Man erinnere sich, wie viel Streit und böses Blut es im Vorfeld der Gründung des Nationalparks gegeben hat. Die Wogen haben sich etwas geglättet, aber das Vertrauen vieler Anwohner in die Macher des Parks ist nie zurückgekehrt. Das Land weiß das und ist bemüht, dieses Mal vieles besser zu machen. Forstminister Peter Hauk (CDU) und Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) haben sich auch schon höchstpersönlich aufgemacht nach Hundsbach.
Die Menschen fühlen sich eingesperrt im Nationalpark
Aber was stört die Menschen denn so, was die Städter in Stuttgart bisher nicht begriffen haben? Es sind vor allem zwei Punkte. Zum einen sind im bestehenden Nationalpark sehr viele Wege gesperrt worden. Der Fotograf und BI-Sprecher Michael Frank spricht davon, dass 1200 von 1600 Kilometern an Wegen für Fußgänger geschlossen worden seien, für Radfahrer sogar 1400 Kilometer.
Werde dies auch bei der Erweiterung so umgesetzt, sagt Frank, dürften die Hundsbacher kaum noch in den Wäldern wandern gehen, sie könnten keine Pilze und Beeren mehr sammeln, und sie könnten auch kein Brennholz für ihren Kachelofen mehr schlagen. „Das ist für die Bürger ein nicht hinnehmbarer Verlust an Lebensqualität und kommt einem Hausarrest gleich“, heißt es in einem Brief an den Forstminister Peter Hauk (CDU). Steffen Becker, Sprecher des Umweltministeriums, kontert: Die Zahlen stimmten zwar, aber nur die Forstwege habe man zugemacht, weil sie nicht mehr benötigt würden. Die Wanderwege dagegen seien heute länger als vorher – statt auf 249 erstreckten sie sich nun auf 342 Kilometer.
Zum anderen haben die Menschen in Hundsbach Angst vor toten Wäldern rund um ihr Tal. Erklärtes Ziel des Nationalparks ist es ja, in den Kernzonen die Natur sich selbst zu überlassen. Das bedeutet derzeit aber, dass große Waldbestände vom Borkenkäfer hinweggerafft worden sind und die Ödnis abgestorbener Fichten manches Bild beherrscht. Nur in einem 500-Meter-Randstreifen wird der Borkenkäfer bekämpft, damit er nicht auf Privatwälder übergreift.
Manche Kernzone würde man künftig von Hundsbach aus sehen. Christof Bernauer: „Viele von uns sind extra nach Hundsbach gezogen, um mitten in der Natur zu leben. Künftig würden wir inmitten eines toten Waldes leben.“ Daneben sind er und seine Mitstreiter der Ansicht, dass das Borkenkäfer-Konzept nicht funktioniert hat. Die Pufferzonen seien nicht ausreichend, in der Ortenau etwa sei dieses Jahr der Befall extrem gewesen. Einen höheren Borkenkäfer-Befall in der Nähe des Nationalparks bestätigen auch andere Anrainer. Das Umweltministerium führt dies aber vor allem auf den Klimawandel mit Trockenheit und Hitze zurück. Nach den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sei der 500-Meter-Streifen ausreichend.
Umweltministerin Walker deutet Zugeständnisse an
Thomas Fritz, Umweltpädagoge und Nabu-Mitglied ebenfalls mit Wohnsitz in Hundsbach, hält es allerdings für wichtig, der Natur Raum zu lassen – der Mensch solle nicht immer glauben, alles besser zu wissen. Und angesichts des Artensterbens sei es unumgänglich, weitaus größere Flächen komplett unter Schutz zu stellen. Christof Bernauer kontert indessen: „Wir können und wollen nicht 100 Jahre warten, bis sich der Wald erholt hat.“
Diese und viele weitere Forderungen hat die Bürgerinitiative in einem 15-Punkte-Katalog aufgelistet und der Umweltministerin übergeben. Thekla Walker hat bereits signalisiert, den Hundsbachern entgegenzukommen, was Wegerechte oder Pilzesammeln anbelangt: „Man muss schon differenzieren zwischen Touristen aus Japan und Einheimischen“, sagt sie. Vorbild, wie die Erweiterung eines Nationalparks mit den Interessen der Bevölkerung zusammengebracht werden kann, sei die Gemeinde Mauth im Bayerischen Wald. Dorthin will sich bald eine gemeinsame Delegation aufmachen.
Jedenfalls soll es schnell gehen mit der Erweiterung – das Ziel ist es, das Projekt bis zum Ende der Legislaturperiode, also in gut zwei Jahren, abzuschließen. Daran aber hat der Geschäftsführer der Murgschifferschaft – einer Genossenschaft, der die betroffenen Wälder gehören – starke Zweifel. Es gebe bisher nur losen Kontakt mit dem Land, von einem konkreten Angebot sei man weit entfernt. Er betont, dass zunächst eine Bewertung für das 2900 Hektar große in Frage stehende Gebiet vorgenommen werden müsse. Dabei gehe es um den Wert der Bäume, aber auch der Gebäude und der Wege oder um eventuelle Ertragsminderungen durch Schutzgebiete. „Das ist alles andere als trivial“, so Dürr.
Klar sind für ihn aber die Forderungen der Murgschifferschaft. Erstens werde man keine Flächen verkaufen, sondern nur tauschen – man wolle den Umfang der Genossenschaft erhalten. Zweitens werde man nur die gesamte Fläche tauschen oder gar nichts, damit der Besitz nicht zerstückelt werde. Und drittens müsse das Angebot des Landes attraktiv sein – ein 1:1-Tausch sei das nicht, davon hätten sie nichts, so Walter Dürr. Das Land muss also mehr bieten, vermutlich deutlich mehr: Denn die Genossenschaft ist in einer sehr komfortablen Verhandlungsposition und kann einfach abwarten.
Das sieht man beim Land allerdings anders. Die Fichtenwälder auch der Murgschiffer würden dramatisch an Wert verlieren durch den Klimawandel, heißt es. Zudem besitzt das Land Anteile an der Genossenschaft, die diese gerne zurückkaufen würde. Es gebe also auf beiden Seiten großes Interesse, das Geschäft nicht platzen zu lassen.
CDU und Grüne sind in der Nationalpark-Frage uneins
Der wichtigste Faktor, der gegen eine Erweiterung spricht, könnte deshalb der Regierungspartner der Grünen, die CDU, sein. Denn Forstminister Peter Hauk (CDU) macht keinen Hehl daraus, dass er von der Erweiterung des Nationalparks nichts hält. Er hatte vor kurzem die Idee publik gemacht, bei einer Erweiterung anderswo Gebiete aus dem Schutz zu nehmen – unterm Strich sollte der Nationalpark also gar nicht oder kaum wachsen: „Wir können ja erst mal mit einem Hektar mehr beginnen“, sagte er provokant. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Hauk dafür öffentlich gerügt, offiziell ist der Konflikt vom Tisch.
Bei einer Anfrage unserer Zeitung konnten sich Forst- und Umweltministerium aber nicht auf eine gemeinsame Antwort zur Erweiterung einigen – in der Stellungnahme wurde deshalb nur lapidar der Wortlaut der Koalitionsvereinbarung von 2021 wiedergegeben. Darin heißt es vage, dass „der Nationalpark auf Basis fachlicher Kriterien erweitert und weiterentwickelt werden soll.“
Doch wer weiß, ob die CDU im nahenden Landtagswahlkampf das Thema nicht wieder hochzieht, um sich von den Grünen abzugrenzen und um weiter an politischem Profil zu gewinnen? Man darf also gespannt sein, wie die Konfliktlinien in der Politik und vor Ort in der nächsten Zeit verlaufen werden.
Der Nationalpark im Schwarzwald
Fläche
Bisher besteht der Nationalpark aus einer kleineren Fläche im Norden rund um den Hohen Ochsenkopf und aus einer größeren Fläche rund um den Ruhestein, wo auch das Nationalparkzentrum liegt. Zusammen hat das Gebiet 10 000 Hektar; das ist die Mindestfläche für einen Nationalpark.
Kosten
Derzeit arbeiten 109 Personen für den Nationalpark. Der Etat ist für 2023 mit 10,35 Millionen Euro angegeben. Hinzu kamen für das neue Zentrum, die verkehrliche Erschließung und für ein kleineres Nationalparkhaus in Herrenwies Baukosten in Höhe von grob 50 Millionen Euro. Das Land betont, dass mit der Erweiterung nicht zwingend mehr Personal oder weitere Gebäude benötigt würden. fal