Istanbul/Stuttgart - Sie nannten ihn „Häuptling Silberlocke“ – und er avancierte als Fußballtrainer zum ersten deutschen Exportschlager am Bosporus. Jupp Derwall, als Bundestrainer Europameister von 1980 und Vize-Weltmeister 1982, heuerte nach dem Abschied von der Nationalelf 1984 bei Galatasaray Istanbul an – und führte den Club zu zwei Meistertiteln und einem Pokalsieg.
Auf Vereinsebene war dies der Auftakt zu einer wahren Trainerschwemme aus Almanya: Größen wie Karl-Heinz Feldkamp, Siggi Held, Horst Hrubesch, Jörg Berger, Werner Lorant und auch die beiden ehemaligen VfB-Fußballlehrer Christoph Daum und Joachim Löw sind da nur die bekanntesten Gesichter. Weil die deutschen Trainer für Disziplin, Kompetenz und vor allem ganz oft für Erfolg standen, wurden und werden sie in der Türkei von den Fans wie Helden verehrt.
Auch am Montag war daher wieder einiges los in Istanbul, als in Stefan Kuntz der erst zweite Deutsche nach dem Bremer Josef „Sepp“ Piontek (1990 bis 1993) einen Vertrag als Nationaltrainer bei der Türkischen Fußball Federation (TFF) unterzeichnete. So war das Fernsehen bereits am Sonntagabend bei der Ankunft am Istanbuler Flughafens live dabei, als Kuntz direkt am Gate in einen Elektrowagen gesetzt und durch das Terminal chauffiert wurde.
„Hier zu sein ist so, als würde ich nach Hause zurückkehren. Ich freue mich sehr über die neue Herausforderung. Seit meiner Station als Spieler bei Beşiktaş Istanbul sind meine Beziehungen hierhin nie abgerissen“, sagte Kuntz, als er im TFF-Trainingscamp nördlich von Istanbul seinen bis 2024 gültigen Vertrag als Nationalcoach unterschrieben hatte.
Damit tritt der 58-Jährige die Nachfolge von Senol Günes an, in dessen Amtszeit letztlich die 1:6-Niederlage in der WM-Qualifikation in den Niederlanden das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Auch bei der Euro im Sommer hatte der WM-Dritte von 2002, der seit dem Halbfinal-Aus gegen Deutschland bei der EM 2008 sehnsüchtig auf eine gute Turnierplatzierung wartet, zuvor die Fans ganz bitter enttäuscht: Nach drei Niederlagen in Serie gegen Italien, Wales und die Schweiz war das EM-Aus für das Günes-Team bereits nach der Vorrunde besiegelt.
Der neue Chefcoach hat viel vor
„Ich kenne das Potenzial türkischer Spieler“, sagte Kuntz nun, der 1996 als Spieler unter Berti Vogts in England Europameister wurde und mit dem jetzt in der Türkei schnellstmöglich die Wende zum Guten erfolgen soll. Er wolle eine Mannschaft schaffen, „auf die das ganze Land stolz sein kann“. Aktuell ist das Nationalteam in seiner WM-Qualifikationsgruppe hinter den Niederlanden und Norwegen (beide 13 Punkte) mit elf Zählern Dritter. Doch noch stehen in der Gruppe G vier der zehn Partien aus. Seinen Einstand gibt Kuntz am 8. Oktober im Heimspiel gegen Norwegen mit dem BVB-Starstürmer Erling Haaland.
Der ehemalige Schalker und Bayern-Profi Hamit Altintop hat als Manager der türkischen Nationalelf den Kontakt zu Kuntz hergestellt. „Stefan war von Anfang an unser Wunschkandidat“, erklärte Altintop. „Die Gespräche, auch mit dem DFB, waren alle einwandfrei und sehr, sehr fair.“
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Tatsächlich legten die Deutschen ihrem U-21-Nationaltrainer, der bei drei Endspiel-Teilnahmen in seiner Zeit bei der wichtigesten DFB-Nachwuchsmannschaft zwei EM-Titel (2017 und 2021) holte, trotz eines laufenden Vertrages bis 2023 keine Steine in den Weg. „Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn ich hatte eine überragende Zeit beim DFB. Es war eine Win-Win-Situation“, sagte Kuntz.
Zuvor hatte der 58-Jährige, den bei der U 21 nun möglicherweise der Ex-VfB-Trainer Hannes Wolf beerbt, seinerseits ein wenig auf die Nachfolge von Joachim Löw als Bundestrainer gehofft. Als sich der DFB dann aber schnell und eindeutig für Hansi Flick entschied, war klar: In Deutschland würde Kuntz („Ich hatte einige interessante Angebote“) zumindest auf Nationaltrainer-Ebene auf absehbare Zeit keine Karriere machen.
Zurück in Istanbul
Nun also der Schritt zurück in die Türkei, wo der gelernte Polizist aus dem saarländischen Neunkirchen kein Unbekannter ist. Immerhin stürmte Kuntz in der Saison 1995/96 erfolgreich für Beşiktaş in der Süper Lig, wo er unter dem Trainer Christoph Daum in 30 Einsätzen neun Tore erzielte.
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Während sich Kuntz im Land des Recep Tayip Erdogan aus der Politik raushalten will, steht für ihn der Fußball im Fokus: Hier finden sich im aktuellen Team der Türkei allerdings nur wenige international gestandene Profis wie die ehemaligen Bundesliga-Spieler Caglar Söyüncü (einst SC Freiburg, jetzt Leicester City) und Hakan Calhanoglu (einst Karlsruher SC und Hamburger SV, jetzt Inter Mailand). Dafür gibt es aber einige entwicklungsfähige Talente. Noch ist der Sprung zur WM 2022 in Katar zu schaffen, sei es direkt als Gruppenerster oder als Zweiter über die Play-offs. Spätestens bei der EM 2024 in seiner Heimat Deutschland soll dann die große Stunde des Stefan Kuntz als türkischer Erfolgstrainer schlagen.