Naturschutz in Stuttgart Naturschutz fällt hinten runter

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Allerdings lässt sich an dieser Strategie der innerstädtischen Verdichtung exemplarisch zeigen, wie schwierig es in einer Großstadt ist, die richtigen Mittel für einen nachhaltigen Naturschutz zu finden. Denn gerade die Brachflächen in der Stadt, die durch das Flächenmanagement und neue Projekte verschwinden, sind wichtige Rückzugsgebiete für seltene Tiere und Pflanzen - auf den Gleisfeldern im Talkessel finden sich zum Beispiel 700 Tier- und Pflanzenarten. Naturschützer sprechen dabei gerne von einem "Serengeti am Nesenbach".

Ein anderes Beispiel für diese ökologische Zwangslage sind die Biogasanlagen. Sie erhöhen zwar den Anteil der erneuerbaren Energien im Land, da für die Anlagen aber verstärkt Mais angebaut wird, veröden die landwirtschaftlichen Flächen noch stärker - Monokultur, so weit das Auge reicht. Ohne Hecken und Feldraine und ohne eine Vielfalt von Blumen und Kräutern kann aber beispielsweise der seltene Feldhase nicht überleben. Es ist kurios genug, dass der Schlossgarten mittlerweile als sein wichtigstes Rückzugsgebiet in Stuttgart gilt.

Naturschutzbund kritistert Schusters Haltung

Ein wichtiges Ziel des Amtes für Umweltschutz ist es daneben, die noch bestehenden Biotope besser zu verbinden, um den Tieren die Möglichkeit zu geben zu wandern. Diese Vernetzung zu schaffen sei aber ein mühsames Geschäft, sagt Hubert Ott. Oft fehlten Helfer oder Geld, um die Renaturierung umzusetzen. Und erst vor wenigen Tagen hat OB Wolfgang Schuster nochmals klargestellt, dass der Umbau des Klinikums, die Sanierung der Schulen und der Ausbau der Kindertagesstätten fast alle Mittel binden werden. Der Naturschutz fällt mal wieder hinten runter.

Ulrich Tammler vom Naturschutzbund Stuttgart kritisiert genau diese Haltung. Er habe den Eindruck, dass die zuständigen Ämter personell und finanziell ausgedünnt worden seien und heute vor allem Aufgaben in der Energie- und Verkehrspolitik wahrnehmen: "Der klassische Naturschutz ist etwas aus dem Blickwinkel geraten", so Tammler. Dabei schwebt ihm ein großes Ziel vor: Er setzt sich für ein achtes Naturschutzgebiet ein. An der nördlichen Stadtgrenze, bei Pattonville, liegt die Vördere - auf dem Trockenrasen leben Heuschrecken, Käfer und Spinnen; auch Sumpfrohrsänger, Rebhuhn und Goldammern kommen noch vor. Doch das Gebiet droht zu verbuschen und so seinen Wert zu verlieren. "Dort muss man schnell handeln", sagt der Naturexperte. Aber ihm fehlt selbst ein wenig der Glaube, dass dies gelingen kann.




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