Nahversorgung und Gastronomie in Fellbach Einem Ortskern wird wieder mehr Leben eingehaucht

Patrik Scalcione (links) und Simone la Manna hinter der großen Theke in dem neuen Eiscafé mitten im Flecken. Foto: Gottfried Stoppel

Wie die Mitte gestärkt werden kann, darüber machen sich viele Kommunen Gedanken. In den Zentren ist der Strukturwandel spürbar. Im Fellbacher Stadtteil Oeffingen soll mit Neueröffnungen von Post, Gastronomie und Handel dagegengehalten werden.

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)

Die knallig grünen Stühle stehen auch bei dem wechselhaften Wetter an diesem späten Vormittag bereit. Der Platz wird bespielt, daran gibt es nichts zu rütteln. „Ich bin sehr zufrieden, dass wir die Terrasse nun anbieten können. Ohne Terrasse hat etwas gefehlt“, sagt Patrik Scalcione. Seit dem 20. Juli stehen die sechs Tische mit insgesamt 24 Plätzen im Freien. Mit der „Terrasse“ meint Scalcione den Platz mitten im Flecken – einen bestimmten Namen hat dieser Ort gegenüber dem Stadtteil-Rathaus gar nicht. Hier wird der Maibaum in die Höhe gezogen, hier findet der Oeffinger Advent statt. Doch lebendig zeigte sich das Areal bisher vor allem bei besonderen Veranstaltungen wie diesen. Verwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft suchen gemeinsam nach Lösungen, um dagegenzuhalten. „Damit Oeffingen nicht zur reinen Schlafstadt wird“, wie einer der Zeitungstitel lautete, die das alarmierende Ausbluten des Ortskerns und die Strategien, dies zu verhindern, aufgriffen.

 

Seit Anfang August gibt es wieder eine Post in Oeffingen unter städtischer Regie

Nun gibt es erste Erfolge. Seit 1. August wurde die neue Post in der ehemaligen Schalterhalle der Volksbank eröffnet – unter der Regie der Stadt, was eine Besonderheit in der Region und auch bundesweit darstellt. „In der Nähe gibt es keine weitere Kooperation mit einer Kommune. Die nächstgelegene Kommune wäre Hattenhofen, etwa 40 Kilometer von Fellbach entfernt“, sagt Marc Mombauer, der Pressesprecher der Deutsche Post DHL Group für die Regionale Kommunikation Süd auf Nachfrage. „In der Regel sind es Partner aus dem Einzelhandel, die eine Postfiliale betreiben“, so Mombauer. Dass die Post in der Ortsmitte bleibt und später in den Bürgerservice integriert wird, ist laut Oberbürgermeisterin Gabriele Zull ein erster Schritt zur Ortsbelebung. Die Post soll auch ein Zugpferd sein für die Frequenz.

Für Patrik Scalcione ist dies, wie er sagt, stark ausschlaggebend, um in das Eiscafé zu investieren. Die Räume seien aufwendig renoviert worden. Ein Eiscafé brauche viel mehr Strom und daher auch andere Leitungen als bei der vorigen Nutzung. Zuvor war in den Räumen ein Wollgeschäft mit integriertem Café ansässig. Seit Oktober liefen die Renovierungsarbeiten, am 20. April wurde eröffnet. Geführt wird das Eiscafé von seinem Schwager Simone la Manna. Patrik Scalcione liefert das Eis, das in Oeffingen in der Benzstraße 45 produziert wird. Der Familienbetrieb wurde 1986 von seinem Vater gegründet – er produzierte Eis, um es im Straßenverkauf an Kunden anzubieten. Aufgrund gesundheitlicher Probleme seines Vaters sei die Zukunft des Familienunternehmens 2009 auf der Kippe gestanden. „Ich habe dann entschieden, dass wir den Betrieb gemeinsam fortführen“, erzählt Patrik Scalcione. Inzwischen beliefere sein Unternehmen rund 70 Gastronomen in der Region Stuttgart. Auch rollende Eiswagen gehören weiterhin zur Firma.

Da pro Tag durchschnittlich zwischen 600 und 800 Liter Eis in der Benzstraße hergestellt würden, könne er auch eine große Bandbreite und viel Abwechslung in der Theke bieten. Von Sahne-Lavendel über Prosecco-Eis bis zum sortenreinen Schokoladeneis Santo Domingo. Nicht nur Eis wird geboten, auch Macarons, Pinsa und Patisserieprodukte. Letztere kommen aus Stuttgart. Auch Salate sollen die Karte noch bereichern. „Ein entscheidender Punkt für uns war, dass im Umfeld Leben und eine gewisse Kundenfrequenz ist“, betont Scalcione nochmals. Denn er sehe eine längere Perspektive an diesem Platz. Ein Zeichen seien auch die Leuchten aus dem berühmten Muranoglas, das die Innenräume des Cafés mit seinen rund 20 Plätzen ins Licht setze.

Er freue sich, dass sich Verena Bieg, die Leiterin der Stadtteil-​Rathäuser Oeffingen und Schmiden, dafür eingesetzt habe, dass es mit der Außenbestuhlung endlich geklappt hat. Dass das bürokratische Prozedere lange gedauert habe, das sei bereits an anderer Stelle bemängelt worden.

Eine weitere Neueröffnung ist der kleine Supermarkt vom Elvira Mursel

Zur neuen Gastronomie kommt eine weitere Neueröffnung hinzu: In der Remser Straße hat Elvira Mursel einen kleinen Supermarkt eröffnet. Ihre Tochter Adelina hilft neben ihrem Studium im Laden mit. „Viele kennen mich in Oeffingen auch wegen meines Hundes Nemo, einem Sibirisch Samojede“, sagt sie. Sie studiert an der Universität Stuttgart Chemie sowie Naturwissenschaft und Technik für das Lehramt an Gymnasien. Hinter der Kasse zu sitzen, sei für sie Routine. „Ich habe als Nebenjob schon im Einzelhandel gearbeitet“, sagt Adelina Mursel. Ihre Mutter Elvira, die den Laden führt, ist vom Fach. Die 47-Jährige ist Kauffrau im Einzelhandel und hat viele Jahre in der Branche gearbeitet, auch als Filialleiterin.

Die Dinge des täglichen Bedarfs sollen auf kurzen Wegen erreichbar sein

„Mir ist wichtig, dass wir die Dinge des alltäglichen Gebrauchs führen“, sagt Elvira Mursel, „mir ist bewusst, dass die Menschen hier keinen Großeinkauf machen, aber hier können sie mit kurzen Wegen das Nötige bekommen.“ Den Laden mit rund 120 Quadratmetern Fläche in der Remser Straße hat sie am 1. Juli übernommen. Es gibt Obst, Drogerieartikel, Brot, Zahnpasta, Putzmittel – eine Art Supermarkt im Tante-Emma-Stil. „Ich komme gerne“, sagt eine Kundin aus Hegnach. Die Öffnungszeiten seien zurzeit etwas verkürzt, nach den Ferien würden diese wieder ausgeweitet, sagt Adelina Mursel. Sie hat es nur ein paar Meter nach Hause, die Familie wohnt in Oeffingen, ihr Vater Amir Mursel führt ein Geschäft für Bedachungen.

Die Akteure hoffen, dass das Angebot vor Ort wahrgenommen wird

In die Ortsmitte soll noch mehr Leben kommen, auch ein Café soll noch einziehen. Außerdem laufen Verhandlungen der Stadt, das ganze Volksbankgebäude zu erwerben, um dort das Bürgerbüro barrierefrei einzurichten. Was aber alle Akteure hoffen, ist, dass das Angebot von den Menschen auf lange Sicht angenommen wird. Patrik Scalcione ist zuversichtlich: „Viele haben uns gesagt, dass sie sich sehr freuen, dass wir da sind. Und wie es bisher lief, damit sind wir für den Auftakt recht zufrieden.“ Am 9. September wollen Simone la Manna und er ein Eröffnungsfest feiern. Angedacht sei Livemusik. Man müsse aber klären, was möglich sei.

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