Steinhaldenfeld in Stuttgart Letzte Bäckerei im Stadtteil schließt

Tahir Malik bietet an seinem Kiosk mehr als Zeitungen und Lottoscheine an. Foto: Iris Frey

In Steinhaldenfeld hat das letzte größere Ladengeschäft mit Lebensmitteln geschlossen. Die Konkurrenz ist hart. Der Stadtteil ist einer von 40 Defiziträumen in Stuttgart.

Lokales: Iris Frey (if)

Der Marktplatz in Steinhaldenfeld ist an diesem Morgen wie leer gefegt. Markttag mit zwei oder drei Ständen ist erst wieder am Mittwoch. Auch in den Läden in der Steinhaldenstraße sucht man das Leben vergeblich. Es ist Ferienzeit. Manche Geschäfte machen Sommerpause. Ein Laden wird nicht mehr öffnen: die Bäckerei Grau. Das ist fatal, denn es ist das letzte Lebensmittelgeschäft in dem Cannstatter Stadtteil. Die Inhaberin der Filiale gab auf mehrfache Nachfrage unserer Zeitung keine Rückmeldung zu den Hintergründen der Geschäftsaufgabe. Auch Frank Sautter, Geschäftsführer der Bäckerinnung Nordschwarzwald, zu der auch die Bäckerinnung Stuttgart gehört, kennt keine Gründe für die Filialschließung des Unternehmens aus Fellbach.

 

Problem für Bäcker oft der Discountbereich

Dass es Bäckereien in diesen Zeiten nicht einfach haben, weiß Sautter. „Wenn Unternehmen schließen, dann meist altershalber und weil es keinen Nachfolger gibt.“ Ein weiteres Problem: Jeder Discounter hat mittlerweile Backwaren in seinem Sortiment, die zudem auch noch günstiger sind. Doch auch die steigenden Energiepreise träfen das Handwerk besonders hart. Man könne das Sortiment straffen, Verkaufszeiten anpassen, Backzeiten optimieren oder die Kosten auf den Verkaufspreis umlegen. Im Bereich der Energieversorgung hätten viele Betriebe auf Wärmepumpen umgerüstet oder nutzten Solarenergie. Trotz der großen Herausforderungen wie steigenden Energie-, Personal- und Rohstoffkosten sieht Sautter für das Bäckerhandwerk in Stuttgart eine Zukunft.

Auch für Steinhaldenfeld? Am Ende des Marktplatzes hat zumindest der Kiosk wieder geöffnet. Tahir Malik hat das Häuschen grün angestrichen und das Geschäft auf den Verkauf von Backwaren eingerichtet. Neben Lotto, Zeitungen und Zeitschriften gibt es Brot, belegte Brötchen und Kaffee. Wenn die Schule beginnt, will er auch warme Snacks anbieten. Malik, der seit 2016 bereits das Café im Einkaufszentrum im benachbarten Neugereut betreibt, hat seit 1. August geöffnet, früher als geplant, nachdem die Bäckerei überraschend geschlossen hatte. Während Maliks Frau in Neugereut hinterm Einkaufstresen steht, kümmert er sich um den Kiosk. Malik, der ursprünglich aus Pakistan kommt und seit fast 20 Jahren in Deutschland lebt, freut sich über den guten Start.

Lob für Angebot im Kiosk

Die 82-jährige Sigrid Häfner ist froh, dass der Kiosk wieder offen ist. Die Rentnerin verweist auf die guten Backwaren und die „nette, humorvolle Art des Besitzers“. Komplimente, über die sich der 53-Jährige freut. Was er nicht im Angebot hat, ist Alkohol. Das passe nicht zu seinem Konzept. „Ich will auch Schüler bedienen. Die Kunden sollen sich bei mir wohlfühlen.“

Lebensmittel zu kaufen gibt es ansonsten, nachdem der Bonus-Markt und in der Folge der Nus-Markt geschlossen haben, nur noch mittwochs auf einem kleinen Wochenmarkt in Steinhaldenfeld. Bürgervereinsvorsitzender Günter Roder, der den Kiosk von 2010 bis 2016 betrieben hatte, freut sich über die Belebung am Marktplatz: „Wir sind froh, dass es eine gewisse Grundversorgung weiterhin zusätzlich zum Markt gibt.“ Ob in die Räume in der Steinhaldenstraße wieder eine Bäckerei einziehen wird, steht noch in den Sternen. Das Gebäude gehört der Stuttgarter Wohnungs- und Stadtbau GmbH (SWSG). Saskia Bodemer-Stachelski, Pressesprecherin der SWSG, erklärt auf Nachfrage, dass die Bäckerei zum 30. September aufgebe. Anschließend werde die 225 Quadratmeter große Fläche neu vermietet, dafür beginne aktuell die Interessentensuche. „Wir sind grundsätzlich offen – die Struktur des Ladengeschäfts bietet sich allerdings für eine Bäckerei an. Es wird sich zeigen, ob wir dafür einen Betreiber finden.“

Steinhaldenfeld – einer von 40 Defiziträumen in Stuttgart

Steinhaldenfeld hat – wie zahlreiche andere Stadtteile in Stuttgart übrigens auch – schon seit Jahrzehnten mit der fehlenden Nahversorgung zu kämpfen. Denn der Stadtteil ist ein Defizitraum, wie Stadtsprecherin Marie Kraft erklärt. Stuttgart habe 40 dieser Defiziträume, die in fußläufiger Entfernung keinen größeren Lebensmittelmarkt haben. In Steinhaldenfeld sei die Versorgung durch das Einkaufszentrum in Neugereut im Flamingoweg gedeckt, was die Vermietung des Geschäfts in der Steinhaldenstraße erschweren dürfte. „Aktuell lässt die Wirtschaftsförderung eine Online-Plattform erstellen, womit insbesondere kleine Läden und Geschäftsräume in Stuttgart zügig eine Nachnutzung finden sollen, um Leerstand zu vermeiden – respektive zu reduzieren.“

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