Nahverkehr in der Region Stuttgart Machtgerangel vor Göppingens Beitritt in den VVS

Als historisch wurde die Entscheidung des Göppinger Kreistags bewertet, zum Januar 2021 den gesamten Bus- und Schienenverkehr in den VVS einzugliedern. Doch der Weg zum VVS-Gesellschafter war offenbar holprig.

Ticketziehen für eine Fahrt in der gesamten Region soll für Menschen aus dem Kreis Göppingen von 2021 einfacher werden, denn dann gehört ihr Kreis zum VVS.Die Filstalbahn ist bereits in den VVS integriert, die Busverkehre im Kreis Göppingen kommen von 2021 ab dazu.Die Filstalbahn ist bereits in den VVS integriert, die Busverkehre im Kreis Göppingen kommen von 2021 an dazu. Foto: Archiv/StZ
Ticketziehen für eine Fahrt in der gesamten Region soll für Menschen aus dem Kreis Göppingen von 2021 einfacher werden, denn dann gehört ihr Kreis zum VVS.Die Filstalbahn ist bereits in den VVS integriert, die Busverkehre im Kreis Göppingen kommen von 2021 ab dazu.Die Filstalbahn ist bereits in den VVS integriert, die Busverkehre im Kreis Göppingen kommen von 2021 an dazu. Foto: Archiv/StZ

Stuttgart - „Willkommen im Klub“: Das hat der Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU) gesagt, als der regionale Verkehrsausschuss vor kurzem zustimmte, dass der Kreis Göppingen als Gesellschafter in den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) aufgenommen wird. Der Beitritt ist die logische Konsequenz aus dem Beschluss des Göppinger Kreistags, den Nahverkehr auf Schiene und Straße zum 1. Januar 2021 vollständig in den VVS zu integrieren – als letzter der fünf Kreise der Region Stuttgart.

Doch die freundlichen Worte Bopps können nicht verbergen, dass es zuvor hinter den Kulissen ein heftiges Gerangel um die Gesellschafteranteile im VVS gab. Auslöser war ausgerechnet die Region, also Bopps Beritt, die seit Jahren für die Vollintegration des Kreises Göppingen getrommelt hatte.

Komplizierte Machtfrage

Um die reichlich komplizierten Machtfragen zu verstehen, muss man wissen, dass der VVS ein sogenannter Mischverbund ist. Das heißt: in ihm sind die Besteller von Verkehrsleistungen in der Region, also das Land, die Kreise und die Städte, gleichermaßen vertreten wie die Erbringer dieser Leistungen, also die DB Regio, die Stuttgarter Straßenbahnen AG sowie die städtischen und regionalen Busbetriebe. Jede Seite besitzt 50 Prozent der Anteile, was zu gemeinsamem Vorgehen verpflichtet – etwa bei Preissteigerungen und Tarifzonenreformen. Kommt in einem Bereich ein Gesellschafter dazu, müssen die bisherigen auf Anteile verzichten.

VVS lobt Lösung

So ist es jetzt auf der Seite der öffentlichen Hand: Damit der Kreis Göppingen 3,4 Prozent erhält, sinkt der Anteil des Verbands Region Stuttgart von 20 auf 19 Prozent, der der Stadt Stuttgart und des Landes von je 7,5 auf 7 Prozent und der der Kreise Böblingen, Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr von je 3,75 auf 3,4 Prozent. „Wir halten es für eine gute Lösung, dass der Kreis Göppingen als gleichwertiger Partner wie die anderen Kreise im VVS vertreten ist“, sagt VVS-Geschäftsführer Horst Stammler.

Region wollte nichts abgeben

Doch beim Verband Region Stuttgart herrscht wohl eine andere Einschätzung vor, auch wenn dies so deutlich niemand sagen mag. Eigentlich war die Region mit der Maxime in die Verhandlungen gezogen, keine Anteile abzugeben. Wenn ein weiterer Kreis dazu komme, so die Position einiger einflussreicher Regionalräte, sollten allein die anderen Kreise Anteile abgeben. Damit war die alte Gefechtslage Region kontra Kreise wieder da, die lange Jahre zu heftigem Kompetenzstreit im öffentlichen Nahverkehr geführt hatte, der erst mit dem ÖPNV-Pakt 2014, der die Aufgaben regelte, befriedet worden war.

Wenn aus „sollen“ „müssen“ wird

Wie hart hinter den Kulissen gerungen wurde, machen manche Aussagen deutlich. Selbst der sonst eher zur Zurückhaltung neigende regionale Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler spricht von einer „intensiven Behandlung dieser Fragen im VVS-Aufsichtsrat“. Mehrere Regionalräte wie Rainer Ganske (CDU) und Thomas Leipnitz (SPD), die auch im VVS-Aufsichtsrat sitzen, pochen darauf, dass „künftig die Beteiligung weiterer Landkreise nicht zu Lasten der Region“ gehen dürfe. Deshalb betont Wurmthaler in öffentlicher Sitzung auch die Formulierung, dass „für derzeit noch nicht absehbare Aufnahmen weiterer Landkreise in den VVS alternative Beteiligungslösungen ohne Aufnahme in den öffentlichen Gesellschafterkreis gefunden werden müssen.“ Dies wertet er als Erfolg, denn früher habe statt „müssen“ nur „sollen“ gestanden.

Andere hängen das nicht so hoch: Trotz möglicher Verlängerungen der S-Bahn nach Calw oder anderswohin sei der komplette Beitritt eines weiteren Kreises in den VVS in etwa so wahrscheinlich wie ein Jahr ohne Weichenstörung bei der Bahn, sagen sie. Und überhaupt: den Fahrgästen, selbst denen aus dem Kreis Göppingen, die ab 2021 mit einem Fahrschein in der Region unterwegs sein können, sei das ohnehin egal. Für sie sei wichtig, dass Busse und Bahnen pünktlich verkehren. Auch auf der Seite der Verkehrsunternehmen gibt es Änderungen. Weil die Eisenbahnbetreiber Go Ahead und Abellio seit 2019 – mehr schlecht als recht – einen Teil des Regionalzugverkehrs erledigen, sollen auch sie VVS-Gesellschafter werden. Dafür reduziert die DB Regio ihren VVS-Anteil von 19 auf 15,5 Prozent. In den nächsten Wochen werden sich noch Kreistage und Gemeinderäte mit der neuen Gesellschafterstruktur befassen, am 15. Juli beschließen dann die VVS-Gremien.

Eine Zustimmung gilt als sicher. Und dann heißt es für den Kreis Göppingen wirklich: Willkommen im Klub.

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