Das Land will zehn Prozent des Staatswalds aus der Bewirtschaftung nehmen. Es geht schleppend voran, doch im Forstbezirk Tauberfranken ist das Ziel nun erstmals erreicht worden.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Seit einem Jahrzehnt ist es das offizielle Ziel der Landesregierung, zehn Prozent der Flächen im Staatswald stillzulegen. So will man dem Naturschutz mehr Raum geben und Biotope verbinden – gerade in Zeiten des klimagestressten Waldes ist dieses Projekt wichtig. Nun ist das Ziel erstmals in einem der 21 Forstbezirke des Landes erreicht worden. In der Region Tauberfranken, die fünf Landkreise im nordöstlichen Landesteil umfasst, konnten jetzt weitere 1000 Hektar an sogenannten Waldrefugien ausgewiesen werden. Max Reger, der Chef der Landesforstverwaltung, sagte: „Mit den verschiedenen Elementen unseres Alt- und Totholz-Konzeptes liefern wir nun flächendeckend wertvolle Trittsteine für den Natur- und Artenschutz.“

Wie Sebastian Schreiber, der Sprecher des Forstministeriums, mitteilte, ist der Forstbezirk Schönbuch ebenfalls auf einem guten Weg. Allerdings soll nicht jeder Forstbezirk für sich die zehn Prozent erreichen; es handelt sich um ein Landesziel.

Um aber kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht bei diesem Zehn-Prozent-Ziel nicht immer darum, echte Schutzgebiete einzurichten. Das war natürlich beim Nationalpark der Fall; und auch in den beiden Biosphärengebieten auf der Schwäbischen Alb und im Südschwarzwald sind ein kleiner Teil von drei Prozent vollständig geschützt. Bannwälder, bei denen größere Flächen vollständig sich selbst überlassen werden, kamen zuletzt aber keine mehr dazu. Sie umfassen derzeit nur rund zwei Prozent der Staatswaldfläche beziehungsweise 0,6 Prozent der Gesamtwaldfläche.

Vielmehr erhöhen sich die nicht mehr genutzten Waldgebiete, die offiziell Prozessschutzflächen heißen, vor allem durch „Waldrefugien“, bei denen ein bis drei Hektar an Fläche aus der Bewirtschaftung genommen werden. Daneben werden „Habitatbaumgruppen“ eingerichtet, die aber nur aus je rund 15 Bäumen bestehen. Beides sind also kleine Gebiete, mit denen man dem Zehn-Prozent-Ziel nur langsam näherkommt.

Acht Prozent des Staatswald werden nicht mehr bewirtschaftet

Insgesamt fallen laut Jonas Esterl vom Forstministerium derzeit schon acht Prozent der Staatswaldfläche unter diesen „Prozessschutz“. Das entspricht knapp 26 000 Hektar – zum Vergleich: die Markungsfläche von Stuttgart umfasst 20 700 Hektar. „Wir sind aber überzeugt, dass wir im Staatswald am Ende auf über zehn Prozent nutzungsfreie Flächen kommen“, sagt Esterl.

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Allerdings, was sich zunächst gut anhört, ist bei näherer Betrachtung ausbaufähig. Der Bund hat ein ähnliches Ziel in seiner nationalen Biodiversitätsstrategie verankert, rechnet aber anders: Dort sollen fünf Prozent der gesamten Waldfläche, also inklusive kommunaler und privater Wälder, geschützt werden. Die bisherige Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vermeldete im Sommer dieses Jahres, dass 3,1 Prozent erreicht worden seien. Baden-Württemberg liegt dagegen bezüglich der gesamten Waldfläche bei gut zwei Prozent, also klar unter dem Bundesschnitt.

Ein Problem sei, so Jonas Esterl, dass der Anteil an Staatswald im Südwesten geringer sei als in anderen Bundesländern – Hessen etwa habe 40 Prozent Staatswald, Baden-Württemberg nur 24 Prozent. So sehr sich Forst-BW also im eigenen Wald anstrengt, so sehr ist man doch auf die Mithilfe der kommunalen und privaten Waldbesitzer angewiesen. Weiter gebe es im Südwesten weniger konfliktfreie Flächen als etwa in Bayern mit seinen Hochgebirgsräumen; es sei also schwieriger, geeignete Flächen zu finden.

Waldbesitzer sollen Anreize erhalten, um mehr für den Naturschutz zu tun

Die Landesregierung will deshalb nun mit einem Förderprogramm Anreize setzen, damit sich kommunale und private Waldbesitzer verstärkt um den Naturschutz kümmern. Das Programm wurde schon 2020 aufgelegt, befinde sich aber noch in der Anlaufphase, so das Ministerium. Aber das Interesse daran sei groß. Zudem können stillgelegte Flächen als Ökopunkte angerechnet werden; gerade Kommunen sind häufig auf der Suche nach Ausgleichsflächen, da sie bei Bauprojekten oft verpflichtet sind, an anderer Stelle etwas für die Natur zu tun.

Eigentlich hätte das Ziel schon 2020 erreicht sein sollen

Trotzdem geht alles langsamer voran als geplant. Denn das Ziel von zehn Prozent wurde schon vor einem Jahrzehnt ausgerufen und sollte eigentlich im Jahr 2020 erreicht sein. Doch das ist nicht gelungen.

Laut Johannes Enssle, dem Chef des Nabu Baden-Württemberg, liegt das vor allem daran, dass der Forst-BW nur über sein Totholzkonzept Flächen ausweisen kann; dieses Konzept erlaube Schutzbereiche aber eben nur in kleinerem Stil. „Was es bräuchte, sind noch ein paar echte Bannwälder, die dann rund 100 Hektar groß sind“, sagt Enssle. Das könne Forst-BW aber nicht selbst angehen, sondern brauche dafür die Zustimmung des Forstministeriums: „Der politische Wille an der Spitze des zuständigen Ministeriums fehlt aber, den Koalitionsvertrag hier wirklich umzusetzen“, kritisiert Enssle ziemlich direkt Forstminister Peter Hauk (CDU).