Naturschutzverband beklagt Defizite bei den Schülern Keine Ahnung von der Artenvielfalt

Was wächst denn da? Die Natur ist für viele Kinder ein Buch mit sieben Siegeln. Foto: dpa
Was wächst denn da? Die Natur ist für viele Kinder ein Buch mit sieben Siegeln. Foto: dpa

Die Hälfte der Arten könnte verschwinden und keiner würde es merken. Nur noch wenige Menschen kennen die Arten überhaupt, kritisieren Naturschützer. Sie wollen die nachhaltige Bildung an den Schulen in Baden-Württemberg nun entscheidend verbessern.

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Stuttgart - Der Admiral hat eine einprägsame Farbgebung, er ist nicht selten und trotzdem erkennen die meisten Menschen den schwarz, rot, braun gefärbten Schmetterling nicht. Eine Blindschleiche halten die meisten für eine Schlange, dabei ist sie eine Echse und kommt ebenfalls recht häufig vor. Gerhard Bronner, der Vorsitzende des Landesnaturschutzverbands (LNV) könnte die Liste beliebig fortsetzen. Umfragen belegen die mangelhaften naturkundlichen Kenntnisse von Kindern und Erwachsenen. „Ein Großteil der Bevölkerung würde es gar nicht merken, wenn die Hälfte unserer Artenvielfalt verschwinden würde, weil sie die Arten schlicht nicht kennen“, folgert Bronner.

Dem will der Naturschutzverband nun abhelfen.In der bisherigen Schulbildung sieht der LNV „deutliche Verbesserungsmöglichkeiten“. Ein Weg zur Verbesserung könne die fächerübergreifende Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ im neuen Bildungsplan sein. Die Naturschützer regen an, dass die Schüler grundsätzlich mehr raus gehen sollten. „Außerschulische Lernorte“, der Wald, die Streuobstwiese oder der Schulgarten ermöglichen einen dauerhaften Lernerfolg, weil sich die Schüler mit realen Objekten beschäftigen, meint der LNV. Praxisnähe sollte groß geschrieben werden. Der Verband empfiehlt außerdem, „in allen Fächern weniger Stoff solider zu lernen, mehr zu wiederholen, praxisnäher zu lehren“. Mehr Regionalbezug und mehr Werteorientierung wären zudem im Interesse nachhaltiger Bildung, heißt es in der Stellungnahme des LNV zum Bildungsplan.

Kein Schüler ohne Herbarium

Konkret regen die Naturschützer an, dass alle Schüler in Biologie ein Herbarium mit mindestens 20 Pflanzen anlegen sollten und mindestens zehn Pflanzenfamilien kennen sollten. Ein Biotop sollte intensiv untersucht werden, die Metamorphose von Insekten oder Amphibien sollte am lebenden Objekt nachvollzogen werden.

In Erdkunde schlägt der LNV vor, die Siedlungsentwicklung der Heimatregion zu recherchieren und den Umgang mit digitalen und analogen Karten intensiv zu trainieren. Im Chemieunterricht sollten die Schüler eine Umweltbehörde und einen chemischen Betrieb besuchen, in Physik ein thermisches Kraftwerk und eine regenerative Energieanlage. Am eigenen Leib könnten Schüler erfahren, wie viel Kraft für den Betrieb unterschiedlicher elektrischer Geräte nötig ist, wenn sie ein Ergometer einsetzten. Auch der Sportunterricht bietet nach Einschätzung des Naturschutzverbands Raum für die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit. Es müsse der verantwortliche Umgang mit der Natur beim Sport treiben behandelt werden. Verbindliches Training in Erster Hilfe sollte ebenso auf dem Stundenplan stehen wie ein Umweltpraktikum.

Fortbildungen für Lehrer

Das ist eine Herausforderung für die Lehrer. Auch die meisten von ihnen kennen sich in der Natur nicht besser aus als die Durchschnittsbürger, meint der LNV. „Die Arten- und Formenkenntnis der Lehrer hat in den letzten Jahren sehr nachgelassen“, klagt Gerhard Bronner. Zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg macht der LNV auch Vorschläge zur Lehrerfortbildung. Er fordert, dass schon angehende Lehrer im Studium „die Chancen außerschulischer und schulnaher Lernorte“ erfahren und praxisnahe Methoden kennen lernen, wie nachhaltigkeitsbezogene Inhalte vermittelt werden können.

Grundsätzlich sollten Lehrer sich als Weltbürger im Sinne von „global citizens“ verstehen, finden die Naturschützer. Die Lehramtsstudenten sollten die Möglichkeit zu Projekten in Kooperation mit Partnern aus der Region bekommen. Auch in der Weiterbildung sollten Nachhaltigkeitsthemen gestärkt werden. Eigens für die Verbesserung der nachhaltigen naturkundlichen Bildung haben der LNV und die PH Heidelberg das Projekt „Schule wird nachhaltig“ gestartet. Es läuft seit Sommer 2014 und soll fortgesetzt werden, bis die Leitperspektive im Bildungsplan verankert ist.

Mehr als Artenvielfalt

Das Kultusministerium fasst die Leitperspektive für nachhaltige Bildung weiter als der Naturschutzverband. „Schüler sollen lernen wie sie als Konsumenten, im Beruf, durch zivilgesellschaftliches Engagement und politisches Handeln einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können“, erklärt eine Sprecherin von Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Sie sollen nicht nur auf bereits existierende Problemlagen reagieren können, sondern auch an innovativen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen mitwirken können. Es gehe um soziale wie globale Ungerechtigkeiten. Als Kernanliegen der Leitperspektive nennt die Sprecherin „Bereitschaft zum Engagement, Umgang mit Risiken und Unsicherheit, Einfühlungsvermögen in Lebenslagen anderer Menschen und solide Urteilsbildung in Zukunftsfragen“.

Einer Forderung des LNV erteilt das Kultusministerium eine klare Absage. Der Verband verlangt, dass das neue Wahlpflichtfach „Alltagskultur, Ernährung, Soziales“ auch an Gymnasien eingeführt wird. Das sei nicht nötig, so die Sprecherin, die Inhalte würden anderweitig abgedeckt. An allen anderen Schularten werde das Wahlpflichtfach in Klasse sieben eingeführt.

Bildungsplan tritt 2016 in Kraft

Die neuen Bildungspläne sollen im Schuljahr 2016/17 an allen Schulen schrittweise eingeführt werden. Die Implementierung beginnt in den Klassen eins und zwei der Grundschulen und fünf und sechs der weiterführenden Schulen. Vom 14. September bis Ende Oktober läuft die Anhörung . Dann können Betroffene ihre Stellungnahmen abgeben.

Die Bildungspläne werden sechs fächerübergreifende Leitperspektiven beinhalten. Drei sind allgemeiner Natur, drei gelten als themenspezifisch. Am meisten Furore hat bisher die allgemeine Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ gemacht. die beiden anderen allgemeinen Leitperspektiven sind „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Prävention und Gesundheitsförderung“. Die drei themenspezifischen Leitperspektiven sind der beruflichen Orientierung, der Medienbildung und der Verbraucherbildung gewidmet.

Der Landesnaturschutzverband ist der Dachverband von 34 Umwelt- und Naturschutzvereinen. Er zählt 540 000 Mitglieder.

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