Natur- und Kulturlandschaft Land plant Biosphärengebiet in Oberschwaben

Das Wurzacher Ried ist das größte intakte Hochmoor Mitteleuropas – und könnte Teil des Biosphärengebiets Oberschwaben werden. Foto: dpa/Felix Kästle

Ziele des neuen Schutzgebietes sind, die wertvollen Moore zu verbinden und das touristische Angebot zu verbessern. Doch bei Landwirten und Waldbesitzern regt sich Widerstand.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Die Landesregierung hat sich bei den Schutzgebieten im Südwesten viel, hoffentlich nicht zu viel, vorgenommen: Denn sie will in den nächsten Jahren nicht nur den Nationalpark im Schwarzwald deutlich erweitern, sondern auch ein drittes Biosphärengebiet im Südwesten gründen. Es soll – neben den schon existierenden auf der Schwäbischen Alb und im Südschwarzwald – in Oberschwaben entstehen und vor allem die typischen Moore wie das Wurzacher Ried, das Pfrunger Ried oder den Federsee einbeziehen, die nicht nur ein Rückzugsraum für seltene Tiere und Pflanzen sind, sondern auch einen wertvollen Kohlendioxid-Speicher darstellen.

 

Bereits Anfang kommenden Jahres soll eine kleine Geschäftsstelle mit zwei Personen eröffnet werden. Zudem laufen erste Gespräche, so vor Kurzem mit den Landräten der drei mutmaßlich involvierten Landkreise Sigmaringen, Biberach und Ravensburg. Eine konkrete Fläche ist noch nicht im Visier, auch einen Zeitplan gibt es nicht – beim Biosphärengebiet Schwäbische Alb hat der Vorlauf viele Jahre gedauert. Bettina Jehne, die Sprecherin des Umweltministeriums, glaubt deshalb nicht, dass das Projekt innerhalb der laufenden Legislaturperiode zu einem Ende kommen wird.

Ein Biosphärengebiet ist keine ökologische Käseglocke

Um aber kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Im Gegensatz zu einem Nationalpark oder einem Naturschutzgebiet ist ein Biosphärengebiet keine ökologische Käseglocke, unter der fast alles verboten ist. Tatsächlich verlangt die Unesco, die die Biosphärengebiete offiziell anerkennen muss, dass lediglich drei Prozent eines Gebiets als sogenannte Kernzone sich selbst überlassen bleiben. Ansonsten geht es vielmehr darum, die traditionelle Kulturlandschaft zu bewahren und dafür neue wirtschaftliche und touristische Ideen zu entwickeln.

Auf der Alb entstanden aus dem Biosphärengebiet etwa die Premiumwege der „Hochgehberge“, es wurden Linsen, Einkorn und Dinkel neu entdeckt und regional vermarktet, oder Gastronomen und Hoteliers schlossen sich zum Kreis der „Biosphärengastgeber“ zusammen.

Auch Bettina Jehne betont diese Funktion eines Biosphärengebiets. „Es ist wie ein großes Freiluftlabor“, sagt sie: „Hier wird ausprobiert, wie die einzigartige Kulturlandschaft erhalten werden kann und die Bewohnerinnen und Bewohner gleichzeitig ihr Auskommen haben.“ Sowieso kann das Land ein solches Schutzgebiet nicht überstülpen, am Ende entscheidet jede Stadt und jede Gemeinde selbst, ob sie dem Biosphärengebiet beitritt. Auf der Schwäbischen Alb sei das Biosphärengebiet jedenfalls ein Erfolgsprojekt, wirbt Bettina Jehne: Derzeit denke man dort über eine Erweiterung nach, und 40 Kommunen hätten Interesse angemeldet. Auch in Oberschwaben ist man durchaus offen. Die Bürgermeisterin von Bad Wurzach, Alexandra Scherer, sieht beispielsweise „Chancen für unsere Stadt und die gesamte Raumschaft“. Ihr gehe es dabei sogar weniger um den Naturschutz, weil dieser bei ihnen mit dem Wurzacher Riede ohnehin schon eine besondere Rolle spiele. Vielmehr denke sie an die Entwicklungsmöglichkeiten im Tourismus, Standortmarketing und in der regionalen Wertschöpfung. „Wir gehen daher offen und interessiert in den anstehenden Prüfungsprozess“, betont Scherer. Es gebe aber noch viele Diskussionspunkte.

Auf der Alb haben 40 Kommunen Interesse an einer Erweiterung

Ganz ähnlich ist die Haltung beim Landratsamt in Biberach. Man stehe einem Biosphärengebiet grundsätzlich positiv gegenüber, sagt Landrat Heiko Schmid. Die beteiligten Gemeinden, der Tourismus, Landbewirtschafter, Gewerbe und vor allem die Natur könnten profitieren. Jetzt gehe es aber zunächst einmal darum, transparente Information zu geben und zu bekommen.

Andere sind dagegen sehr reserviert, ja, es formiert sich bereits Widerstand in Oberschwaben. Landwirte, Waldbesitzer und auch große adlige Grundstücksbesitzer haben sich zu einer „Allianz der Landeigentümer und -bewirtschafter“ zusammengeschlossen. Sie befürchten vor allem weitere Auflagen und Einschränkungen, nicht nur für sich selbst. So könnten in Teilen Pflanzenschutzmittel verboten werden, auch Windräder seien unmöglich oder mit hohen Auflagen versehen.

Gegner befürchten weitere Auflagen und Einschränkungen

Zudem sei die in Oberschwaben ganz anders als auf der Alb oder im Schwarzwald, sagt Franz Schönberger, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Allgäu-Oberschwaben. Bei ihnen gebe es noch 1200 Vollerwerbslandwirte, und die Äcker und Wiesen seien fruchtbar – da könne man gar nicht nur für den regionalen Markt produzieren. Man sei aber nicht gegen Naturschutz, so Schönberger, und arbeite bei den Mooren gerne an neuen Projekten mit: „Aber für Oberschwaben sind die Ziele eines Biosphärengebiets völlig ungeeignet.“

Land: Die Region muss ein solches Schutzgebiet selbst wollen

Das Umweltministerium hat nun auch mit den Landwirten und Waldbesitzern das Gespräch aufgenommen und versucht zu beschwichtigen. Es seien keine weiteren Naturschutzauflagen zu befürchten, so Bettina Jehne; vielmehr wolle man die bestehenden Schutzgebiete in das Biosphärengebiet überführen. „Weder auf der Alb noch in einem anderen Biosphärengebiet in Deutschland wurden bisher entsprechend schlechte Erfahrungen gemacht.“

Zwei Biosphärengebiete gibt es schon

Schwäbische Alb
Das Biosphärengebiet auf der mittleren Alb ist 2008 gegründet worden und umfasst 85 270 Hektar vom Albtrauf bis zur Donau. Kern ist der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen, wo auch das Biosphärenzentrum angesiedelt ist. Insgesamt engagieren sich 29 Städte und Gemeinden in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen und Donau-Alb für das Gebiet. Schwarzwald
Dieses Biosphärengebiet entstand 2016 und liegt auf den Gemarkungen der Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Lörrach und Waldshut sowie der Stadt Freiburg. Es ist 63 236 Hektar groß. Zufällig sind es auch im Südschwarzwald 29 Städte und Gemeinden, die das Biosphärengebiet tragen.

Deutschland
Derzeit existieren in Deutschland 16 Biosphärengebiete, die von der Unesco zertifiziert sind. Sie reichen vom Wattenmeer über die Elbe-Flusslandschaft, die Rhön und den Pfälzer Wald bis zum Berchtesgadener Land.

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