Nachruf Peter Chotjewitz "Ein richtiges Leben im falschen"

Von Irene Ferchl 

Der Stuttgarter Schriftsteller Peter O. Chotjewitz ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Man traf ihn in der Kneipe wie im Theater.

 Foto: dpa
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Stuttgart - Gerade zwei Wochen ist es her, dass Peter O. Chotjewitz und Cordula Güdemann im Stuttgarter Literaturhaus ihr neuestes Buch vorgestellt haben, eine Kooperation zwischen der Malerin und dem Schriftsteller, "49 VIPs", gemalt und in dreizeiligen "Simultantexten" beschrieben. Es war ein Abend in freundschaftlicher und dank der Jazzmusiker Patrick Bebelaar und Frank Kroll fast heiterer Atmosphäre, auch wenn man ahnen konnte, dass es einer der letzten öffentlichen Auftritte sein würde.

"Bitte kommen, bitte kommen", hatte Chotjewitz dazu per Rundmail eingeladen; er wusste, wie es um ihn stand, und die Freunde wussten es auch, spätestens seit der Mitteilung vom September. Darin hatte es geheißen, die Buchmesse sei abgesagt und vier Kisten Nachlass zu Lebzeiten in Marbach abgegeben; ironisch gab der Kranke dazu einen Bericht der überstandenen Therapien und der anstehenden: "Ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal nichts nutzen wird". So täuschte er über den Ernst der Lage hinweg, versuchte ihn noch neulich mit angeblichen Schreibplänen, mit Lächelgrübchen zu überspielen.

Peter O. Chotjewitz wird uns und Stuttgart - wo er seit 1995 mit seiner Frau, der Kunstprofessorin Cordula Güdemann und den Töchtern lebte - fehlen, denn er war wie wenige in der Stadt präsent. Man traf ihn im Theater und in der Kneipe, im Literaturhaus, in der Stadtbücherei und im Schriftstellerhaus - und eben nicht nur bei den zahlreichen eigenen Auftritten, sondern als Zuschauer, der sich interessierte und das Gespräch suchte. Ein Herr, sommers im weißen Leinenanzug oder im Dreiteiler, meist mit Hut, in den letzten Jahren in der Hand den Stock mit Silberknauf; er hätte rein äußerlich einem Roman Thomas Manns entlaufen sein können, mit dem ihn sonst wenig verband, war er doch kein Bourgeois, sondern ein aufrechter Linker.

Wahlverteidiger für Baader


Geboren wurde Chotjewitz 1934 in Berlin, aufgewachsen ist er in Nordhessen, wohin die Familie nach Kriegsende zog. Nach dem Realgymnasium machte er eine Anstreicherlehre und besuchte daneben das Abendgymnasium, um studieren zu können: erst Jura in Frankfurt und München, nach einer Zeit als Referendar am Berliner Kammergericht Publizistik, Geschichte und Philosophie an der FU Berlin. Seine Juristenkarriere wollte er mit dem zweiten Staatsexamen beenden, kurzzeitig nahm er sie als Wahlverteidiger von Andreas Baader und Peter-Paul Zahl wieder auf.

Die Ereignisse des "Deutschen Herbstes" bildeten auch den Hintergrund seines ersten Romanerfolgs, "Die Herren des Morgengrauens", der 1978 bei Rotbuch erschien, nachdem Bertelsmann die Veröffentlichung wegen angeblicher Werbung für kriminelle und terroristische Vereinigungen verweigerte. Die Neuausgabe von 1997 enthält eine spannende Dokumentation der damaligen Zensurgeschichte.

Seit 1965 hat Chotjewitz Bücher publiziert: zuerst kühn-experimentelle, frech-sprachwitzige Prosa, angesiedelt im Berliner Milieu der 68er Jahre: "Hommage à Frantek. Nachrichten für seine Freunde" und "Die Insel. Erzählungen auf dem Bärenauge", die Stereotexte "Vom Leben und Lernen", die Romanstudien "Tod durch Leere". Später näherte er sich einem realistischen Stil, nicht ohne immer wieder gern mit anderen literarischen Mitteln zu spielen. Und ganz leicht wollte er es seinen Lesern nicht machen - das hat wohl dazu geführt, dass er nie einen wirklichen Bestseller landen konnte.

Erfolgreich war der Roman "Das Wespennest", 1999 erschienen und die deutsche Geschichte thematisierend; eher Diskussions- denn Lesestoff "Mein Freund Klaus" von 2007, eine Art Biografie über den RAF-Verteidiger Klaus Croissant, die neben dieser schillernden Figur auch die Enge der sechziger Jahre beschreibt, in Stuttgart und anderswo.

40 Werke in der Bibliografie


Vierzig Werke listet die Bibliografie, endend mit den "fast letzten Erzählungen", von denen der Verbrecher Verlag zwei Bände vorgelegt hat, die verstreut Publiziertes versammeln, denn er hat unentwegt auch für Zeitungen wie den "Freitag" und Zeitschriften geschrieben. Außerdem übersetzte er aus dem Italienischen, vor allem die Theaterstücke von Dario Fo. Italien, seine Kulturgeschichte waren ihn wichtig, seit er 1967 mit einem Stipendium der Villa Massimo nach Rom gekommen war und dort einige Jahre gelebt hatte; eines seiner schönsten Bücher ist "Rom. Spaziergänge auf der Antike" (1999), das ambitionierteste und ein wirkliches Lesevergnügen der 2004 erschienene Prachtband "Alles über Leonardo da Vinci".

Wer einen solchen Titel unbescheiden findet, kannte Chotjewitz nicht: Er besaß ein immenses Wissen und breitete es mit Lust, manchmal ausufernd aus. Seine ungeheure Neugier auf die Welt und seine Freude am Weltlichen, am Essen und Trinken, machten ihn liebenswürdig und selbst den Leuten, die einen kritischen Linken skeptisch beäugen, sympathisch.

In den Anmerkungen zu den "49 VIPs" heißt es: "Es gibt ein richtiges Leben im Falschen" - da hat Chotjewitz nicht nur en passant Adorno korrigiert, sondern ein Motto formuliert, zu dem der ebendort niedergelegte "Letzte Wille" passt: "Such nicht nach mir wenn / der Komet seine Bahn zieht / im Schutt der Höhle".