Nachruf auf Thomas Schäuble (CDU) Der Unvollendete

Von Reiner Ruf 

Der frühere Innenminister und Chef der Staatsbrauerei Rothaus, Thomas Schäuble, ist gestorben. Im Nachruf lobt ihn Reiner Ruf als „Fels der Landespolitik“: Er hat nie den starken Mann gespielt – auch wenn er gerne Ministerpräsident geworden wäre. Vielleicht fehlte ihm der Wille zur Macht.

Der Rothaus-Chef Thomas Schäuble ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Foto: dpa
Der Rothaus-Chef Thomas Schäuble ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Foto: dpa

Stuttgart - Er war der große Melancholiker der Landespolitik. Als Thomas Schäuble im Jahr 2004 aus der baden­ württembergischen Landesregierung ausschied, um sich in den Schwarzwald auf den Chefposten der Rothaus-Brauerei zurückzuziehen, da ging zwar kein Geschlagener, aber doch ein Unvollendeter. Das Amt des Ministerpräsidenten hätte sich der CDU-Politiker durchaus zugetraut, aber seine Versuche, den damaligen Regierungschef Erwin Teufel als Förderer und Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen, liefen ins Leere.

Thomas Schäuble, seit 1996 baden-württembergischer Innenminister, plagte der Ennui. Er klagte über das  „Klein-Klein“ des Teufel’schen Regierens. Die Landespolitik kannte er bereits von vorne, von hinten, von oben und von unten. Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU), den Schäuble achtete, hatte schon 1998 die Flucht ergriffen vor Erwin Teufel. Den titulierte Mayer-Vorfelder gern als Amtsinspektor, weil dieser „nur“ aus der gehobenen Beamtenlaufbahn kam und nicht aus jener Sphäre höherer Wesen, die von Volljuristen wie Mayer-Vorfelder und Schäuble besiedelt wird.

Ihm fehlte der letzte Wille zur Macht

Ministerpräsident wäre Thomas Schäuble gerne geworden, doch fehlte ihm der letzte Wille zur Macht, das letzte Quäntchen Anstrengung, um ans Ziel zu gelangen. Friedhelm Repnik, ein anderer einflussreicher CDU-Mann jener Jahre, sagte einmal zu Schäuble: „Du musst schon zeigen, dass du es willst. In der Sänfte trägt dich keiner hin.“ Bundesinnenminister ­wäre auch schön gewesen, fand Thomas Schäuble. Bundesinnenminister war zuvor schon sein Bruder Wolfgang gewesen – und sollte es später wieder werden.

Wolfgang und Thomas Schäuble: das ­ist auch so eine Geschichte. Es ist die Geschichte vom großen Bruder und vom ­kleinen Bruder. Thomas war der jüngste, Wolfgang der mittlere, Frieder der ältere. Frieder hielt sich der Politik fern. Er starb vor zwei ­Jahren. Wolfgang Schäuble war für seinen Bruder Thomas eine schier übermächtige Gestalt, an der sich der Jüngere maß und die doch unerreichbar blieb.

Auch Thomas Schäuble wusste, dass ein Gutteil seines Einflusses darauf beruhte, Bruder zu sein. Bruder von Wolfgang Schäuble. Aber letztlich hielten die drei zusammen. Als Wolfgang Schäuble Anfang des Jahres 2000 infolge der CDU-Parteispendenaffäre als CDU-Partei- und -Fraktionsvorsitzender zurücktrat, sagte Thomas Schäuble: „Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen.“ Er fügte hinzu, dass Helmut Kohl ohne die Loyalität von Wolfgang Schäuble niemals 16 Jahre Bundeskanzler geblieben wäre.

Thomas Schäuble war ein Fels in der Landespolitik

Trotz des Bruderkomplexes: Thomas Schäuble war ein Fels in der Landespolitik – von eigener Form und mit eigenem Gewicht. Seinem politischen Rechtskonservativismus haftete aber immer etwas Gewolltes an. Schäuble war nicht schneidig, wie dies Innenminister gerne sind. Selten spielte er den starken Mann. Er war in seinem Denken badisch-liberal, nachdenklich, die großen Linien zeichnend, durchaus liebenswürdig und der Geselligkeit nicht abgeneigt.

Thomas Schäuble wurde am 23. Juli 1948 in Hornberg im Schwarzwald geboren. Sein Vater Karl Schäuble hatte von 1947 bis 1952 dem badischen Landtag angehört. Nach dem Abitur und dem Studium der Juristerei einschließlich Promotion ging er in den Staatsdienst. 1984 wurde er zum Oberbürgermeister von Gaggenau (Kreis Rastatt) gewählt. 1988 zog er erstmals in den Landtag ein, 1991 ernannte ihn Ministerpräsident Teufel zum Verkehrsminister. Während der Großen Koalition der Jahre 1992 bis 1996 übernahm er das Justizressort, danach bis zu seinem Ausscheiden aus der Politik das Innenministerium.

Er wusste um die Grenzen allen menschlichen Strebens

Der Politiker Schäuble scheute die ganz großen Würfe. Darin zeigte sich der Skep­tizismus des Konservativen, der um die Grenzen allen menschlichen Strebens weiß. Die Polizeireform 1997 fiel schon für die damaligen Verhältnisse bescheiden aus. Er focht für eine konsequente Rückführung der Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien. Er ließ einen Gesetzentwurf zur präventiven Telefonüberwachung ausarbeiten, der jedoch an dem damaligen Justizminister Ulrich Goll (FDP) scheiterte. Und er trat für eine strikte Drogenpolitik ein.

2004 dann nutzte er eine durch den Rücktritt des Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) ohnehin fällig gewordene Kabinettsumbildung, um sich aus dem ­Kabinett zurückzuziehen. Er übernahm die Führung der landeseigenen Rot­haus-Brauerei. Dies wurde als Partei­buchwirtschaft kritisiert, zumal sein Kabinettskollege Friedhelm Repnik bei ­gleicher Gelegenheit die Geschäftsführung der Lotto-Gesellschaft übernahm. Schäubles persönlichem Renommee schadete die Kritik indes kaum.

Anfang Juli vergangenen Jahres erlitt Schäuble beim Wandern im Schwarzwald einen Herzinfarkt. Mitten im Wald dauerte es zu lange, bis der Notarzt kam. Von diesem Schlag hat sich Thomas Schäuble nicht mehr erholt. Am Donnerstagabend ist er, der seine Frau und drei Kinder hinterlässt, im Alter von 64 Jahren gestorben.