Naturkundemuseum Karlsruhe Dino-Fossil ramponiert Experten den Ruf

Das Fossil des Sauriers Ubirajara befindet sich im Naturkundemuseum in Karlsruhe. Foto: dpa/---

Ein falsch angegebenes Einfuhrdatum für eine Versteinerung aus Brasilien hat für das Naturkundemuseum in Karlsruhe weitreichende Folgen.

Sie nennen ihn „Dino“: Den Spitznamen verdankt Eberhard Frey seiner Begeisterung für Dinosaurier, die ihn schon seit seiner Kindheit faszinieren. Frey (69) gehört zu den bekanntesten deutschen Dinosaurierforschern. Im Januar 2022 ist der Experte des Naturkundemuseums Karlsruhe, der dort seit 1990 als Biologe und Paläontologe arbeitete, in Pension gegangen.

 

Doch den Abschied hatte er sich sicherlich anders vorgestellt: Sechs Wochen vor dem Ausscheiden sah er sich einem Disziplinarverfahren seines Stuttgarter Dienstherrn gegenüber. Auch gegen den Museumsdirektor Norbert Lenz wurde rechtlich vorgegangen. Lenz erhielt im Januar eine „Abmahnung“ aus dem Ministerium. 2008 ins Amt gekommen, gab er im Mai 2022, mit gerade mal 60 Jahren, seinen vorzeitigen Abschied bekannt. „Aus persönlichen Gründen“, wie er es nannte. Ende September war er dann weg.

Doch was war passiert? Wie kam es zu diesem harschen rechtlichen Vorgehen? 2020 hatten Eberhard Frey und Norbert Lenz zusammen mit zwei Wissenschaftlern aus dem englischen Plymouth und einem Mexikaner eine wissenschaftliche Beschreibung eines 2006 nach Deutschland eingeführten Dinosaurier-Fossils verfasst. Dabei handelt es sich um die Überreste eines Ubirajara jubatus – eines Dinosauriers, der vor über 100 Millionen Jahren das heutige Brasilien durchstreifte.

Doch in den Artikel hatte sich ein Fehler eingeschlichen, das Einfuhrdatum war falsch angegeben. Dafür entschuldigte sich Frey, die Publikation wurde zurückgezogen. Doch da war die Veröffentlichung längst zu einem Politikum geworden. Dabei stellt das knapp 300 Gramm schwere Artefakt nach Meinung einiger Experten „nichts wirklich Besonderes“ dar. „Das Ding war ein Ladenhüter“, sagte Frey selbst im September 2021. Auch die Händlerin, die Ubirajara jubatus einst einführte, äußert sich in diesem Tenor. Der frühere Direktor des Naturkundemuseums, Siegfried Rietschel, nannte das Stück einen „fossilen brasilianischen Kuhfladen“.

Doch der politisch gewordene Streit entwickelte sich im August 2021 zu einem veritablen „Shitstorm“ – einem Sturm der Entrüstung – in den sozialen Medien. Brasilianische Paläontologen witterten eine illegale Ausfuhr und forderten die Rückgabe des Fossils. Dabei lässt sich der Zeitpunkt der Einfuhr von Ubirajara jubatus anhand von Papieren einer Händlerin (die unserer Redaktion vorliegen) belegen. Es wurde am 29. Juni 2006 beim Zollamt am Frankfurter Flughafen abgefertigt. Die Verzollung erfolgte nach gültigen Regeln.

Zum Rapport ins Ministerium

Im Ministerium allerdings sieht man das anders. Im Herbst 2021 wurden mehrere Mitarbeiter aus dem Karlsruher Naturkundemuseum, darunter auch Frey und Lenz, zum Rapport ins Wissenschaftsministerium nach Stuttgart bestellt. Offiziell war es eine „Anhörung“, Teilnehmer berichten aber, sie hätten sich wie in einem „Verhör“ gefühlt. Das Ministerium schenkte den vorgelegten Daten keinen Glauben.

Eberhard Frey erhielt dann kurz vor Weihnachten 2021 Post und erfuhr so, dass ein Disziplinarverfahren eingeleitet werde. Von diesem Zeitpunkt an äußerte er sich nicht mehr öffentlich zu den Vorgängen. Auch gegen Direktor Lenz wurde im Zusammenhang mit der Dino-Affäre dienstrechtlich vorgegangen. Das Wissenschaftsministerium ist bis heute überzeugt, dass sich die Angaben zum Import des Fossils als falsch erwiesen hätten. „Die genauen Umstände des Erwerbs sind unklar“, teilt ein Sprecher mit. Deshalb sei auch die Entscheidung getroffen worden, die Fundstücke an Brasilien zurückzugeben.

Die vorliegenden Belege der Händlerin aus der Pfalz konnten das Ministerium nicht überzeugen. Trotz aller Unterlagen heißt es von dort: „Leider konnte die rechtmäßige Einfuhr nicht belegt werden.“ Im Juli 2022 erklärte das Wissenschaftsministerium offiziell und endgültig, dass die Rückgabe beschlossene Sache sei.

Hass-Mails an das Museum

Die Aufregung über das Dino-Fossil ist inzwischen etwas abgeklungen – aber die Reputation von „Dino“ Frey und Ex-Direktor Lenz bleibt ramponiert. Es gibt nicht wenige Stimmen in Karlsruhe, die sagen, das Ministerium habe sich vergaloppiert. „Das international renommierte Museum ist leider durch ungerechtfertigte Hass-Mails, unreflektierte Anschuldigungen auch seines Trägers und offensichtliche Fehlentscheidungen in Ruf und Arbeitsfähigkeit schwer beschädigt worden“, ließ der frühere Direktor des Museums, Siegfried Rietschel, wissen.

Norbert Lenz hat sich im vergangenen September ohne großes Aufheben von seinen Mitarbeitern verabschiedet. Das Disziplinarverfahren gegen Eberhard „Dino“ Frey wurde im Mai 2022 eingestellt.

Das Fossil, um das es geht, liegt immer noch in Karlsruhe. Das Kultusministerium hat über das Auswärtige Amt in Berlin Kontakt mit den zuständigen brasilianischen Regierungsstellen aufgenommen, um zu vereinbaren, wie die Rückgabe konkret erfolgen soll. Unter anderem muss eine förmliche Rückgabevereinbarung getroffen werden. „Wir gehen davon aus“, sagt Denise Burgert, Pressesprecherin des Ministeriums, „dass wir das Fossil in den nächsten Monaten zurückgeben können. “

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