitskreis, zweimal im Jahr finde ein Branchentreffen zu dem Thema statt, fasst Becker die Aktivitäten zusammen. Man sei dabei zu schauen, was man anstoßen könne und habe dabei zuerst im Herstellungsbereich die Sparten Fiktion und Unterhaltung ins Visier genommen.
Allerdings ist Maleficius“ nicht der allererste grüne „Tatort“, 2016 wurde schon „Fünf Minuten Himmel“ als erster „Bio“-Tatort gefeiert. Die Folge, in der Heike Makatsch als Freiburger Kommissarin debütierte, wurde „außer Haus“ von der Produktionsfirma Zieglerfilm produziert; „Maleficius“ ist nun die erste „inhouse“-, also vom Sender selbst produzierte Folge, die auf der grünen Welle schwimmt.
Die Daten wandern in den CO2-Rechner
Grün gedacht und produziert wird auch seit der 117. Staffel bei der SWR-Serie „Die Fallers“; ein um 11 Prozent verringerter CO2-Ausstoß ist das Ergebnis in Zahlen; ein Volontär ließ sich zum Green Consultant schulen. Das ökologisch korrekte Filmemachen geht mit einem erhöhten Bürokratieaufwand einher. Sämtliche CO2 -relevanten Daten müssen erfasst werden; ein CO2 -Rechner ermittelt den CO2-Fußabdruck der Produktion. Allein die Verbannung von Plastikbechern vom Set bringt viel: Die eingesparte CO2-Menge entspreche der von zwei Hin- und Rückflügen Berlin-Stuttgart, so Becker.
Doch wie grün kann so eine TV-Produktion überhaupt werden? Er halte CO2-Einsparungen im Umfang von 10 Prozent für realistisch, sagt Michael Becker. Kosten soll das neue Öko-Bewusstsein freilich nichts: Der anfängliche Mehraufwand werde durch die Energieeinsparungen wieder hereingeholt; Ziel sei ein „Nullsummenspiel“. Der „Maleficius“-Regisseur Thomas Bohn sagt: „Grün zu produzieren sollte eine Selbstverständlichkeit sein“. Mit einer simplen Maßnahme sei in seinen Augen am meisten erreicht: „Das Wesentliche ist, dass man sich als Regisseur sich gut vorbereitet und keine Überstunden macht. Denn jede Überstunde produziert mehr Abfall und mehr CO2.“