Nachruf auf Bernhard Heisig Der Vater der Neuen Leipziger Schule

Von Georg Leisten 

Bernhard Heisig ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war vielleicht der repräsentative Maler eines gemeinsamen Deutschlands.

Der Maler Bernhard Heisig (1925–2011) vor sechs Jahren im Atelier vor einem seiner Bilder. Foto: dpa
Der Maler Bernhard Heisig (1925–2011) vor sechs Jahren im Atelier vor einem seiner Bilder. Foto: dpa

Stuttgart - Er gehörte zu den Protagonisten der Alten Leipziger Schule - und war zugleich ein integrierter Außenseiter der Kunst der DDR. Wie seine Weggefährten Willi Sitte, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer hat auch Bernhard Heisig das politische Bildprogramm des SED-Staats maßgeblich mitgeprägt. Doch im Unterschied zu zahlreichen Weggefährten und Kollegen orientierte er sich weitaus weniger bereitwillig an den ideologischen Schablonen der Arbeiterkunst. Während andere gestählte Heldenkörper malten, ihnen eine Leninmütze aufsetzten, einen Hammer in Hand die drückten und das Ganze als Apotheose des Werktätigen feiern ließen, ist Heisig dieser muskulöse Historismus im Dienste der Obrigkeit zeitlebens ferngeblieben. Vielleicht waren ihm, der sich als junger Mann an Menzel und Courbet schulte, Inszenierungen dieser Art auch einfach zu durchschaubar auf Wirkung kalkuliert.

Anders als Sitte, dessen Orientierung an Picasso sich auf ein kurzes stilistisches Intermezzo beschränkte, hat Heisig den inhaltlichen wie formalen Dialog mit Europas klassischer Moderne niemals aufgegeben. Die Kriegskrüppel von Otto Dix, die grotesken Fetthälse von George Grosz, auch die düster-dramatischen Weltuntergänge der Expressionisten und die aufheulenden Farbstürme eines Oskar Kokoschka schmolz der Künstler zu einem gestenstarken symbolistischen Realismus zusammen. Wer genau hinschaut, wird in manchen seiner Kompositionen gar versteckte Zugeständnisse an die Pop Art entdecken. Jetzt ist der akademische Ziehvater von Neo Rauch mit 86 Jahren im brandenburgischen Strodehne gestorben.

Der kreative Geist war liberal

1925 in Breslau geboren, besuchte Heisig, dessen Vater ebenfalls Maler war, zunächst die Kunstgewerbeschule seiner Heimatstadt. Nach Kriegsdienst, Gefangenschaft und Flucht nahm er das Studium 1948 in Leipzig wieder auf. 1961 wurde der Maler und Grafiker dort zum Professor der Hochschule für Grafik und Buchkunst ernannt. Er sollte eine der prägenden Lehrerpersönlichkeit der heute weltberühmten Akademie werden. Hier konzentrierte sich die bildkünstlerische Avantgarde des Arbeiter- und Bauernstaats. Der kreative Geist, der in der Sachsenmetropole herrschte, war vergleichsweise liberal und wesentlich experimentierlustiger als in Ostberlin, direkt unter der Nase des Politbüros.

Alle Anfeindungen kommunistischer Kunstkommissare, die in seinem êuvre "bürgerliche Dekadenz", ja "Morbidität" oder "Geschichtspessimismus" auszumachen glaubten, hat Heisig letztlich überstanden. Lediglich seinen Posten als Rektor der Leipziger Kunsthochschule musste er vorübergehend räumen, durfte nach öffentlich geäußerter Selbstkritik aber zurückkehren und wurde in der Folgezeit auch immer wieder mit repräsentativen kulturpolitischen Aufgaben betraut.

Gerüchte von Stasikontakten machten die Runde

Für seine westdeutschen Kritiker kam es deswegen zu spät, dass das langjährige SED-Mitglied 1989 aus der Partei austrat und die beiden Staatspreise der DDR zurückgab. Gerüchte von Stasikontakten machten die Runde. An der Entscheidung, Heisig die Cafeteria des Reichstags ausmalen zu lassen, regte sich heftiger Widerstand. Erst nach längerer Diskussion durfte er seinen sechs Meter langen Geschichtsfries vollenden.

"Schwierigkeiten beim Suchen der Wahrheit" - der Titel eines früheren Bildes von Heisig, könnte als Motto über seinem gesamten Werk stehen. Was in der Rückschau für den Künstler spricht, ist nicht zuletzt die schonungslose Offenheit, mit der er nach 1945 seine Täterrolle als Mitglied der Waffen-SS zum Thema mehrerer Bilder machte. Biografisch grundierte Gemälde wie "Weihnachtstraum des unbelehrbaren Soldaten" von 1964 provozierten die offizielle Ostberliner Doktrin, wonach die Helfer des Hitlerregimes ausschließlich in der Bundesrepublik Unterschlupf gefunden hätten.