Nachruf auf Dietmar Schönherr Die Freiheit, die er meinte

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Der österreichische Schauspieler, Moderator und Menschenhelfer Dietmar Schönherr ist tot. Er hat als Raumschiffkommandant in einer Fernsehserie begonnen, er hat in der Show „Wünsch dir was“ Tabus gebrochen. Später hat er für Nicaragua gelebt.

Dietmar Schönherr (1926 – 2014) Foto: Holger Jacoby
Dietmar Schönherr (1926 – 2014) Foto: Holger Jacoby

Stuttgart - Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen. Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum.“

Erkennen Sie die Melodie?

Gleichsam mit alttestamentarischer Bedeutungswucht las Claus Biederstaedt diese Zeilen und noch ein bisschen mehr jedes Mal zum Folgenbeginn, als die ARD im Herbst 1966 damit anfing, „Raumpatrouille“ auszustrahlen, „Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“, wie der fast ein wenig nach Jean Paul klingende Untertitel lautete. Ludwig Erhard – dies nur kurz zur Orientierung – war noch Kanzler, doch standen der Republik Kurt Georg Kiesinger und die Große Koalition bevor. Ganz in der Ferne würde es auf Willy Brandt zulaufen. Das Land schickte sich behutsam an, ein wenig anders zu werden, während durch das Fernsehen längst die eigentliche Revolution stattgefunden hatte: die Menschen waren dazu übergegangen, sich einen Abglanz der großen, weiten Welt inklusive ihrer utopischen Potenziale wie selbstverständlich in jene Wohnzimmer zu holen, die man in manchen Haushalten mit Reststolz „die gute Stube“ nannte. Und die Fernsehstars waren gewissermaßen die Adligen von früher. Sie hielten Hof, wenn man so will.

Schützend im All

Der Kommandant jenes Raumschiffs Orion, das sich durchs All bewegte, um Schaden von der Erde abzuwenden, trug den Fantasienamen Major Cliff Allister McLane. In Wirklichkeit hieß er Dietmar Schönherr, war im Mai 1926 in Innsbruck geboren worden, zunächst Sprecher, Autor und Reporter beim ORF gewesen und dann über etliche Schlager und hübsch nichtige Filme wie „Rosenmontag“, „Frühling in Berlin“ und „Schwarzwälder Kirsch“ bekannt geworden. Dietmar Schönherr war ein Nachkomme einer österreichischen Generalmajorsfamilie, die ihrer Privilegien nach dem Ersten Weltkrieg eingebüßt hatte; allesamt verlorengegangene Kaiserkinder, deren Lage Graf Chojnicki in Joseph Roths „Radetzkymarsch“ mit einem Satz erfasst: „Die Zeit will uns nicht mehr! Diese Zeit will sich erst selbstständige Nationalstaaten schaffen!“ Also blickten Schönherrs, ehemals „Edle von Schönleiten“, nach vorn.

Ausgerechnet Dietmar Schönherr, dessen „pubertäre Ambition“, wie er später rückschauend sagte, es gewesen war, „Kriegsheld zu werden, hoch dekoriert und von allen verehrt“, spielte also nun einen Commander in der fast grenzenlos freien Welt, der sich ständig mit Autoritäten anlegt, weil er seinen eigenen Kopf hat und im Zweifelsfall die persönliche Gedankenfreiheit höher schätzt als den verordneten, sturen Gehorsam. Diese Einstellung zieht sich fortan durch Schönherrs berufliches und persönliches Leben: Lange, bevor ihm das Genre insgesamt zu dumm wurde, gehört er – fernsehästhetisch betrachtet – zu den Protagonisten fortschrittlicher Unterhaltung; ein Wort, das im Deutschen leider keinen guten Klang hat. Dabei ließ er, auch darin seiner Zeit und ihrer Angestelltenmentalität voraus, viel, aber nicht alles mit sich machen. War es ein Zufall, dass Schönherr als kongenialer Synchronsprecher seine Stimme dem widerspenstigen und eigenen James Dean und auch Steve McQueen (in „Thomas Crown ist nicht zu fassen“) geliehen hatte?

Mit seiner dänischen Frau Vivi Bach, die in „Raumpatrouille eine Nebenrolle gehabt hatte, übernahm Schönherr jedenfalls 1969 die Samstagabend-Show „Wünsch dir was“, in der Familien, vereinfacht gesagt, auf Wasser- Feuer- und Bewusstseinsproben gestellt wurden: „Zauberflöte“ neuzeitlich und im ZDF. Die vom ORF produzierte Sendung hatte ihren heimlichen Spiritus Rector in André Heller, der ideenmäßig, wie später noch zuhauf, den meisten anderen einfach um Patrouillenlichtjahre voraus war. Gleichwohl nahm das Publikum, das sich zeitgleich im Kino von Dr. Kolle aufklären ließ, wie Sex richtig zu gehen habe, Anstoß daran, als eine junge Frau beim Mode-Test einmal eine transparente Bluse wählte: da war auf dem Kanapee Schluss mit Fortschritt im Showgeschäft. Stattdessen schaltete Rudi Carrell in der ARD „Am laufenden Band“ an. Mit fröhlichem Konsum ließ sich der leise Hauch von Wohlstand-Kritik in „Wünsch dir was“ am besten konterkarieren.

Begegnung mit Ernesto Cardenal

Schönherr hingegen versuchte sich erneut an einem gewagten Format. In „Je später der Abend“ wurde der Talk aus den USA importiert und Schönherr gab nicht nur, wie heute meist, abgefeimt den Allesversteher, sondern wollte tatsächlich Verständnis wecken: für Exzentriker wie Klaus Kinski oder die heimatferne Diva Romy Schneider oder auch weniger berühmte Personen mit einem echten Anliegen. Gut war, dass sich Schönherr, immer bestens vorbereite und trotzdem offen für Gesprächsverläufe jenseits des Regiekonzepts, Zeit nehmen durfte. Viel Zeit. Dumm war, dass ihm die Nation das trotzdem mehrheitlich übel nahm. Und gleichgültig abschaltete.

Von da an drehte Dietmar Schönherr zum Geldverdienen routiniert und solide Kino- und Fernsehfilme, von denen einer herausragte: Xavier Kollers „Reise der Hoffnung“ von 1990, der einen Oscar als bester ausländischer Film bekommen sollte. Koller und Schönherr zeigten, wie die Schweiz eine alevitische Familie nicht in ihr schönes, sauberes Burg-und Bergeland lässt, und Schönherr wusste genau, was er da spielte.

Im Jahr 1983 hatte er, nebenher ein hervorragender Autor vor allem von Jugendbüchern, auf der Frankfurter Buchmesse Ernesto Cardenal, den nicaraguanischen Priester und Dichter, kennengelernt. Cardenal war Minister der sandinistischen Revolutionsregierung, und Schönherr sprang von der Fiktion und der Simulation mutig in die Wirklichkeit, darin nicht unähnlich seinem großen Landsmann Karlheinz Böhm: Nach langer Zeit vor Ort sammelte Schönherr in Europa fortan unentwegt Geld für die „Casa de los tres mundos“ in Granada und gründete den Verein „Pan y Arte“. Bot und Kunst, so Schönherr stets, seien Lebensmittel, Hilfe zur Selbsthilfe der Auftrag. Er sah nun weitaus klarer in die Ferne als in der Rolle von Major McLane, aber dessen festen Blick für die Freiheit als höchstes Lebensziel hatte er sich erhalten. Das war beispielhaft, harte Realität und auch ein Märchen von übermorgen.

Hoffnung nach Nicaragua

In einem letzten, traurigen Interview hat Dietmar Schönherr vor ein paar Monaten erzählt, dass ihm leider unter anderem dieser Blick verloren gegangen sei nach dem Tod seiner Frau Vivi Bach im April 2013. Dietmar Schönherr saß da am Meer auf Ibiza, wo das Paar lange gewohnt hatte, und schaute auf den Horizont. Aber da sei nicht mehr viel zu sehen, sagte er, eigentlich gar nichts. Dietmar Schönherr hat einen anderen Geist in viele deutschsprachige Fernsehzimmer getragen - und eine Menge Hoffnung nach Nicaragua. Nun ist er auf Ibiza gestorben. Dietmar Schönherr wurde 88 Jahre alt.